Lachen und Klagen

Noémi Kiss, Ausgabe I/2019, Oben



Das Leben der Tschangos in den Ostkarparten ist hart. Was man erfährt, wenn man ihren Geschichten lauscht

Vor genau zwanzig Jahren war ich zum ersten Mal im Ghime?-Tal – auf Ungarisch Gyimes –, in den verstreuten Dörfern der Tschangos. Die Zugfahrt dauerte einen ganzen Tag und eine ganze Nacht, obwohl die Entfernung nur einige Hundert Kilometer beträgt. Von Budapest bis Debrecen reisten wir noch bequem auf durchschwitzten, rissigen, klebrigen grünen Kunstledersitzen, ab der rumänischen Grenze fuhren mein Kollege Zoltán Ilyés, ein Ethnologe, und ich bereits im Stehen bis Cluj-Napoca (auf Deutsch Klausenburg). Der Schaffner hatte einen Sitzplatz an mehrere Personen verkauft, meine Platzkarte galt für denselben Sitz wie jene einer vierköpfigen Familie. Gegen eine gelbe Toilettentür gelehnt begab ich mich also auf den Weg nach Siebenbürgen, über das ich in meiner Kindheit so viel von meinen Großeltern gehört hatte.

Ich hielt mir die Nase zu. Die Landschaft der Region Ciuc war wundervoll.

Von Miercurea Ciuc (Szeklerburg) legten wir die letzten dreißig Kilometer mit dem Zug in die Region Moldau zurück. Die Gegend um Ghime? liegt in den Kreisen Harghita und Bac?u und wird vom obersten Talabschnitt des Flusses Trotu? durchkreuzt. Aufgrund der Nähe zur Grenze ist Ghime? stark durch die rumänische Kultur der Moldau beeinflusst und daher der Kleinregion Vârful Pagânul, dem sogenannten Heidnischen Schneegipfel, zuzuordnen. Diese Region war nie rein ungarischen Ursprungs, auf keinen Fall so, wie es uns in der Schule beigebracht wurde und wie das romantische Gedächtnis der Menschen in Ungarn die Landschaft heute sieht.Schon allein, um diese Erfahrung zu machen, war jene Reise für mich vor zwanzig Jahren ein einschneidendes Erlebnis. Im Sommer 2018 bin ich wieder hier. Und nun, da ich wieder die von Bächen durchkreuzten Gebirgswiesen der Ostkarpaten erblicke, ist mein Eindruck, dass die Region Ghime? durch die Berge, die Weiden und das Hirtenleben geformt wurde und nicht durch irgendeine nationale Zugehörigkeit, noch stärker.

Der Zug, der die Tschangos aus dem Ghime?-Tal zur Arbeit und auf den Markt bringt, ist eine Kleinbahn mit Holzbänken. Sie verkehrt heute genauso wie vor hundert Jahren. Die Schranken werden von Menschenhand betätigt, es gibt Bahnwärterhäuschen, die Gleise kreuzen mehrmals die Asphaltstraße, auf der heute Pferdekarren und Lastwagen einander ausweichen. Mit Hühnern und Ziegen ruckeln wir an den Dörfern vorbei – frühstücken mit den Leuten von hier Speck, Polenta, Käse und Eier. Das beste Frühstück meines Lebens, fettig und lecker, verspeise ich morgens um fünf. Auf dieser Fahrt höre ich das erste Mal die lebendige Sprache der Tschangos, noch dazu deren Moldauer Variante, ein Gemisch aus Ungarisch und Rumänisch.

Während der Morgen anbricht, steigen wir an der Bahnstation aus. Die im Morgengrauen bereits auf die Weide getriebenen Tiere läuten mit ihren Glocken. Es ist Frühling, die Blumen an den Berghängen zeichnen sich nach und nach durch den Nebel ab. Der Trotu? stürzt mit lautem Getöse aus den Bergen hinab, sein Wasser spült den Abfall hinunter. Auf den Gipfeln neben den Berghütten und Pferchen liegt jedoch noch dick der Schnee, auch die Zweige der Tannen sind weiß vom Raureif. Der Geruch von gekochten Kartoffeln wabert durch die Gärten entlang des Tals, und jener von Polenta mit Quark. Die Schornsteine rauchen. Es kommt mir der plötzliche Gedanke, dass wir an einem der widerlichsten Orte der Welt stehen – doch als der morgendliche Nebel aufsteigt, schlüpft das Tal in sonnige, glänzende Pracht. Die Menschen beginnen den Tag in finsterer Dunkelheit, arbeiten ab morgens um vier, melken, kochen, backen, machen Käse. Die Arbeit kann man an einem frostigen, beißenden Morgen zusammen mit der Rauheit des Rauches fast riechen. Schon früh machen sich die Pferdewagen auf den Weg, die Arbeiter fahren in die Sägewerke, auch die Frauen und die etwa zehnjährigen Kinder arbeiten hart. Sie putzen, kochen, versorgen die Pferde und Hühner.

