Machtkampf am Golf

Christopher Davidson, Ausgabe III+IV/2018, Das ärmste Land, das reichste Land



Vor einem Jahr haben die Nachbarstaaten Katars ein Embargo gegen das Emirat verhängt. Wie ist die Lage heute? 

Die sogenannte Katar-Krise begann im Juni 2017. Katar unterstütze den internationalen Terrorismus, so lautete der Vorwurf des selbst ernannten »Anti-Terror-Quartetts«, das aus den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE), Saudi-Arabien, Bahrain und Ägypten besteht. Das Quartett legte Katar eine Liste mit Forderungen vor, die vom Abbruch aller Beziehungen mit der als islamistisch geltenden Muslimbruderschaft bis zur Schließung des Fernsehsenders AL JAZEERA reichten. Noch provokativer war allerdings die Behauptung des Quartetts, Katar fördere Al-Qaida, den Islamischen Staat und die Hisbollah. Katar wies alle Forderungen vehement zurück und wird seitdem von den Nachbarstaaten wirtschaftlich blockiert. Durch den Abbruch der Handelsbeziehungen soll Katar an den Verhandlungstisch gezwungen werden – bisher vergeblich. Nach über einem Jahr der Blockade zieht sich ein tiefer Graben durch die sechs Monarchien am Persischen Golf. Wie konnte es so weit kommen?

Seit 1981 sind die sechs Staaten im Golf-Kooperationsrat (GCC) organisiert. Der Rat wurde gegründet, um die Außen- und Sicherheitspolitik sowie die wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen untereinander zu koordinieren. Auch sollte er ein diplomatisches Forum darstellen, um sich in Konfliktsituationen näher zu kommen. Denn immer wieder sorgten interne Auseinandersetzungen über die Rolle des politischen Islams in der Region für Konflikte. Dabei wäre es aber falsch anzunehmen, die aktuellen Konfliktlinien zögen sich entlang der Grenzen von sunnitischen und schiitischen Staaten. Fest steht, dass sich das geografisch kleine, aber wirtschaftlich gewichtige Katar seit Langem besorgt zeigte über die hegemonialen Ambitionen Saudi-Arabiens und dessen Dominanz im GCC. Aus diesem Grund hatte Katar begonnen, alternative Allianzen mit anderen Staaten in der Region aufzubauen, etwa mit dem Iran, dem saudischen Erzfeind. Auch der Fernsehsender AL JAZEERA wurde gegründet, um ein mediales Sprachrohr der eigenen Positionen in der arabischen Welt zu etablieren. Von Beginn an wurde AL JAZEERA eine gewisse Nähe zur Muslimbruderschaft nachgesagt, was sich bewahrheiten sollte. Als im Jahr 2012 der ägyptische Präsident und Verbündete Saudi-Arabiens, Mubarak, gestürzt wurde, unterstützte Katar den neuen Präsidenten aus den Reihen der Muslimbruderschaft, Mursi. Im Jahr 2013 waren wiederum Saudi-Arabien und die VAE daran beteiligt, den neuen Präsidenten zu entmachten und eine Militärdiktatur zu errichten. Der Konflikt um den ägyptischen Machtinhaber konnte 2014 vorerst diplomatisch beigelegt werden. Doch als 2017 mit Donald Trump in den USA ein Präsident ins Amt kam, dessen Unterstützung als wahrscheinlich eingeschätzt wurde, bot sich für Saudi-Arabien eine Gelegenheit, den Streit mit Katar neu zu entfachen: Gemeinsam mit Ägypten und den Partnerstaaten am Golf, VAE und Bahrain, gründete es das »Anti-Terror-Quartett«, womit die Katar-Krise ausgelöst wurde.

Im Katar selbst ist von der Krise bislang wenig zu spüren. Wirtschaftlich werden die Auswirkungen der Blockade abgepuffert, indem Katar bis zu sechzig Milliarden Dollar des Staatsfonds in heimische Banken umleitete und Anteile an internationalen Großkonzernen wie Crédit Suisse und Tiffanys reduzierte. Durch eine von AL JAZEERA getragene PR-Kampagne wehrt man sich gegen alle Anschuldigungen der Terrorfinanzierung. Gleichzeitig werden sowohl die Emirate als auch Saudi-Arabien im Gegenzug mit terroristischen Organisationen in Verbindung gebracht. AL JAZEERA veröffentlichte beispielsweise eine Reihe geleakter E-mails, die ein schlechtes Licht auf den einflussreichen Botschafter der VAE in Washington werfen sollten. Ein weiterer Bestandteil der katarischen Strategie sind neue Verbündete in der Region. Gegenüber der Türkei und Iran gibt man sich betont freundschaftlich. All diese Maßnahmen scheinen zu fruchten, denn die Unterstützung der katarischen Bevölkerung für ihren Emir Tamim bin Hamad Al Thani ist ungebrochen.

