Die Guten und Schönen waren alle weiß

Rose-Anne Clermont, Ausgabe II/2019, Schuld



Wie sollte über Hautfarbe gesprochen werden und wie nicht? Reni Eddo-Lodge erkundet eine hochaktuelle Frage

Viele von uns, die wir über Rassismus nachdenken, sind zu einem persönlichen Entschluss gelangt. Einem Entschluss, der oft stillschweigend geschieht. Die Journalistin Reni Eddo-Lodge aber machte ihn 2014 in einem Blogartikel öffentlich: Sie würde nicht länger mit Weißen über Hautfarbe sprechen. Die Begründung: »wegen der konsequenten Verleugnung, der ungeschickten Räder, die sie schlagen, und der geistigen Akrobatik, die sie vollführen, wenn sie darauf aufmerksam gemacht werden. Wer will schon auf eine Systemstruktur hingewiesen werden, die ihm auf Kosten anderer Vorteile bringt?«

Der Blogpost trug den Titel »Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche« und war eine virale Sensation. Eddo-Lodge erhielt nicht nur Antworten von dunkelhäutigen Menschen, die sich in ihrem Erfahrungsbericht wiederfanden, sondern auch Zuschriften von weißen Lesern, die sie inständig baten, auf keinen Fall aufzuhören, über das Thema Hautfarbe zu sprechen. »Bitte geben Sie die Weißen nicht auf«, schrieb einer von ihnen. Obwohl Eddo-Lodge von den Debatten über Rassismus in Großbritannien intellektuell und emotional erschöpft war, sammelte sie fünf Jahre lang Kommentare aus sozialen Netzwerken, Erfahrungen und wissenschaftliche Forschungsergebnisse. Das Ergebnis ist ein Buch, das den gleichen Titel trägt wie der damalige Blogeintrag. Darin geht es nicht nur um sichtbaren Rassismus, sondern vor allem auch um dessen schwer zu definierende, versteckte Aspekte. Ausgehend von Großbritanniens Rolle beim Sklavenhandel schlägt Eddo-Lodge einen weiten Bogen: Von der Behandlung Schwarzer als Eigentum, über die Segregation, die Ungleichheit bei Bildung, Wohnverhältnissen und auf dem Arbeitsmarkt bis hin zur Polizeigewalt und der aktuellen Dynamik, Einwanderer zu Sündenböcken zu erklären.

Eddo-Lodge wuchs in London als Kind einer nigerianischen Mutter auf. Ihre frühkindlichen Ansichten über Hautfarbe klingen jedem vertraut, der als schwarzes Kind selbst Schwierigkeiten hatte, schöne und moralisch gute Vorbilder zu finden, die einem ähneln. Als Vierjährige war Eddo-Lodge am Boden zerstört, als sie erfuhr, dass sie nicht eines Tages weiß werden würde: »Alle guten Menschen im Fernsehen waren weiß und alle bösen dunkelhäutig. Ich betrachtete mich als guten Menschen, deswegen dachte ich, dass ich irgendwann weiß werden würde.«

Der Mangel an positiven schwarzen Rollenvorbildern ist ein Thema, über das viele Frauen dunkler Hautfarbe, die vor 1990 geboren wurden, ausführlich geschrieben haben – ob sie nun in London oder in New York aufgewachsen sind. Eddo-Lodges Kindheitserfahrungen bilden den Beginn ihres Kapitels über White Privilege, das vielleicht wichtigste und komplexeste Kapitel im gesamten Buch. Lebhaft beschreibt sie ihre Erfahrungen mit Weißen, die ihre Komplizenschaft in der Struktur des Rassismus leugnen.

White Privilege definiert Eddo-Lodge dabei wie folgt: »Wenn ich in diesem Buch über Weiße schreibe, meine ich nicht jedes einzelne Individuum. Ich meine Weißsein als politische Ideologie. Als Denkschule, die Weißsein auf Kosten derer begünstigt, die nicht weiß sind.« Rassismus bringe demnach nicht nur die Entmachtung der Personen mit sich, gegen die er sich richtet, sondern auch einen Machtgewinn für diejenigen, gegen die er sich nicht wendet, so Eddo-Lodge.