Die Tschangos lachen viel und reden in einem fort. Bist du fremd, mustern sie dich arglos, sie fragen, machen Witze oder klagen, oft weinen sie auch, wenn sie die ernsteren, meist tragischen Geschichten, die mit Tod enden, erzählen. Es braucht nicht viel Zeit, damit sie sich öffnen. Später erkenne ich den Ursprung ihrer offenherzigen reichen Rede: Das Sprechen, das Sich-Mitteilen und die Aufarbeitung treibt sie in ihrem harten, arbeitsamen Alltag an. Das Holzfällen und das Hüten der Tiere ist eine außerordentlich schwere körperliche Arbeit. Sie reflektieren jeden Moment ihres Lebens, jedes Ereignis. Mit einer unglaublich verdrehten bildlichen Welt, mit Humor und säuerlicher Ironie sprechen sie von der gegenständlichen Welt, die sie umgibt, von ihren Interessen, Sorgen oder moralischen Urteilen.

Schon damals, bei meinem ersten Besuch, habe ich gelernt: Wenn du nicht antwortest oder nicht auf sie achtest, gilt das als große Beleidigung. Sie sind berühmt dafür, sich nur schwer zu versöhnen. Es gehört sich als Gast auch nicht,  Essen und Trinken abzulehnen. Selbst dann nicht, wenn wir uns vor Sattheit schon fast erbrechen müssen, auch der Dank ist eine wichtige Geste. Egal, wer in Ciuc ankommt, sei es ein mittelloser Bettler oder ein Fremder, ein Gast aus dem Mutterland, er wird sofort empfangen und bewirtet. Niemand streunt hier allein – zwischen Bären und verwilderten Hunden – herum, jedem wird geholfen. Die hüttenartigen Holzhäuser mit den hohen Dächern bauen meist die Ehemänner nach der Heirat, die Pferche der Familien stehen auf dem Berg. Ab dem Frühjahr, dem Tag des heiligen Georg, bis zum Katharinentag im Herbst ziehen sie mit den Tieren in die Berghütten hinauf und helfen einander gegenseitig. Zwischen ihrem Zuhause und den traditionellen Bergweiden verkehren sie auf Pferdewagen, der steile Weg ist mehrere zehn Kilometer lang und dauert einige Stunden. Dort oben halten sie Schafe, Ziegen und Kühe. Sie leben im ganzen Jahr von der Käseherstellung, von Urd?, einem Frischkäse, und Schafwolle. Wegen der Wölfe und Bären, die sich in Rumänien stark vermehrt haben, halten sie acht bis zehn wilde Hirtenhunde. Als wir zu einer Berghütte hinaufgehen, höre ich das melodiöse Pfeifen der Hirten, mit dem sie mehrere hundert Tiere zu lenken in der Lage sind. Das wohlklingende Pfeifen begleiten rumänische Melodien und Rhythmen, denn das Hüten der Tiere ist auch hier ein traditioneller Beruf des Altreichs, des Regats.

Im Sommer 2018 steigen wir in einer Pension in Valea Rece ab, auf Ungarisch heißt dieses Dorf Hidegség – Kälte. Ich komme mit dem Entschluss an, an einer Beerdigung teilzunehmen und Bekanntschaft mit dem besonderen Brauch der Totenklage zu machen. Eine Beerdigung wird es nicht geben, jedoch lerne ich Tante Kata kennen. Als sich herausstellt, dass es in unserer Unterkunft keine Eier mehr gibt, gehe ich mit der Herbergsmutter zu Tante Kata hinüber, um welche zu holen. Tante Kata ist über achtzig Jahre alt und wohnt gleich neben dem Friedhof. Ihren Mann hat sie vor zehn Jahren beerdigt. Der alte Kálmán hatte an einem frostigen Morgen Holz auf das Feuer gelegt und war hingefallen, als sie noch unter der Decke in der Stube schlief. »Ein paar Stunden später war er tot, er war nie bei einem Arzt, sein Herz hat ihn hingerafft, seitdem trauere ich um ihn.«

Tante Kata zeigt mir die gute Stube und das andere große Zimmer, hier schliefen sie zusammen, nun ist das Bett leer. Draußen in der Scheune steht ihr hundert Jahre alter Webstuhl, den noch ihr Mann angefertigt hat. Heute webt Tante Kata Flickenteppiche, den Meter für 15 Lei, das sind gut drei Euro. Die Zimmer sind nur noch für die Andenken da, für die Bilder von den Enkeln, die Kleider des verstorbenen Mannes, seinen Stock und Hut, seinen abgetragenen alten Pullover. Tante Kata wohnt in der Küche, dort steht ihr Bett, ihr kleines Radio, dort hängt ihr katholischer Kalender. Sie sagt, ich würde die Klageweiber vergeblich suchen, man habe sie vergrault, die neuen Pfarrer hätten sie verspottet.

