»Auch die Türken glaubten, es könne nicht so schlimm kommen«

Ece Temelkuran, Ausgabe III/2019, Nonstop



Die Autorin und Journalistin Ece Temelkuran zeigt, wie stark sich die Methoden von Rechtspopulisten in der Türkei, in Europa und den USA gleichen. Ein Gespräch

Frau Temelkuran, für wen haben Sie Ihr Buch »Wenn dein Land nicht mehr dein Land ist« geschrieben?

Ich wollte Menschen in anderen Ländern von den Erfahrungen in der Türkei berichten, weil ich in vielen Ländern eine ähnliche Misere beobachte, mit den gleichen Mustern. Ich wollte verhindern, dass sie genauso viel Zeit vergeuden wie wir in der Türkei. Der Rechtspopulismus ist meiner Ansicht nach ein globales Phänomen. Man sollte ihm mit einer globalen politischen Antwort begegnen. Darum müssen wir alle mitdiskutieren.

Wie reagieren die Menschen darauf, dass Sie, als türkische Frau, davor warnen, dass es anderen Ländern so ergehen könnte wie der Türkei?

Wenn eine Frau aus diesem verrückten Land kommt und sagt, ich erzähle dir jetzt mal, was als Nächstes in deinem Land passieren wird, dann empfinden manche Leute das als Beleidigung. Irgendwie scheint es für einen britischen oder niederländischen Intellektuellen ganz normal zu sein, über türkische Politik zu sprechen. Aber wenn eine türkische Schriftsteller in das umgekehrt tut, ist das, milde gesagt, unerhört. Als ich in Amsterdam über die Ähnlichkeiten zwischen der niederländischen und der türkischen Politik und den Umgang mit dem populistischen Politiker Thierry Baudet sprach, meldete sich ein Journalist aus dem Publikum zu Wort und sagte: »Aber Sie sind Muslimin.« Ich sagte: »Na großartig, meinen Sie, das Christentum wird Sie vor dem Rechtspopulismus schützen?« Natürlich ist die Lage in jedem Land anders. Aber deswegen habe ich über die Gemeinsamkeiten geschrieben. Ich habe es nicht nur getan, weil der Rechtspopulismus eine globale Reaktion erfordert, sondern auch, um mein Land zurückzubekommen: Ich benötige ebenfalls globale Solidarität.

Sie nennen sieben Anzeichen, an denen man rechtspopulistische Ideen erkennt.

Mein Buch ist auf ironische Weise für angehende Diktatoren geschrieben, es ist e in Handbuch, wie man in sieben Schritten eine Diktatur errichten kann. Dafür gibt es momentan einen großen Markt. Das Buch soll zu einem Gespräch einladen.

Viele Länder glauben, sie seien immun gegen ein autoritäres Regime, die Menschen meinen: So weit wird es bei uns schon nicht kommen.

Die Illusion einer Immunität ist ein weit verbreitetes Muster. Sie könnte sogar noch ein achtes Anzeichen sein. Auch in der Türkei glaubten die meisten Intellektuellen, Journalisten, und Politiker noch vor 15 Jahren, es werde schon nicht so schlimm kommen. Wir dachten, so etwas würde vielleicht im Iran, im Irak, in einem dieser »verrückten« arabischen Länder passieren. Aber dann passierte es in der Türkei. Genau wie das Brexit-Referendum in Großbritannien geschah.

Wir reden über »Rechtspopulismus«. Sind Sie mit dem Begriff zufrieden?

Überhaupt nicht. Ich denke, es ist ein verharmlosender Begriff. Wir wollen nicht »Faschismus« sagen, weil das einen seltsamen Beigeschmack hat. Wir wollen nicht »Autoritarismus« sagen, weil das nicht wirklich passt. Das Wort »Rechtspopulismus« scheint dagegen allen zu behagen. Obwohl ich es als politischen Wahnsinn bezeichnen würde, eine moralische Katastrophe. In dem Buch behaupte ich, dass er nicht plötzlich über uns kam, sondern dass er die sehr konsequente Weiterentwicklung der neoliberalen Ideologie ist, die der Welt in den letzten vierzig Jahren aufgezwungen wurde.

