Die Wartenden

Fiston Mwanza Mujila, Ausgabe III/2019, Nonstop



Es ist 18:22 Uhr in Macadam und alle wollen nach Hause in den Slum Amour. Eine Erzählung

Dieser Schrotthaufen von einem Lastwagen, der zu spät oder gar nicht kam, machte die Leute verrückt, zerstreut, cholerisch, schwermütig und vollends langsam, aggressiv wegen jeder Kleinigkeit und rachsüchtig gegen den Regen, melancholisch, finster, ungeschickt und zudem noch besitzergreifend. Sie flehten gleich bei allen Heiligen um Hilfe, während die Nacht voranschritt und die Beine vor Müdigkeit nachgaben, immer wieder lachte einer wie irr, aus Angst oder Nervosität, und über allem eine ziemliche Katerstimmung. Denn während der Lastwagen auf sich warten ließ, schütteten die Wahnsinnigsten aus dem Pöbel sich einen hinter die Binde, gepanschtes Bier, selbst gebrannten Whisky, Bissap, Djudju-Saft und sonstiges namenloses Gebräu.

18.22 Uhr – 18.34 Uhr – 18.45 Uhr – 18.52 Uhr – 19.14 Uhr – 19.24 Uhr – 19.57 Uhr – 20.08 Uhr.
Die Zeit verging in rasendem Tempo, doch die Schrottkarre mit der Karosserie aus den 1960er-Jahren ließ sich noch immer nicht blicken. Die Spannung stieg und stieg. Stillkinder, Jugendliche und weniger Jugendliche, Erwachsene aller Einkommensklassen, Gesellschaftsschichten, sexueller Ausrichtungen, Parteizugehörigkeiten und Religionen standen zu Dutzenden an der Haltestelle herum, vielleicht sogar zu Hunderten, und traten ungeduldig von einem Bein aufs andere, schwitzten, fluchten endlos vor sich hin, flehten zu den Göttern und warteten auf diesen Lastwagen, der sie zurück in ihren elendigen Slum bringen sollte.  

Macadam war eine Kolonialstadt geblieben, im wörtlichen wie im bildlichen Sinne. Zur Zeit der Belgier, Italiener, Portugiesen und Franzosen war sie in zwei Gebiete ungleicher Größe aufgeteilt worden. Die Vertreter der Kolonialverwaltung, die portugiesischen und griechischen Händler und dergleichen lebten in der Stadt. Im zweiten Ballungsraum, an den Rand der Stadt gedrängt, lebte die schwarze Bevölkerung. Viele von ihnen arbeiteten im europäischen Viertel, als Köche, Gärtner, Diener. Sobald es dunkel wurde, mussten sie, unter der Androhung ausgepeitscht oder ins Gefängnis geworfen zu werden, auf dem schnellsten Wege in ihre Viertel und Bruchbuden ­zurückkehren.

Auch lange nach den Diktaturen und billigen Wahlimitationen bestand die koloniale Ordnung fort. Alles befand sich im ehemaligen europäischen Teil der Stadt, der zum Stadtzentrum geworden war: die Post, die Bank, die erstklassigen Restaurants, die Supermärkte, die guten Schulen, die Drei-Sterne-Bordelle, die Kinos. Und der Pöbel aus dem Slum Amour riss sich an jedem gottgegebenen Tag aus seiner Lethargie, in der Hoffnung, sich den Bauch vollzuschlagen, eine der unzähligen verwaltungstechnischen Formalitäten zu erfüllen oder den Teufelskreis der Arbeitslosigkeit zu durchbrechen. Beamte, Marktschreier mit Zeitungen, Taschentüchern, Bananen oder Talismanen; Zuhälter im Ruhestand, Boxer ohne Club, Schülerinnen und Schüler, alle hetzten sie zur Arbeit in die Stadt. Selbst die Gauner, Taschendiebe, Schmuggler von allem möglichen Zeug (Zucker, Maniokmehl, Palmöl) und Straßenräuber bewegten ihren Arsch dorthin, denn im Slum Amour gab es nichts zu stehlen oder zu verticken.

21.34 Uhr – 21.38 Uhr – 21.43 Uhr – 22.46 Uhr.
Der Lastwagen kam immer noch nicht. Auf die Unruhe folgte Wut, auf die Wut Angst, auf die Angst Traurigkeit, und am Ende gewann die Wut wieder die Oberhand. Normalerweise brauchte der Lastwagen zwei Stunden, um an seinem Zielort anzukommen. War der Weg blockiert von Megastaus, wie es meistens der Fall war, erreichte die Schrottkarre die heruntergekommenen Viertel von Amour erst mindestens eine Stunde später. An diesem Abend war die ganze Strecke nach Amour von Staus verstopft, und als wäre das nicht schon genug, war ein Sturzregen über der ganzen Region niedergegangen. Die Flüsse waren über die Ufer getreten und das Wasser bahnte sich seinen Weg in die Straßen, Wohnungen, Parks …

23.19 Uhr – 23.25 Uhr – 23.27 Uhr – 23.29 Uhr – 23.32 Uhr – 23.33 Uhr – 23.34 Uhr – 23.35 Uhr – 23.36 Uhr.
Der Lastwagen ließ sich noch immer nicht blicken und dem Pöbel aus Amour war nicht entgangen, dass bei diesen Sturzbächen ein Wunder nötig war oder sogar zwei oder drei, um noch nach Hause zu kommen. Das befeuerte die Wut ebenso wie die Unruhe. 

