Besser und reiner als im Tal

Archil Kikodze, Ausgabe I/2019, Oben



Weshalb die Georgier sich als Gebirgsnation verstehen

 



In Georgien wurden die Geschichten in den Bergen nicht aufgeschrieben, sondern nur mündlich überliefert, von einer Generation zur anderen. Daraus wurde zuerst ein Gedicht, dann eine Ballade und zum Schluss ein Mythos. Auch Daten lassen sich deshalb in den Bergen schwer erhalten. Sie haben dort fast keine Bedeutung. Andererseits wird einem ganz genau gesagt, wo sich die eine oder andere Geschichte zugetragen hat, wo jemand verunglückt ist, woher ihn der Feind überfallen hat.

Im Ostkaukasus liegt die Region Chewsuretien, die ich immer wieder ergründe. Zum Beispiel hatte ich schon vor langer Zeit von der blutigen Auseinandersetzung zweier Dörfer, Guro und Schatili, wegen ihrer Weidstellen gehört, die in eine jahrzehntelange Vendetta ausartete. Ich recherchierte mehrere Jahre, wann dieser Konflikt begonnen hatte, bis ich schließlich herausfand, dass der erste Kampf zwischen den Dörfern 1900 stattgefunden hat. Dabei waren die Gewinner in diesem ersten Zusammenstoß wohl mit Gewehren bewaffnet und die Verlierer nur mit Säbeln. Im Kaukasus dauerte das Mittelalter bis ins 20.?Jahrhundert an; es klingt paradox, aber eine Zeit lang sogar parallel zur Sowjetunion.

Der Kaukasus und seine Berggeschichten haben für das georgische Volk einen hohen Wert. Die Berge sind im Narrativ unserer Schriftsteller eine heilige Stätte, wo die Menschen besser und reiner als im Tal sind. Auch die Stadtbewohner in Georgien versichern einem unbedingt, dass sie aus einem Gebirgsland kommen, dass der Kaukasus die schönsten Berge der Welt hat und dort ein besonders gastfreundliches Volk lebt. Das scheint unser Nationalcharakter zu sein. Wir haben auch ein Meer, waren aber niemals Seeleute. Das Meer ist ein Durchgang, das Gebirge aber eine Sackgasse. Wir streben immer den Bergen zu.

Ohne die Berge hätte das Georgische Reich nicht überleben können. Die Berge waren Zufluchtsort, Helfer und Versteck für die einfachen Menschen, die geflüchteten Monarchen sowie für materielle und immaterielle Schätze. Ohne die engen Schluchten im Kaukasus hätte Georgien, das immer schon von starken Eroberern umgeben war, nicht bis zum 19.?Jahrhundert überleben können. Als Vergleich sei das Königreich Armenien in der Nachbarschaft angeführt, das auf der Hochebene liegt und seit dem 10.?Jahrhundert nicht mehr als eigenständiges Königreich existieren konnte.

Das Gebirge ist bis heute etwas Archaisches. Unsere Berge und insbesondere der Ostkaukasus sind ein Eldorado für Ethnografen und Anthropologen. Hier werden immer noch vorchristliche Rituale ausgeübt. Oft konnte ich in Chewsuretien Bräuche und Feste erleben und mit der Kamera aufnehmen, etwa ein spezielles Pferderennen, bei dem auch das Pferd eines gerade Verstorbenen teilnimmt. Man nennt es das »Seelenpferd«. Das Rennen führt mit sattellosen Pferden über die Gebirgspfade und endet am Haus des Verstorbenen. Diese Rituale werden ganz mechanisch, ohne genaueres Wissen, durchgeführt. Das ist eine einzigartige Situation, wenn das Wissen abhandengekommen ist und die Rituale immer noch durchgeführt werden.

Außerdem sind die Berge schwer kontrollierbar. Das Gesetz ist weit weg. Auch unter dem strengen sowjetischen Regime hatte jeder aus der Bergbevölkerung im Kaukasus, und darunter die Chewsuren, ein Gewehr zu Hause liegen. Und weil die Gesetze der Gastfreundschaft in den Bergen immer am stärksten zählten, gewährte man hier den Regimeflüchtigen Unterkunft, egal ob den georgischen Patrioten, die in den 1920er-Jahren gegen die Kommunisten kämpften, oder den tschetschenischen Aufständischen, die sich in den 1990er-Jahren gegen Russland erhoben und oft die georgische Grenze überquerten, um kurz Luft zu holen. Wegen dieser Gastfreundschaft wurden die Chewsuren oft bestraft und 1953 durch die »leichte« Hand Stalins sogar ins Tal umgesiedelt. Chewsuretien wurde vollkommen entvölkert. Später kehrte ein kleiner Teil der Bevölkerung in die Berge zurück, aber die chewsurischen Festungsdörfer konnten sich nie mehr in ihrem ursprünglichen Glanz präsentieren. Ihre Wirtschaft konnte sich nicht mehr selbst erhalten und es wurden keine traditionellen Getreidesorten mehr angebaut. Ökonomisch gesehen war das Gebirge seitdem vom Tal abhängig.

