Das ewige Unrecht

Malaika Mahlatsi, Ausgabe II/2019, Schuld



Seit dem Ende der Apartheid stellt sich in Südafrika die Landfrage: Was soll mit Ackerflächen passieren, die einst der schwarzen Bevölkerung weggenommen wurden? Mit einer Reform will die Regierung die Diebstähle nun rückgängig machen

Eines Nachmittags zu Beginn dieses Jahrhunderts prasselten verheerende Regenfälle auf das schwarze Arbeiterviertel Soweto nieder. In jenem historischen Township nahe Johannesburg, das vor allem als Ort der Studentenrevolte von 1976 gegen das Apartheidregime bekannt ist, lebte die sechsköpfige Familie Mahlatsi. Ihr Zuhause war eine kleine, verfallene Hütte mit löchrigem Dach. Das Wasser drang durch die Ritzen in der Decke und den Wänden ins Innere ein und schon bald stand die Hütte unter Wasser. Als der Regen aufhörte, war der Schaden katastrophal: Die Seiten der Schulbücher auf dem Tisch wellten sich, die Kleidung im Schrank war braun gefärbt und das bisschen Mobiliar, das die Familie besaß, war zerstört. Am schlimmsten aber war die Demütigung, die das kleine Mädchen empfand, das durch die Hütte watete und auf Befehl ihrer Mutter alles rettete, was noch zu retten war. Dieses kleine Mädchen war Malaika Mahlatsi, dieses Mädchen war ich.

Heute, fast zwei Jahrzehnte später, würde ich gerne auf diese Geschichte zurückblicken und sagen, dass in Südafrika längst keine Mädchen, keine Jungen, keine Menschen mehr geboren werden, die Ähnliches erleben. Aber es wäre eine Lüge. Das Gegenteil ist der Fall: Das Leben in einer verfallenen Hütte, ohne echtes Hab und Gut, ist auch im Südafrika der Gegenwart kein Ausnahmefall. Rund 3,6 Millionen Menschen leben ohne Land und ohne Rechte in baufälligen Unterkünften in provisorischen Siedlungen. Diese Orte verfügen über keinerlei grundlegende Infrastruktur, keine stete Wasser- und Stromversorgung und keinen Raum für Menschenwürde. Aber so ist es eben, das Leben, in das viele qua Geburt hineingeworfen werden – und so wird es bleiben, wenn die Landfrage in Südafrika nicht geklärt wird.

Die Landfrage, also die Debatte um Landverteilung, Besitz und Gerechtigkeit in Südafrika, ist älter als der Staat selbst. Denn spätestens mit der Ankunft des holländischen Kolonialverwalters Jan van Riebeeck, der 1652 erstmals seinen Fuß auf den Boden setzte, der später Südafrika werden sollte, begann das Leid der dort lebenden schwarzen Bevölkerung. Die holländischen Kolonialisten rissen Ackerflächen gewaltsam an sich oder zogen die lokale Bevölkerung in zwielichtigen Geschäften über den Tisch. Zwei Jahrhunderte später taten die Briten es ihnen gleich – und so hatten die einheimischen Bewohner des Kaps schon gegen Ende des 18. Jahrhunderts all ihre Besitztümer an die Imperialisten verloren. Unter dem Apartheidregime wurden sie im Laufe des 20. Jahrhunderts dann endgültig an den Rand der Gesellschaft gedrängt und lebten fortan in Reservaten, den sogenannten Bantustans.

Diese auch als »Homelands« bezeichneten Areale wurden von der Apartheidregierung eingerichtet, um schwarze Menschen von industriell oder landwirtschaftlich genutzten Flächen fernzuhalten. Die Homelands wurden wiederum nach Stämmen getrennt: Zululand für die Zulu, Transkei und Ciskei für die Xhosa, Gazankulu für die Tsonga, Bophuthatswana für die Tswana, und so weiter. Das Ziel war es nicht nur, die Bewegungsfreiheit der schwarzen Bevölkerung einzuschränken, sondern die Bewohner der Bantustans praktisch staatenlos zu machen. Denn obwohl die Homelands unter der Verwaltungshoheit der Apartheidregierung standen, galten sie nicht als rechtmäßige Teile der Republik Südafrika. 2019 gibt es die Bantustans zwar nicht mehr, aber Millionen schwarzer Menschen leben noch immer auf den bis heute wirtschaftlich und infrastrukturell unterentwickelten Flächen der ehemaligen Homelands.

