Das schwarze Jahrzehnt

Yacine Idjer, Ausgabe I/2010, Großbritannien



Der algerische Autor Boualem Sansal zieht in „Das Dorf des Deutschen“ provokante Parallelen zwischen Nationalsozialismus und Islamismus

Das Dorf des Deutschen“ erzählt die Geschichte zweier Brüder mit algerisch-deutschen Wurzeln: Malrich und Rachel Schiller sind in einer Pariser Vorstadtsiedlung aufgewachsen, fernab der Eltern, die in Algerien zurückgeblieben sind. Der Roman setzt in den 1990er-Jahren in der Pariser Banlieue ein, wo die beiden Brüder wohnen. Dort erfahren sie vom Tod der Eltern: Hans Schiller, ein angesehener Kämpfer der Front Libération National (FLN), der algerischen Unabhängigkeitsbewegung und späteren Staatspartei, wird mit seiner Frau AÏcha Opfer eines kollektiven Massakers in dem Dorf AÏn Deb. Die 1990er-Jahre gelten in Algerien als das „schwarze Jahrzehnt”, in dem das nord-afrikanische Land einem terroristischen Islamismus ausgeliefert war. Rachel reist nach dem gewaltsamen Tod der Eltern nach Algerien und erfährt dort die Wahrheit über den Vater, die er seinem Bruder jedoch nicht erzählen will. Stattdessen fängt er an, auf der Suche nach weiteren Informationen durch mehrere Länder zu streifen und begeht schließlich Selbstmord. Malrich bekommt nach dem Tod Rachels das Tagebuch seines Bruders, setzt sich seinerseits mit der Vergangenheit auseinander und fängt auch an, Tagebuch zu schreiben. Nach und nach gibt Rachels Tagebuch, dessen Einträge im Roman mit Malrichs Tagebuch verflochten sind, die wahre Geschichte ihres Vaters preis: Hans Schiller war im Dritten Reich Mitglied der Waffen-SS und Lageraufseher in Buchenwald und Dachau gewesen. Nach dem Krieg war er nach Kairo geflüchtet und für die militärische Ausbildung der Kämpfer der FLN tätig gewesen.


Je weiter man in der Lektüre der Tagebücher der Brüder Schiller fortschreitet, desto mehr taucht man in die Erinnerung ein, desto stärker atmet man die Bilder ein, und desto weiter blickt man in die Vergangenheit zurück, bis in die Zeit des Zweiten Weltkrieges. Was auf Anhieb von dem Roman im Gedächtnis bleibt, ist, wie sehr der Autor den Islamismus in die Nähe des Nazismus rückt. In den Worten von Malrich klingt das so: „Hitler war der Führer Deutschlands, eine Art Großimam mit schwarzer Mütze und Lederjacke. An die Macht gekommen, verkündete er eine neue Religion, den Nazismus.“ Die Islamisten sind von demselben mörderischen Wahn besessen wie die Nazis. Sie stiften zu kollektiven Massakern an, um die Gesellschaft von dem zu säubern, was sie als ungläubig oder unwürdig betrachten. In einem Gespräch mit dem Journalisten Grégoire Leménager der französischen Wochenzeitschrift Le Nouvel Observateur erklärt Boualem Sansal: „Wir leben unter einem national-islamistischen Regime und in einem vom Terrorismus geprägten Umfeld, wir sehen nur zu gut, dass die Trennlinie zwischen Islamismus und Nazismus schmal ist.“ Algerien werde, so Sansal, „von seinen eigenen Kindern wie ein Freiluftgefängnis empfunden, so nennen es die einen, und wie ein Konzentrationslager, so bezeichnen es die anderen, die in den Vorstadtghettos dahinsiechen“. Die algerische Gesellschaft glaubt an gar nichts mehr. Ihr Glaube ist nach den langen Jahrzehnten ideologischer Propaganda und politischer Indoktrinierung zerrüttet. Die Jugend, für die sich eine Desillusion an die nächste reiht, sieht ihre Hoffnungen zerschlagen. Ihre Träume sind mitten im Höhenflug zerschellt. Heute sind sie konfrontiert mit einem Trauma, einem Bruch, einem Erdbeben politischer, kultureller und sozialer Art. In dem Roman nimmt sich Rachel das Leben, weil er an nichts und niemanden mehr glaubt, nicht an seinen Vater, nicht an sich selbst, seine Identität und seine Geschichte. 


Boualem Sansals Bücher stoßen beim politischen System in Algerien auf Missbilligung. „Das Dorf des Deutschen“ war bereits vor seinem Eintreffen aus Frankreich in Algerien verboten. Denn es ist ein Roman, der viele unbequeme Themen berührt. Sansal klagt an, was für niemanden ein Geheimnis ist: das korrupte System der Regierungspartei FLN. Es ist ein System, das den Islamismus unterstützt und gutheißt, um seine eigenen Interessen zu verteidigen und damit seinen Fortbestand zu sichern.


„Das Dorf der Deutschen“ ist aber auch eine Warnung vor einem aufkommenden Islamismus, der mehr und mehr in den Vorstädten Europas Wurzeln schlägt, wo die Lebensumstände der muslimischen Gemeinschaften, die frustriert sind und vom Staat immer mehr im Stich gelassen werden, guten Nährboden für Extremismus und Terrorismus bieten. 

Aus dem Französischen von Annalena Heber
 
 Das Dorf des Deutschen. Von Boualem Sansal. Merlin Verlag, Gifkendorf, 2009.

 

Ähnliche Artikel

Blick nach Westen

Ausgabe IV/200, Freie Zeit. Was Menschen tun, wenn sie nichts zu tun haben, Rosa Gosch

Die Islamwissenschaftlerin Mona Hanafi El Siofi zeigt in einer Studie, wie muslimische Frauen in Kairo auf die westliche Welt schauen

mehr


Überfälle mit Säure

Ausgabe I/2009, Menschen von morgen, Koherin Farchana

Koherin Farchanaz berichtet, wovor Mädchen und Frauen in Bangladesch Angst haben und warum sie selbst einen Boxsack besitzt

mehr


Aus fremden Töpfen

Ausgabe II/2009, Treffen sich zwei. Westen und Islam, Sinan Antoon

Wie arabische und europäische Dichter sich gegenseitig wahrgenommen, beeinflusst und inspiriert haben

mehr


Zum Anbeten: Frauen in den Weltreligionen

Ausgabe IV/2007, Frauen, wie geht's?, Nahed Selim

Islam: Chadidscha

mehr


Bloggen in Iran

Ausgabe II/2009, Treffen sich zwei. Westen und Islam, Sebastian Kubitschko

Kleine Freiheiten mit großer Wirkung: Wie Blogger die öffentliche Meinung beeinflussen

mehr


Eigenen Überzeugungen gerecht werden

Ausgabe IV/2014, Kauf ich. Ein Heft über Konsum, Nader Hashemi

Wie können in der arabischen Welt stabile Staaten entstehen? Wie wird man den eigenen Werten gerecht – im Westen und in den islamischen Ländern?

mehr