Bye Bye Britain

Jess Smee, Ausgabe I/2019, Oben



Mit Songs, Skulpturen und Installationen leisten britische Künstler Widerstand gegen den Austritt ihres Landes aus der Europäischen Union

Der britische Elektromusiker Matthew Herbert ist einer der wenigen, der ganz genau weiß, wie er den 29. März 2019 begehen wird: Er wird die neue Platte seiner Brexit Big Band feiern. Denn für jenen Tag – mehr als mehr zwei Jahre nach dem alles entscheidenden Referendum – ist der endgültige Austritt Großbritanniens aus der EU geplant. Noch ist unklar, wie genau dieser Austritt vonstattengehen soll. Herbert hält überhaupt nichts von der britischen Entscheidung, die EU zu verlassen: »Es ist beschämend, entmutigend und ohne auch nur die geringste positive Vision für das Großbritannien, das wir uns wünschen.« Aus Protest hat er die Brexit Big Band gegründet. Die paneuropäische Truppe ist seine selbstbewusste Reaktion auf den Brexit. Sie tourt durch ganz Europa, nimmt neue Songs auf, gibt neben Konzerten auch Workshops und setzt dabei ein klares Zeichen für die Vielfalt. Wie viele andere Briten war Herbert überrascht vom Ausgang des Referendums – und gleichzeitig tief betroffen. Doch er betont, dass er das Ergebnis akzeptiere. Aber der Brexit habe das Land polarisiert. Das bekam Herbert am eigenen Leib zu spüren. In der Presse hieß es, dass seine Brexit Big Band von der britischen Musikindustrie finanziert werde, um die öffentliche Meinung gegen einen Austritt aus der EU zu beeinflussen. In den sozialen Medien wurde Herbert von den sogenannten Brexiteers wüst beschimpft. Er nutzte die Erfahrung als Inspiration für seinen Song »S**t storm«.

Herbert ist nur einer unter vielen britischen Kreativen, die den bevorstehenden Ausstieg aus der EU zu verarbeiten suchen. Schon vor der Abstimmung gab es kreative Proteste: Die in Berlin lebende Künstlerin Tacita Dean gestaltete eine Serie von 14 »Remain«-Postern renommierter Künstlerinnen, darunter eine Kreidetafel mit dem Schriftzug »Wählt die Zukunft, nicht die Vergangenheit. Geht wählen, um in Europa zu bleiben«. Der Künstler Grayson Perry, der für seine Keramiken und Auftritte in Frauenkleidern bekannt ist, legte das Land kurzerhand auf die kunsttherapeutische Couch: Er schuf zwei riesige Keramikvasen und suchte Kontakt zu Menschen aus dem »­Leave«- und aus dem »Remain«-Lager. Seine Recherchen führten ihn an Orte wie Boston Lincolnshire in Nordengland, wo sich 75 Prozent der Menschen für eine Trennung von der EU aussprachen, und in die Yogastudios des Londoner Stadtteils Hackney – einer »Remain«-Hochburg. Diese Menschen sollten ihm Bilder für die Gestaltung der Vasen schicken, die er so zu einer Art »Kaminsims der Nation« umgestaltete. Als seine Vasen im letzten Sommer in der Londoner Serpentine Gallery gezeigt wurden, waren sie ein Publikumsmagnet. Aus der Ferne betrachtet ist es unmöglich, die politische Gesinnung der Gefäße zu erraten. Nur aus nächster Nähe erkennt man, dass die »Leave«-Vase mit Winston Churchill, Nigel Farage und anderen bemalt ist, während die »Remain«-Vase küssende Pärchen und Kunstmuseen zeigt. Interessanterweise schlugen sowohl Brexit-Befürworter als auch Brexit-Gegner David Bowie und den Brotaufstrich Marmite als Symbole für die jeweilige Vase vor, und beide sprachen sich für die Farbe Blau aus. In der Vorbereitung sei ihm, so Perry, die »Abstraktheit und Verschwommenheit der Beweggründe« in beiden Lagern aufgefallen.Doch während Perry sich um einen unparteiischen Umgang mit der Politik bemüht, sprechen sich andere britische Künstler entschieden gegen den Brexit aus. Der Londoner Bahnhof St Pancras, durch den Tausende auf dem Weg zum Zug nach Paris strömen, ist derzeit in pinkfarbenes Licht getaucht. Die Künstlerin Tracey Emin hat einen zwanzig Meter langen neonfarbenen Schriftzug angebracht mit den Worten »I want my time with you«. Was wie ein Liebesbrief klingt, ist ihre Antwort auf den Brexit. Nach der Einweihung sagte Emin: »Ich bin zutiefst besorgt um Europa und dass wir in einem Jahr nur noch eine winzig kleine Insel sein werden, die in der Nordsee herumschwimmt. Es ist Wahnsinn.« 

Viele Kunst- und Kulturschaffende stehen vor ganz praktischen Problemen. Werden sie in Zukunft Arbeitsvisa benötigen, um auf Tournee gehen zu können? Wie teuer wird der Transport von Instrumenten und Kunstwerken sein? Die Creative Industries Federation schlägt deswegen Alarm. Anfang des Jahres erklärte sie, wenn es zu keiner Einigung über die Freizügigkeit käme, wäre dies »katastrophal« für den Status Großbritanniens in der internationalen Kulturszene. Gleichzeitig könnte das Land den Zugang zu EU-Fördermitteln für Kunst und Kultur verlieren, die sich nach Angabe des Arts Council England auf rund 45 Millionen Euro im Jahr  belaufen. Die EU-Kulturförderung für britische Organisationen ist bis 2020 gesichert; was danach kommt, ist unklar. Ironischerweise würde der Verlust von Fördermitteln gerade jene Regionen in England besonders treffen, in denen die meisten Menschen für den Brexit gestimmt haben. Untersuchungen des Informationsdienstes der Kreativindustrie ArtsProfessional haben gezeigt, dass die Pro-Kopf-Kulturausgaben der EU zwischen 2007 und 2016 in den Regionen mit den meisten »Leave«-Stimmen mehr als doppelt so hoch waren wie in anderen Regionen Englands.

Auch britische Popmusiker schlagen Alarm. Im Oktober 2018 unterzeichneten Bob Geldof, Rita Ora und andere einen Brief an Theresa May, der davor warnte, dass ein »verpatzter Brexit sich auf alle Aspekte der Musikindustrie auswirken werde«. Es sehe ganz danach aus, als verwandele sich Großbritannien in ein »selbst gebautes kulturelles Gefängnis«. 

Aus dem Englischen von Claudia Kotte

Jess Smee ist Online-­Redakteurin bei Kulturaustausch

 

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