Danach gehen wir zum Friedhof hinauf. Er liegt auf einem Hügel, mit einer Holzkirche und Gräbern rundherum. Wenn ein Kind stirbt, wird vom Trauergeleit ein rotes Kreuz getragen, bei einem Erwachsenen ein schwarzes und bei jemandem, der sehr angesehen war, ein weißes. Am Fuß des Hügels befinden sich die Kindergräber, sehr viele, auf dem Weg hoch zur Kapelle jene der Kinder unter sechs Jahren. Bis zum heutigen Tag glaubt man, dass es nicht gut ist, ein krankes Kind zum Arzt zu bringen, den Arzt umhüllen Angst und Tausende von Aberglauben. Wie Tante Kata erzählt, sind die Klageweiber, die in ihrer Trauer das Verscheiden des Toten laut brüllend beweinten, verschwunden. Ihre Arbeit war wichtig, man zahlte dafür, noch vor einigen Jahren konnte man sie in die Sterbehäuser bestellen. Singend erzählten sie von den Tugenden des Toten, riefen ihn in Erinnerung, zögerten seinen Weg ins Jenseits hinaus. Doch für die katholische Kirche Ungarns war das oft überaus ungezügelte, offenherzige Verhalten der laut rezitierenden Frauen zu viel. Die Frauen passten sich an, schämten sich für ihre Arbeit und übernahmen keine Klagen mehr.

Am nächsten Tag gehen wir nach einem Spaziergang durch Iavardi, einen Teil von Lunca de Jos, hinauf zum Wasserfall und zur Kapelle. Dabei erfahren wir, dass am Wochenende das Kirchweihfest zum Magdalenentag stattfindet, an dem das Kreuz durch das Dorf getragen wird. So verpasse ich das rezitierende Klagen schließlich doch nicht ganz, denn bei der Messe am Magdalenentag ist auch das Gebet der Frauen im Ghime?-Tal eine Rezitation, mehrere Hundert Ave Maria. Die katholische Kirchweih ist heute eine der wichtigsten touristischen Sehenswürdigkeiten. Auch in der Region Ghime? hat der Tourismus Einzug gehalten, er sichert den Lebensunterhalt, krempelt aber auch die spezielle Identität der Tschangos um, zwingt sie, ihr eigenes Leben vorzuspielen, oder schließt nicht gefällige Dinge (wie die Beerdigungen mit Totenklage, die Tierhaltung im Sommer und die Bergweiden) aus. Bestimmte archaische Bräuche werden durch den Tourismus verdeckt, entzogen oder verspottet – und nur in ihrer abgeklärten, selektierten Form werden sie in den Identitätswettbewerb einbezogen, der heute in Westeuropa bereits üblich und auch in der restlichen Europäischen Union zu erwartet ist. Die Traditionen werden zu Argumenten einer »Riege der Unterdrückten«, die ihre Benachteiligung aufzeigen und für das politische Identitätsdenken in Ungarn typisch sind.

Die Kinder aus dem Ghime?-Tal werden nicht in die Schule geschickt, um danach in den Westen zu gehen – im Gegensatz zu der ländlichen, abgelegenen Welt im heutigen Rumänien oder in der Ukraine. Die Schule ist hier nicht wichtig, auch heute ist es häufig schwer, die Kinder der hiesigen Familien zum Lernen zu überreden, denn auf dem Berg wird jede arbeitsame Hand gebraucht.
Die rumänischen Dörfer in Moldawien oder der Walachei, die deutschen siebenbürgisch-sächsischen sowie typisch »ungarischen« (auch von den Tschangos im Szekler Umfeld als »ungarisch« bezeichneten) Dörfer sind eigenartige, sich im Tal versteckende Ortschaften und als solche erhalten geblieben. Jetzt aber wird ihnen gerade das Hochhalten des »reinen, authentischen Magyarentums« aufgezwungen und der globale Tourismus bringt ihre Eigenart zum Verschwinden. 

Aus dem Ungarischen von Eva Zador

 

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