Neuerfindung der Nation

Ausgabe III+IV/2018, Das ärmste Land, das reichste Land



Katar investiert massiv in Kunst und Kultur. Denn künftig will das Land nicht mehr allein vom Öl- und Erdgasgeschäft leben

Katar ist ein kleiner, aber einflussreicher Golfstaat. Mithilfe seiner gigantischen Milliardeneinnahmen aus dem Öl- und Erdgasgeschäft versucht das Land seit einigen Jahren, sich als Global Player der internationalen Kunst- und Kulturszene zu etablieren. Die katarische Führung um den jungen Emir, Scheich Tamim Bin Hamad Al Thani, verfolgt einen ambitionierten Entwicklungsplan: Bis 2030 soll der Wandel des Ministaats von einer auf fossilen Brennstoffen basierten Wirtschaft zu einer Wissensgesellschaft vollzogen sein. Bei dieser Neuerfindung der jungen Nation spielen Kunst und Kultur eine zentrale Rolle: Die von der Regierung 2008 lancierte »Qatar National Vision 2030« betont die Bedeutung sogenannter Soft Power, also die Frage, wie durch die Förderung von Medien, Kunst und Kultur das internationale Bild eines Landes positiv beeinflusst werden kann.

Für viele Beobachter gilt Katar bislang als eine »unheimliche Macht«, deren Politik auf den ersten Blick widersprüchlich erscheint. Das liegt daran, dass die Führung in Doha seit Langem versucht, gute Beziehungen zu allen wichtigen regionalen und internationalen Akteuren zu pflegen, um das Überleben des kleinen Landes zwischen den mächtigen Nachbarn Iran und Saudi-Arabien zu sichern. Auf diese Weise trägt die katarische Außenpolitik prowestliche und zugleich proislamistische Züge: Das Land beherbergt eine riesige US-amerikanische Militärbasis und verfügt gleichzeitig über gute Kontakte zu fast allen Staaten in der Region. Allerdings haben Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate im Juni 2017 eine Land-, See- und Luftblockade gegen Katar verhängt. Insbesondere die positive Haltung der katarischen Führung zu Riads Erzfeind Iran und zu den arabischen Revolutionen haben die saudische Führung veranlasst, die diplomatischen Beziehungen abzubrechen. Katar versucht seither Beziehungen zu anderen Staaten wie der Türkei zu vertiefen.

Neben der Ausrichtung sportlicher Großereignisse zählt die panarabische und panislamische Medienpräsenz durch Al Jazeera zu den wichtigsten Instrumenten der Auswärtigen Kulturpolitik des Landes. In den vergangenen Jahren legte die katarische Führung jedoch ihren Fokus zunehmend auf große Investitionen in Kunst- und Kulturprojekte. Als treibende Kraft hinter dem Kunstboom in Doha fungiert Sheikha Al-Mayassa bint Hamad Al Thani. Die Schwester des Emirs gehört zu den weltweit größten Einkäufern zeitgenössischer Kunst. Experten schätzen, dass die Vorsitzende der Qatar Museums Authority jedes Jahr fast eine Milliarde Dollar in neue Museen, Kunstwerke und Kulturveranstaltungen investieren darf. Ihr Ziel ist es, die Hauptstadt Doha in eine Kulturmetropole zu verwandeln.

Einen Meilenstein auf dem langen Weg zur Kulturnation stellt die Eröffnung des Museums für Islamische Kunst in Doha im Jahre 2008 dar. Die spektakuläre Architektur des Museums ist ein Meisterwerk des berühmten Architekten Ieoh Ming Pei und eine Hommage an die islamische Architektur. Ebenfalls spektakulär sind die Ausstellungsstücke des ersten großen Museums für islamische Kunst in der Region. Auf einer Fläche von 45.000 Quadratmetern beherbergt das Museum Keramiken, Textilien, Manuskripte und Dokumente, sowie historische Artefakte. Julia Gonnella, die deutsche Direktorin des Museums, betont die Exklusivität der Sammlung: »Das Museum für Islamische Kunst verfügt über eine der besten Sammlungen islamischer Kunst weltweit.« Schon heute ist das Museum die Hauptattraktion von Doha. Es ist aber auch ein Ort der Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln und zugleich ein Ort der Selbstvergewisserung. Hier können die Katarer die Geschichte muslimischer Völker und Kulturen eigenständig präsentieren.

Ein weiterer Ort der Rückbesinnung und des Bewahrens eigenen Kulturerbes ist auch das Katara Cultural Village, ein von Scheich Hamad, dem Vater des jetzigen Emirs, initiiertes Kulturprojekt. Ziel ist es, »die menschliche Interaktion durch den Kunst- und Kulturaustausch zu fördern. Das Katara Cultural Village soll als ein Ort etabliert werden, an dem Menschen zusammenkommen, um die Kulturen der Welt und Katars zu erleben.«

Als Architektin von Katars Wandel zu einer Bildungsnation gilt Sheikha Moza bint Nasser al Missned, die Mutter des Emirs. Zu den von ihr realisierten Bildungsprojekten gehört die Education City, ein Universitäts- und Forschungscampus am Rande Dohas. Sheikha Mozas Herzensangelegenheit ist die Qatar Foundation for Education, Science and Community Development. Für ihre Stiftung besucht sie internationale Exzellenzschulen, Universitäten und Forschungszentren, um die besten Köpfe nach Katar zu locken.

In den vergangenen Jahren avancierten aber besonders spektakuläre Museen zu neuen Prestigeobjekten im Kampf der jungen Emire am Golf um Anerkennung und eine Vormachtstellung. 2017 war die Dependance des Louvre in Abu Dhabi eröffnet worden; es sollte nach dem Willen des Herrscherclans Al-Nahyan zum Symbol kulturellen Austauschs und der Toleranz werden. Und Ende 2018 soll das neue Nationalmuseum von Jean Nouvel in Doha eröffnet werden, dessen Form sich an Wüstenrosen orientiert.

Ob jedoch der Wandel zu modernen, weltoffenen und zukunftsorientierten Gesellschaften in Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten ohne ein Mindestmaß an demokratischen Grundrechten und echter Teilhabe gelingt, muss ernsthaft bezweifelt werden. Schließlich erweist sich die zur Schau gestellte Toleranz und Dialogbereitschaft hier allzu häufig als eine Schimäre: Der Louvre Abu Dhabi etwa ließ Katar bei der Eröffnung Ende 2017 einfach verschwinden: Auf einer in dem Kunstmuseum zu sehenden Karte war an der Stelle von Katar nur Wasser zu sehen – ein bösartiger Versuch, die Existenz des Emirats einfach zu ignorieren.

 

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