Als das südafrikanische Parlament im vergangenen Jahr mehrheitlich für eine Änderung von Artikel 25 der Verfassung stimmte, um einer weitreichenden Landreform den Weg zu ebnen, war die Erleichterung bei vielen schwarzen Südafrikanern deshalb groß. Endlich würde das Land, das unseren Vorfahren während der Kolonialzeit und der Apartheid unrechtmäßig abgenommen wurde, zurückgegeben werden. Die weißen Farmer, die heute die großen Agrarbetriebe in Südafrika leiten, müssten zumindest einen Teil ihrer fruchtbaren Ackerflächen abgeben. Immerhin ist ein historisches Unrecht geschehen, immerhin wurden unsere Vorfahren bestohlen!

Doch viele weiße Südafrikaner, diejenigen, die das Land besitzen, wehren sich nun gegen die Reform. Es sei unfair, die heute lebende weiße Minderheit im Land für die Verbrechen ihrer Vorfahren zur Rechenschaft zu ziehen, sagen sie. Sie argumentieren, nicht sie hätten den schwarzen Menschen gewaltsam ihr Land weggenommen, sondern ihre Ahnen. Warum sollten sie also Schuld an der Misere haben? Warum sollten sie für Taten bezahlen, an denen sie keinen persönlichen Anteil haben?
Das klingt erst einmal nicht verwerflich, ist im Kern aber ein ahistorisches und fehlgeleitetes Argument, weil es den Rassismus in Südafrika falsch charakterisiert. Denn dieser geht nicht nur auf die aktiven Entscheidungen längst verstorbener Individuen zurück, sondern ist ein strukturelles Problem. Der Kolonialismus und die Apartheid wirken bis heute nach. Und selbst die progressivsten weißen Südafrikaner, auch die, die sich gegen die Apartheid stellten, haben Privilegien genossen, die schwarzen Südafrikanern verwehrt waren oder gar bis heute qua Geburt verwehrt sind. Sie hatten bessere Wohnbedingungen, genossen eine bessere Ausbildung und andere Vorteile, die ihnen ausschließlich aufgrund ihrer Hautfarbe zuteilwurden.

Es stimmt zwar, dass die heutige Generation weißer Menschen in Südafrika das Land nicht selbst gestohlen hat, aber sie sind Profiteure einer historischen Ungerechtigkeit, die ihnen nach wie vor einen Startvorteil verschafft. Es ist kein Unfall der Geschichte, dass die Muster der Vermögensanhäufung in unserem Land weiterhin der weißen Minderheit zum Vorteil gereichen. Wenn man die Einkommens-, Bildungs- und Eigentumsverteilung betrachtet, dann erkennt man, dass die Apartheid zwar zu Ende ist, ihre Nachwirkungen die Gesellschaft und Wirtschaft Südafrikas aber bis heute prägen. Laut einer Erhebung des südafrikanischen Statistikamts verdienen Weiße fünfmal so viel Geld wie Schwarze, die dieselben Qualifikationen haben und dieselbe Arbeit verrichten. Darüber hinaus besuchen nur knapp drei Prozent der schwarzen Südafrikaner zwischen 18 und 29 Jahren eine Universität; unter weißen Südafrikanern sind es mehr als 17 Prozent.

Warum sonst musste ich, Jahre nachdem ich meine nassen Schulbücher aus der überschwemmten Hütte meiner Familie rettete, das Geld aus meiner ersten Anstellung darauf verwenden, ein Haus für meine Eltern zu bauen? Warum sonst musste schon meine Großmutter sieben Jahrzehnte ohne ein eigenes Zuhause leben? Warum sonst mussten meine Freunde vom Land in die Großstädte ziehen, um für einen Hungerlohn zu arbeiten? Auch ich bin nach dem Ende der Apartheid geboren. Warum soll ich als Nachfahrin der Opfer die Konsequenzen tragen, während die Nachfahren der Täter keine Schuld begleichen müssen?

Der Rassismus in Südafrika ist nicht individuell, er ist systemisch. Also sollten die Lösungen, mit denen wir ihn beseitigen, ebenfalls einem systemischen Ansatz folgen. Insofern darf die von der Regierung angestrebte Landreform nicht als Angriff auf die weiße Minderheit des Landes verstanden werden, sondern ausschließlich als Angriff auf ein System tiefgreifender struktureller Ungleichheit und ungleicher Entwicklung. Das Gesicht von Armut, Arbeitslosigkeit, Analphabetismus und Landlosigkeit in Südafrika ist schwarz, das Gesicht des Wohlstands ist weiß. Daran muss sich etwas ändern, sonst wird das Verbrechen der Enteignung auf ewig fortgeschrieben.

Mitarbeit: Kgabo Morifi

Aus dem Englischen von Caroline Härdter

 

 

 

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