In den 1990er-Jahren erlebte ich den Prozess der Abschaffung der Traditionen und Riten im Gebirge. Früher wurde die Jagd durch traditionelle Regeln kontrolliert. Für jeden männlichen Bergbewohner war ein Steinbock eine Traumbeute. Dieser lebte auf über dreitausend Metern Höhe auf den unzugänglichsten Felsen und sein Erlegen war für die jungen Männer eine Prüfung für das Erwachsenwerden. Trotzdem wurden die Steinböcke von den Chewsuren und anderen Bergvölkern nur in Maßen erlegt, weil sie glaubten, für die »Tiersünde« büßen zu müssen und dass dafür ihnen oder ihren Nachkommen ein Unglück zustoßen würde.

Diese traditionelle Regulation funktionierte bis in die 1990er-Jahre. Danach wurde im unabhängigen Georgien das Wild von mafiösen Eliten und Armeegenerälen direkt aus dem Hubschrauber gejagt. Da gab die Bergbevölkerung, die diese Prozesse von unten beobachtete, ihre alten Traditionen auf und entschied sich, das »eigene Wild« selbst zu erlegen, ohne jegliches Mitleid. Zudem gab es damals in den Bergen außer den Gewehren schon die verfluchten Kalaschnikows zuhauf … Somit waren die 1990er-Jahre nicht nur für die Menschen, sondern auch für das Wild eine tragische Epoche.

Um die Jahrtausendwende lebten in Chewsuretien nur noch sehr wenige Menschen. Ein Dorf mit sieben bis acht Familien galt schon als eine große Siedlung. Im chewsurischen Dialekt bezeichnet man die Familie als »Qwamli« (»Qualm«), da man nur diejenigen als Einheimische zählt, die auch den Winter in den Bergen verbringen und aus deren Haus Qualm aufsteigt. Ich kannte solche Menschen, die ganz allein im Wohnsitz ihrer Vorfahren lebten. Der Qualm stieg nur noch aus ihrem Schornstein auf, während das Dorf vor ihren Augen von Jahr zu Jahr zu Ruinen zerfiel. Diese Menschen verbrachten fünf bis sechs Wintermonate abgeschnitten von der Außenwelt und kämpften jeden Tag ums Überleben. Viele erlagen diesem dramatischen Kampf, erfroren unterwegs, ertranken im Fluss oder gerieten in eine Lawine. Viele hielten es nicht durch und zogen ins Tal. In meiner Erinnerung wurde Chewsuretien immer leerer.

Seit 2004 boomt in Georgien der Tourismus, der einem Teil der Bergbevölkerung, auch der Chewsuren, zugute kommt. Familien-Hostels entstehen, Pferde werden zum Transport der Lasten ausländischer Touristen über die Pässe bereitgestellt, eigene Ökoprodukte an diese verkauft. Zwar wurde die traditionelle Gastfreundschaft durch die »Monetenbeziehung« abgelöst, aber die Bergbewohner können nun von ihrem Bergleben profitieren. Bisher lebten diese Menschen nur von der Viehzucht oder der Kartoffelernte. Sie waren (mit zig Rindern, Tausenden Schafen und Tonnen von Kartoffeln) vielleicht reicher als ich, besaßen aber nie Bares. Sie tauschten ihre Produkte gegen andere aus, die die Händler im Spätherbst mit großen Lastautos hochbrachten. Der Tourismus veränderte alles. In den Bergen kam Bargeld im Umlauf. Nicht alle Bergbewohner, aber ein Teil von ihnen wurde wohlhabend.

Indessen entwickelte sich in anderen Teilen Georgien der Tourismus ziemlich chaotisch. Trotzdem kam es in Chewsuretien und Tuschetien auf der anderen Seite des Gebirges, im Unterschied zu den zwei anderen Bergregionen Swanetien und Chewi (Bezirk Kasbegi) nicht zu Massentourismus. Der Grund dafür ist wohl das Fehlen einer umfassenden touristischen Infrastruktur. Durch Chewsuretien führen einige sehr beliebte Wanderpfade, über die man von Kasbegi aus bis nach Omalo in Tuschetien kommt und auf denen man zu Fuß den gesamten östlichen Kaukasus bewandern kann. Auf diesen Pfaden sind meistens Europäer auf Trekking-Tour. Menschen, die sich für die wilde Natur begeistern und selbst minimalen Schaden anrichten.

Doch unlängst hatte die georgische Regierung die völlig absurde Idee, die drei Bergregionen durch einen Highway zu verbinden. Dieser soll den Kaukasus über 3.000 Meter an mehreren Pässen durchqueren. Bisher gab es zwischen den drei Bergregionen keine Verbindungsstraßen. Man kann sie jeweils aus dem Tal erreichen. Jede Region ist eine Sackgasse für sich und grenzt direkt an die Russische Föderation. Das sind kleine versteckte Bergparadiese.

Falls dieses Projekt, das so viele Gegner hat, realisiert wird, kommt es zur Zerstörung der Natur des östlichen Kaukasus (die Straße würde einige Naturschutzgebiete und Nationalparks durchqueren) und der kleinen Familienunternehmen, an deren Stelle riesige Hotels errichtet würden. Die Anzahl der Touristen wird dann steigen, aber das hieße Massentourismus mit all seinen Folgen. Wenn das passiert, würde die Natur- und Kulturvielfalt von Georgien um vieles ärmer werden. Der größte Albtraum wäre für mich, einen chewsurischen Freund oder seine Nachkommen in der Uniform eines Groupiers oder Concierge zu erleben.

 



Aus dem Georgischen von Natia Mikeladse-Bachsoliani

 

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