23.46 Uhr – 23.48 Uhr – 23.51 Uhr – 23.53 Uhr – 23.56 Uhr.
Kein Lastwagen in Sicht und niemand aus dem Pöbel, der sich ein Herz fasste und es wagte, zu Fuß ins traute Heim zurückzukehren. Aus gutem Grund, denn Amour war nicht nur der schmutzigste und am dichtesten bevölkerte Slum der Stadt, sondern auch der am weitesten entfernte. Auch neueste Nachrichten trugen dazu bei, den Eifer der Mutigen und anderer Abenteurer zu dämpfen: Nachdem die Wassermassen fünf Hauptstraßen verschlungen und eine Brücke zum Einstürzen gebracht hatten, flossen sie nun auf den Slum zu.

2.35 Uhr – 2.48 Uhr – 2.52 Uhr – 2.53 Uhr – 2.54 Uhr.
Der Lastwagen war immer noch nicht aufgetaucht und mit einem Mal begannen die Leute, die sich munter weiter beschimpften, wie aus einer Kehle leidenschaftlich und schwungvoll zu singen. So als wollten sie den Regen und die Überschwemmungen verspotten. Als wollten sie sich lustig machen über die Müdigkeit. Als wollten sie sich lustig machen über das Unheil. Als wollten sie auf den Lastwagen pfeifen. Sie alle teilten ein Schicksal, den Niedergang dieser Schrottkarre, die mittlerweile überdeutlich im Rückstand war. 

2.55 Uhr – 2.56 Uhr – 2.58 Uhr – 3.05 Uhr.
Mit der Zeit breitete sich eine friedliche Atmosphäre aus. Die Kohlhändler plauderten mit den Journalisten. Die potenziellen Diebe rangelten mit den Studenten, aber ohne übermäßige Gewalt. Polizisten rauchten eine Kippe mit den Wegelagerern. Die professionellen Pokerspieler, die ebenfalls ins Zentrum getingelt waren, um über die Runden zu kommen, tauschten sich untereinander aus und rivalisierten unter lautem Gelächter. Ein Orchester begann, ein allseits bekanntes Stück zu intonieren. Wer eingeschlafen war, wachte jetzt auf, um zu applaudieren oder ein Tänzchen zu wagen. Ein junger Mann gab den Propheten, verausgabte sich bei seiner langen Predigt, in der er den Lastwagen-Bus mit der Arche Noah verglich und den Pöbel mit den Tieren und die Überschwemmung mit der Sintflut. Ein Taschendieb, der sein Glück versuchte, wurde auf frischer Tat ertappt. Die Menge stürzte sich auf ihn. Die Soldaten, die gerade ein Bier tranken, feuerten Schüsse in die Luft ab, um die Ordnung wiederherzustellen. Wenn auch nur für kurze Zeit. Gelächter. Sarkastische Bemerkungen. Fürze. Rufe. Salsa, Polka, Gangnam Style und immer wieder Gangnam Style.

Gegen drei Uhr morgens ertönte ein lautes Dröhnen gefolgt von Gehupe. Das war der Lastwagen, der endlich aufkreuzte. Wer sich zum Schlafen auf den Boden gelegt hatte, war sofort hellwach. Die Diebe hörten auf zu stehlen. Die Soldaten hörten auf, ihr Diamba zu rauchen. Die Imbiss-Mamas unterbrachen ihre Unterhaltung. Die Schülerinnen und Schüler jubelten vor Freude. Alle rannten auf das Gefährt zu. Sie kletterten auf den Lastwagen, bevor er zum Stehen gekommen war. Im Handumdrehen war die Karre voll bis oben hin. Wem es nicht gelungen war, sich an ihr festzuklammern, stellte sich ihr in den Weg. Zwischen den beiden Parteien entfachte sich eine lange Diskussion. »Ihr fahrt nicht ohne uns!«, schrie ein junger Mann wie vom Geist des Zongo besessen. Währenddessen setzte die Zeit unbeirrt ihren Weg fort.
4.48 Uhr – 4.52 Uhr – 5.53 Uhr – 5.55 Uhr.

Aus dem Französischen von Lena Müller und Katharina Meyer

 

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