Die Reaktionen der anderen GCC-Staaten sind geprägt von den aktuellen geopolitischen Machtverhältnissen. Saudi- Arabien und die VAE treten als deutlichste Gegner Katars innerhalb des GCC auf. Aktuell werben sie bei der US-Regierung um Erlaubnis, drastischere Maßnahmen zu ergreifen. Der Verdacht liegt nahe, dass sie eine neue katarische Oppositionsbewegung unterstützen, die 2017 in London gegründet wurde. Außer dem im Exil lebenden Geschäftsmann Khalid Al-Hail besteht sie hauptsächlich aus nicht-katarischen Mitgliedern und konnte bislang wenig Einfluss ausüben. Zwei im Exil lebende Mitglieder der katarischen Herrscherfamilie wurden aber als mögliche Nachfolger für den gegenwärtigen Emir ins Spiel gebracht – eventuell mit dem Ziel, einen unblutigen Putsch herbeizuführen.

Bahrain, der kleine Nachbarstaat Katars, unterstützte die Position Saudi-Arabiens und der VAE zwar offiziell, innenpolitisch sorgte dies aber für Protest. Kuwait hat bisher während der Krise seine traditionelle Rolle als neutrale Kraft beibehalten und bemüht sich um eine diplomatische Lösung. Auch dem Oman ist daran gelegen, sich im GCC neutral zu verhalten; gleichzeitig macht das Land aber keinen Hehl aus seinen Sympathien für Katar, etwa durch fortgeführten Handel mit Lebensmitteln, trotz Blockade.

Auch außerhalb der GCC-Staaten beziehen die umliegenden Länder Position zur Blockade des kleinen, aber einflussreichen Wüstenstaats: Der Iran nutzte die Gelegenheit, engere Beziehungen zu einem der GCC-Mitgliedsstaaten aufbauen zu können. Mit der Unterstützung Katars verfolgt er das Ziel, die dominante Position Saudi-Arabiens auf der Arabischen Halbinsel zu schwächen. Man nimmt an, dass der Iran Katar während der gesamten Dauer der Blockade wirtschaftliche Unterstützung zukommen ließ. Auch die Türkei hat sich solidarisch mit Katar gezeigt, indem sie ihre bis dato relativ geringe Militärpräsenz im Land verstärkte und während der Blockade mit Lebensmitteln und anderen Gütern handelt, die Katar nicht mehr von den direkten Nachbarländern erwerben kann. Aktuell zeigt sich Katar erkenntlich für die Unterstützung: Im August 2017 verhalf es der Türkei mit beträchtlichen finanziellen Mitteln, den umkämpften Lira zu stabilisieren. Mit dem Irak und Israel unterhält Katar dagegen frostige Beziehungen. Beide Staaten werfen Katar vor, extremistische Gruppen zu unterstützen. Die jüngsten Nachrichten über Katars Eingreifen im Gaza-Konflikt kommen deshalb nun nicht unerwartet, denn Katar steht seit Jahren im Verdacht, die Hamas finanziell zu unterstützen, um den politischen Islam in der Region zu stärken.

Innenpolitisch scheint Katar die? Blockade bisher vergleichsweise? gut zu verkraften, doch außenpoli?tisch zeigen sich nach über einem? Jahr der Krise deutliche Auswir?kungen. Eine der unmittelbarsten ?Folgen betrifft den Fortbestand des ?GCC. Die Zusammenarbeit ist seit 2017 faktisch auf Eis gelegt worden. Wird die aktuelle Krise zum Todesstoß für die Organisation? Momentan scheint es unvorstellbar, dass sich Katar mit Saudi-Arabien und den VAE jemals wieder an einen Verhandlungstisch setzen könnte. Eher denkbar wäre die Bildung eines neuen geopolitischen Blocks, bestehend aus Katar, dem Oman und dem Iran. Eine solche Allianz wäre in der Lage, ein starkes Gegengewicht zu einem kleineren, von Saudi-Arabien und den VAE dominierten GCC zu bilden. Es bleibt allerdings unklar, wie sich die USA zu einem solchen Kräfteverhältnis am Golf verhalten würde, da sie in beiden Blocks Militärstützpunkte unterhält.

Für Katar besteht derzeit die größte Gefahr darin, dass das Vertrauen in seine Wirtschaft verloren geht. Falls es zu einer Phase größerer wirtschaftlicher Schwierigkeiten kommen sollte, könnte das die Legitimität und Beliebtheit der Führung des Landes schwächen. Aus diesem Grund setzt Katar alles daran, ein Sicherheitsnetz für die heimische Wirtschaft zu etablieren. Darum ist es essenziell, weiterhin Vermögenswerte aus Übersee zu liquidieren, damit diese leichter in die heimische Wirtschaft fließen können. Sollten diese ausbleiben, könnten darunter nicht nur die katarischen Bürger leiden, sondern auch ausländische Investoren abgeschreckt werden. Ein derartiges Szenario wäre fatal für alle großen Infrastrukturprojekte in Katar und natürlich auch für die Ausrichtung der FIFA-Weltmeisterschaft 2022. Neben der Absicherung der Wirtschaft wird intensiv in die Öffentlichkeitsarbeit investiert: In Zeiten der Blockade ist es umso wichtiger, die Weltöffentlichkeit auf seiner Seite zu haben, damit Katar auch weiterhin als nützlicher Verbündeter und Partner wahrgenommen wird.

Aus dem Englischen von Cornelius Reiber 

 

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