Den Populisten ist es gelungen, eine Bewegung zu schaffen, ein Gefühl der Gemeinsamkeit unter ihren Anhängern zu produzieren …

Nach dem Zweiten Weltkrieg glaubte man, die Menschen würden nicht mehr dem Zauber des Wortes »wir« erliegen, dem Zauber der Totalität. Heute dagegen sehen wir, dass sie das durchaus tun können. Aber die Menschen bilden keine Parteien mehr, sondern versuchen, Bewegungen zu schaffen.

»Stolz« und »Würde« sind zwei zentrale Begriffe, die Rechtspopulisten häufig beanspruchen.

 Die gesamte politische Debatte zwischen Rechten und Linken wird in den kommenden Jahren weltweit unter diesen beiden Begriffen geführt werden. Wir Linken sprechen auch von Würde, wir wollen unsere Würde zurück von der herrschenden neoliberalen Ideologie, die sie uns gestohlen hat. Die rechten Spindoktoren dagegen versprechen den Menschen, ihren gebrochenen Stolz zu heilen. Auf diese Weise schüren sie Gewaltbereitschaft unter den Massen. Der Unterschied besteht darin, dass es bei Würde um menschliche Liebe und Gleichheit geht, während Stolz sich automatisch auf Hierarchie und Feindseligkeit bezieht.

In Deutschland diskutieren wir gerade darüber, ob wir mit Rechtspopulisten reden und versuchen sollten, ihre Argumente zu verstehen. Was halten Sie davon?

Ich finde, dass ich nicht mit rechtspopulistischen Führern kommunizieren muss. Wir finden keine gemeinsame Basis. Denn erstens, und das ist ein weiteres gängiges Muster, das ich in meinem Buch beschreibe, zerstört der Rechtspopulismus das Rationale und terrorisiert die Sprache. Zweitens sind wir, die Kritiker des Rechtspopulismus, auf globaler Ebene momentan nicht auf der Gewinnerseite. Wenn wir also darum bitten, eine gemeinsame Basis zu finden, bedeutet das im Grunde Kapitulation. Ich könnte mir vorstellen, dass Deutschland mit seiner Tradition politischer Denker am ehesten Antworten darauf finden wird, diesen Mechanismen zu begegnen.

Sie leben mittlerweile nicht mehr in Istanbul, sondern in Zagreb. Was passiert mit einem Land, wenn seine Bürger beschließen, dass es nicht mehr ihr Land ist, und gehen?

Ich glaube nicht, dass wir unsere Länder verlassen haben – wir, die wir von der Türkei nach Deutschland, nach London oder an andere Orte gegangen sind. Wir sind körperlich nicht anwesend, weil wir versuchen, zu überleben. Wir sind jetzt Bürger eines anderen Landes: des Landes der Bildschirme. Wie Iraner oder Syrer kleben wir an unseren Computern, Fernsehern und Telefonen und schauen auf unsere Länder. Diejenigen, die in der Türkei geblieben sind, kommen sich überflüssig vor. Vor allem Akademiker, die ihrer Arbeit nicht nachgehen können und häufig keinen Pass bekommen, um auszureisen. Die Menschen werden diskreditiert, unterdrückt und inhaftiert. Doch das Schlimmste ist in der Türkei im Moment, dass viele Herzen gebrochen werden. Eins der Dinge, das autoritäre Regime uns rauben, ist die Lebensfreude. Und der einzige Weg, diese Freude zu bewahren, ist Solidarität. Ich überlege, ein neues Buch zu schreiben und darin den Begriff der Freundschaft zu politisieren. Nicht, weil ich sie brauche, sondern weil ich denke, dass die Welt ein neues politisches Instrument benötigt, das neuer ist als die Bewegung und die Partei: die Idee der Freundschaft.

Aus dem Englischen von Claudia Kotte

Das Gespräch führte Dilek Güngör im April 2019 im Rahmen einer Veranstaltung im Roten Salon der Berliner Volksbühne.

 

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