Ausführlich schildert die Autorin den Mordfall an Stephen Lawrence, einem schwarzen Teenager, der 1993 bei einem rassistisch motivierten Überfall durch fünf weiße Männer getötet wurde. Die Männer verweigerten jede Aussage und wurden dank der schlampigen Ermittlungen aufseiten der Polizei nach kurzer Zeit auf freien Fuß gesetzt. Erst als der Fall fast ein Jahrzehnt später wieder aufgerollt wurde, konnten 2012 zwei der fünf Verdächtigen wegen Mordes verurteilt werden. Auf Twitter tauschte sich Eddo-Lodge mit der schwarzen Abgeordneten Diane Abbott über den Fall aus und beklagte, der Begriff der »schwarzen Gemeinde« werde in der Presse ungenau verwendet. Abbott stimmte Eddo-Lodge zwar zu, warnte aber gleichzeitig vor einer »spalte und herrsche«-Agenda, und twitterte schließlich: »Wir sollten bei ihrem Spiel nicht mitmachen. #tacticasoldascolonialism.« Abbotts Tweet löste eine Kontroverse aus, in deren Verlauf sie des umgekehrten Rassismus bezichtigt wurde. Plötzlich drehte sich medial alles um Rassismus gegen Weiße, anstatt den rassistischen Mord an Lawrence und die fehlende Verurteilung von Lawrence’ weißen Mördern national zu diskutieren.

Eddo-Lodge verwendet viel Zeit darauf, diese Geschichte zu sezieren, weil sie auf anschauliche Weise verdeutlicht, welche Last dunkelhäutige Menschen tragen, während sie gleichzeitig Rücksicht auf die Gefühle weißer Menschen in Fragen der Hautfarbe nehmen müssen – selbst im Falle eines abscheulichen, rassistisch motivierten Verbrechens, bei dem die Familie eines schwarzen Jungen ein Jahrzehnt auf Gerechtigkeit warten musste. Dunkelhäutige Menschen, so merkt Eddo-Lodge ganz richtig an, hätten  sich »auf die Zunge gebissen, Vorsicht walten lassen und alles getan, um bloß nicht die Gefühle der Weißen zu verletzen, weil wir keinen Aufruhr erzeugen wollten«.

Wenn man liest, wie Eddo-Lodge nach ihrer Veröffentlichung in den sozialen Medien und in der Presse angegriffen wurde – man nannte sie etwa einen »Bully«, weil sie auf Rassismus innerhalb des weißen Feminismus hinwies –, wird klar, warum sie diese Gespräche nicht mehr führen will. Aber zu unserem Glück beherzigt sie die Worte der afroamerikanischen Feministin und Dichterin Audre ­Lorde, die fragte: »Wer gewinnt, wenn wir stumm bleiben? Wir nicht.«

Und so wendet sich Eddo-Lodge an ebenjene Leute, die sie schon hatte aufgeben wollen: »Ich verstehe, dass es Weißen, wenn sie beginnen zu begreifen, noch größeres Unbehagen bereitet darüber nachzudenken, wie ihnen ihre Hautfarbe stets stillschweigend geholfen hat.« Sie endet mit konkreten Ratschlägen: »Du musst keine globale Bewegung anführen oder berühmt sein. Du kannst in kleinem Maßstab versuchen, die verzerrten Machtstrukturen an deinem Arbeitsplatz zu demontieren. Du kannst Wissen und Fähigkeiten an die weitergeben, die ansonsten keinen Zugang dazu haben. Es ist egal, was es ist, solange du nur etwas tust.«



Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche. Von Reni Eddo-Lodge, Tropen, Stuttgart, 2019.

 

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