»Ich habe kein Land gestohlen«

Kallie Kriel, Ausgabe II/2019, Schuld



Kallie Kriel, der die Interessen europäisch-stämmiger Farmer in Südafrika vertritt, hält eine Landreform für ungerecht

Herr Kriel, in Südafrika steht eine große Landreform an. Die Regierung unter Präsident Cyril Ramaphosa will Land umverteilen, das schwarzen Farmern während der Kolonialzeit und der Apartheid unrechtmäßig weggenommen wurde. Sie gelten als Gegner dieses Vorhabens. Warum?

Ich glaube, dass die Reform nur ein Vorwand ist, um noch mehr wertvolles Ackerland in staatlichen Besitz zu überführen. Die Regierung hat bereits mehr als 4.000 Höfe aufgekauft, aber bisher nur die wenigsten von ihnen an Privatpersonen weitergegeben. Ramaphosa und der Afrikanische Nationalkongress (ANC) geben vor, sich um wirtschaftliche Gerechtigkeit und die ethnischen Beziehungen zu sorgen. Tatsächlich stellen sie jedoch die weißen Farmer als Sündenböcke dar, um sich selbst zu bereichern. Es gibt dokumentierte Fälle, in denen Beamte ihre eigene Familien als Begünstigte von Landumverteilungen angegeben haben. Aber auch wenn alles sauber ablaufen würde, bliebe die Landreform ein fragwürdiges Unterfangen.

Warum?

Weil es zu einer Katastrophe kommen wird, wenn der Staat weiße Farmer enteignet und ihr Land einfach an Menschen weitergibt, die bisher kein Land oder nur wenig Land besessen haben. Um in der Landwirtschaft erfolgreich zu sein, brauchen Menschen Kapital und die nötige Ausbildung. Dafür müsste zuerst gesorgt werden.

Soll das heißen, weiße Farmer sind erfolgreicher als schwarze und deshalb muss alles so bleiben, wie es ist?

Das hat nichts mit der Hautfarbe zu tun. Es gibt auch schwarze Landwirte, die in Südafrika große Betriebe leiten. Aber das Land sollte nicht an Leute gehen, die nicht das Know­how haben, es richtig zu bewirtschaften. Was dann passiert, hat man in Simbabwe gesehen, wo im Jahr 2000 Ähnliches versucht wurde. Es kam zu Lebensmittelknappheit und einem drastischen Anstieg der Arbeitslosigkeit.

Nach dem Ende der Apartheid 1994 gehörten 60.000 weißen Farmern rund 86 Prozent des Ackerlandes. Die zum Teil weniger ertragreichen Restflächen entfielen auf 13 Millionen schwarze Landwirte. Bis heute hat sich diese Verteilung nicht drastisch verändert. Wie sollen schwarze Farmer erfolgreich sein, wenn sie kein Land besitzen?

Ich sage ja nicht, dass wir in Südafrika keine Landreform brauchen, nur dass ihre Umsetzung bisher nicht richtig funktioniert.

Sind Sie dafür, dass es einen Ausgleich für die historische Ungleichbehandlung der schwarzen Bevölkerung in Südafrika gibt?

Jede Forderung lässt sich historisch begründen, wenn man nur weit genug in der Geschichte zurückgeht. Tatsächlich waren die sogenannten Khoisan die erste Bevölkerungsgruppe in Südafrika. Diese wurde jedoch später von Schwarzafrikanern verdrängt, die aus Zentralafrika nach Süden migrierten – und später, im 17. Jahrhundert, eben von den Niederländern. Diese siedelten aber auch auf unbestellten Böden und kauften Land mitunter von Stammesführern. Die Geschichte ist also komplizierter, als sie oftmals dargestellt wird. Ich habe kein Land gestohlen und die weißen Farmer der Gegenwart auch nicht. Man kann sie nicht einfach in Sippenhaft nehmen. Genauso wurde den schwarzen Farmern der Gegenwart nichts weggenommen.

Trotzdem haben die Verbrechen der Vergangenheit für die Nachfahren der Opfer bis heute reale soziale und ökonomische Konsequenzen, oder nicht?

Das gilt es für jeden einzelnen Fall zu überprüfen. Wenn jemand belegen kann, dass das Land seiner Vorfahren unrechtmäßig den Besitzer gewechselt hat, dann muss es einen finanziellen Ausgleich geben. Es darf allerdings keine willkürlichen Enteignungen von weißen Südafrikanern geben, die sich nichts zuschulden haben kommen lassen.

Das Interview führte Kai Schnier

 

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