»Eine schwarze Frau als Jesus«

Kudzanai Chiurai, Ausgabe II/2019, Schuld



Wie Künstler die Deutungshoheit über die Geschichte verändern. Ein Gespräch mit Kudzanai Chiurai

Herr Chiurai, in Ihrer multimedialen Arbeit stellen Sie Szenen der Kolonialzeit aus dem Süden Afrikas auf eine völlig neue Weise dar. Was treibt Sie an?
Es gab immer nur diese eine, einzige Erzählung der Kolonialzeit. Typische Darstellungen zeigen schwarze Männer, die leiden. Auf den ersten Blick ist klar, wer das Opfer und wer der Täter ist. Gleichzeitig sind diese Darstellungen auch sehr gegendert: Schwarze Frauen sind weitestgehend unsichtbar. Darum habe ich mit den Perspektiven experimentiert. In meinem Film »We Live in Silence« spielt eine schwarze Frau alle Rollen. Das ermöglicht einen interessanten Blick auf die Geschichte und fordert diese gängigen Erzählungen heraus. Wenn man plötzlich jede männliche Rolle von einer Frau dargestellt sieht, sogar die von Jesus, was hat das für eine Wirkung?

Was wollen Sie damit erreichen?
Ich versuche, die verschiedenen Aspekte unserer gemeinsamen südafrikanischen Geschichte zu verstehen und neue Wege zu finden, mich mit ihnen auseinanderzusetzen. Im Grunde genommen ist das der Antrieb hinter meiner gesamten Arbeit: die kolonialen Erzählungen zu untergraben, indem ich Gegenerzählungen erschaffe. Ich kann die koloniale Geschichte nicht neu schreiben, aber ich kann die Möglichkeit schaffen, sich auf eine neue Weise damit auseinanderzusetzen.

Wie befassen Sie sich in Ihrer Kunst mit Schuldfragen der Kolonialzeit?

Koloniale Schuld hat nichts mit mir zu tun. Es mag sein, dass sich einige Leute schuldig fühlen, wenn sie sich meine Kunst anschauen und darin Anspielungen auf ihre persönliche Verbindung zum Kolonialismus entdecken. Aber für mich gibt es dabei kaum etwas zu tun.

In Ihrer Fotoserie »Genesis« erstellen Sie Collagen aus Bildern verschiedener Zeiten …
Ja, wer meine Bilder anschaut, sieht Aspekte der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft. Ich habe zum Beispiel häufig ein Bild aus dem Sklavenarchiv in Kapstadt genutzt, die sogenannte »Zulu Dinnerparty«, außerdem eine kolonial anmutende Tapete. Davor ließ ich Szenen aus dem Leben des britischen Missionars David Living­stone mit neuer Rollenverteilung nachstellen, so besucht er etwa eine schwarze Königin. Mir geht es nicht um eine lineare historische Erzählung; es gibt keinen Endpunkt. Die Geschichte geht immer weiter. Der Kolonialismus und seine Folgen sind nicht auf die Vergangenheit beschränkt. 

Warum spielt der britische Entdecker David Livingstone eine so zentrale Rolle in Ihrer Arbeit?
Ich bezeichne ihn als Abenteurer. Wenn man ihn Entdecker nennt, dann erzeugt das den Eindruck, er habe etwas Unbekanntes entdeckt. Die sambische Stadt Living­stone, oder die berühmten Wasserfälle Victoria Falls, die er nach Königin Victoria benannte. Das ist es, was Entdecker tun: Dinge umzubenennen, die bereits Namen hatten. Ich interessiere mich für Livingstone, weil er den Grundstein für das legte, was in den darauffolgenden Jahrhunderten kommen sollte: Missionsschulen und Handelszentren, die andere als Ausgangspunkt für ihre Expansion im südlichen Afrika nutzten. Ich sehe ihn als Ankerpunkt, um zu verstehen, was im Lauf der Kolonisierung von Südafrika, Simbabwe, Mosambik, Tansania und Malawi geschah. Livingstone war ein wesentlicher Bestandteil dieser Geschichte und der kolonialen Strukturen, die zum Teil bis heute bestehen oder ­nachwirken.

Welche Spuren des Kolonialismus sind in Simbabwe heute noch sichtbar?
In erster Linie die Gewalt. Die Polizei in Simbabwe ist sehr gewalttätig. Menschen werden geschlagen, entführt und die Polizei hetzt Hunde auf sie. Das gibt es seit der Kolonialzeit. Andere Spuren sind Orte, die nach Kolonialherren benannt wurden, Denkmäler, Kirchen, Missionsschulen ...

Welche Rolle spielten Missionsschulen in diesem Kontext?
Sie waren ein wesentlicher Bestandteil der Erziehung, teilweise auch heute noch. Meine Mutter und Großmutter waren auf Missionsschulen. Für sie hatte das einen erheblichen Einfluss auf ihre Weltsicht. Denn das Bildungskonzept an Missionsschulen war nicht gerade zukunftsweisend; es erfüllte einen ganz bestimmten Zweck: Das Christentum sollte propagiert werden und die Menschen wurden dazu erzogen, Teil der kolonialen Institutionen zu werden. So wurde eine ganze Generation erschaffen, die den Kolonisatoren und ihren Institutionen treu ergeben waren. Eine Art weißgetünchter Gehorsam als Norm. Oft wurde das Christentum dazu genutzt, die indigene Bevölkerung gefügig zu machen. Es wurde genutzt, um sie von ihren eigenen kulturellen Praktiken, Erzählungen und Kosmologien zu entfremden.

Wie können diese Nachwirkungen der Kolonialzeit überwunden werden?
Im Kontext von Simbabwe hängen viele Probleme damit zusammen, dass wir nicht offen oder kritisch über die Vergangenheit sprechen: die Unabhängigkeit von den Kolonisatoren im Jahr 1980, daran anschließend die Zeit der Post-Unabhängigkeit unter Mugabe und das damit einhergehende Verständnis von Nationalität ...

Ist es denn nicht möglich, offen über die koloniale Vergangenheit oder die aktuelle Politik zu sprechen?
Es geht nicht um offene Zensur, sondern darum, dass diese Gespräche einfach nicht stattfinden. Das habe ich versucht, mit dem Titel meines Films »We Live in Silence« auszudrücken: Wie sollen Probleme gelöst werden, wenn man sie nicht einmal anspricht? Kunst ist meine Art, diese Schatten zu zeigen. Ich kann allerdings nur alternative Bilder erschaffen und hoffen, dass damit kritische Auseinandersetzungen angeregt werden. Doch die Veränderung muss letztlich in der ganzen Gesellschaft stattfinden.

Das Interview führte Gundula Haage

 

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