Der höchste Konflikt der Welt

Prateek Joshi, Ausgabe I/2019, Oben



Seit dreißig Jahren stehen sich indische und pakistanische Truppen auf einem Gletscher gegenüber

Hoch oben auf dem Siachengletscher gibt es nur eine Jahreszeit: den Winter. Selbst wenn unten in den Tälern des Karakorum an der indisch-pakistanischen Grenze im Sommer erste Hitzewellen ausbrechen, zeigt das Thermometer dort, in 6.400 Metern Höhe, nur selten Plusgrade an. Im Dezember werden sogar regelmäßig Temperaturen zwischen minus zwanzig und minus vierzig Grad Celsius gemessen – und heftige Schneestürme sind an der Tagesordnung. Es ist eigentlich kaum vorstellbar, dass dort jemand lebt. Und doch beheimatet der Siachengletscher Tausende Menschen, genauer gesagt: Tausende Soldaten.

Seit 1984 sind der Gletscher und die umliegenden Gebirgspässe der Schauplatz einer militärischen Auseinandersetzung zwischen Indien und Pakistan. Diese geht auf das Karatschi-Abkommen zurück, das 1949 durch die Ziehung einer Waffenstillstandslinie zwar den Ersten Indisch-Pakistanischen Krieg beendete, für die zerklüftete Siachenregion allerdings keine klare Grenzziehung vorsah. Dieses Vakuum nutzte Indien Anfang der 1980er-Jahre aus und beanspruchte Teile des Gebiets für sich. Pakistan reagierte prompt und entsandte ebenfalls Truppen.

Seitdem herrscht hoch oben in Kaschmir eine militärische Pattsituation, die die Regierungen in Islamabad und Neu-Delhi ein halbes Vermögen kostet. Damit die Soldaten auf dem Gletscher überleben können, wurden bereits vor einem Jahrzehnt Pipelines durch das Eis verlegt. Von gut bestückten Basecamps ziehen auf beiden Seiten regelmäßig Konvois los, bestehend aus Soldaten und ortskundigen Einwohnern, um Lebensmittel auf den Gletscher zu bringen. Und die entlegensten Außenposten werden mitunter gar mit Helikoptern angeflogen, von denen aus Versorgungspakete mit Konservendosen und Sauerstoffflaschen abgeworfen werden.

Aber warum streiten sich Indien und Pakistan überhaupt um einen äußerst unwirtlichen Bergzug? Auch wenn der Politologe Stephen P. Cohen den Siachenkonflikt einst als den »Kampf zweier Glatzköpfiger um einen Kamm« beschrieb, gibt es dafür tatsächlich eine Reihe von Gründen. Sollte Pakistan die komplette Gletscherregion unter seine Kontrolle bringen, dann würde sich die pakistanische Grenze bis nach China ausdehnen – und das Land hätte Zugang zum fruchtbaren Nubra-Tal. Eine Entwicklung, die man in Neu-Delhi gerne verhindern würde. Zudem ist der Siachengletscher für Pakistan vor allem unter hydropolitischen Gesichtspunkten von Bedeutung: Er könnte die knappe Wasserversorgung des Landes in Zukunft auffrischen.

Der wichtigste Grund für den anhaltenden Streit ist allerdings die Tatsache, dass der Gletscher längst zum Zeichen dafür geworden ist, wer in Kaschmir die Oberhand behält. Der Symbolcharakter des Konflikts wurde dabei schon 1987 offenbar, als pakistanische Truppen den Saltoro-Grat, einen strategisch wichtigen Hochpass, besetzten und den »Quaid«-Außenposten eröffneten. Dieser war bedeutungsschwer nach dem Gründervater Pakistans, Mohammad Ali Jinnah, auch als Quaid e Azam bekannt, benannt. Als indische Truppen den Posten wenig später zurückeroberten, tauften sie ihn kurzerhand zum »Bana«-Außenposten um, und ersetzten den pakistanischen Volkshelden so despektierlich mit dem Namen des indischen Generals, der die Rückeroberung angeführt hatte.

Angesichts dieser wenig deeskalierenden Symbolpolitik, die bis heute anhält, wird sich der Siachenkonflikt wohl auch in Zukunft nicht beilegen lassen. Und obwohl es seit einem vorübergehenden Waffenstillstandsabkommen von 2003 tatsächlich nicht mehr zu bewaffneten Auseinandersetzungen gekommen ist, sterben auf dem Gletscher weiterhin Menschen. Bis heute sind Berichten zufolge rund 1.000 indische Soldaten in den eisigen Höhen gestorben. Allerdings kamen nur 220 von ihnen durch Schüsse der Gegenseite ums Leben. Die meisten von ihnen fielen den extremen Wetterbedingungen und Lawinenkatastrophen zum Opfer.



Aus dem Englischen von Caroline Härdter 

 

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