»Menschen sind beim Sprechen sehr erfindungsreich«

Morten H. Christiansen, Ausgabe III+IV/2018, Das ärmste Land, das reichste Land



Der Sprachwissenschaftler Morten H. Christiansen erklärt, warum Sprachen, die von vielen gesprochen werden, einfacher werden


Herr Christiansen, in einer Studie vergleichen Sie und zwei Kollegen Sprachen anhand ihrer grammatikalischen Komplexität, der Größe ihres Wortschatzes und der Anzahl ihrer Sprecher. Warum?

Uns waren zwei Tendenzen aufgefallen. Erstens haben Sprachen, die von vielen Menschen gesprochen werden, relativ simple Grammatiken. Zweitens neigen grammatikalisch simple Sprachen dazu, einen größeren Wortschatz zu haben. Im Gegensatz dazu haben Sprachen mit weniger Sprechern oft eine komplexe Grammatik und einen kleinen Wortschatz. Wir waren neugierig, ob diese gegenläufigen Muster vielleicht durch einen einzigen zugrunde liegenden Faktor erklärbar sind: mit der Leichtigkeit, mit der eine Sprache erlernt werden kann.

Wie überprüften Sie Ihre Hypothese? 

Ausgangspunkt waren frühere Studien. Sie haben einen Zusammenhang zwischen der Größe der Population, die eine Sprache spricht, und deren morphologischer Komplexität aufgedeckt, also der Struktur der Worte. Was fehlte, war eine kausale Erklärung dieser Muster. Für unsere Studie haben wir Computermodelle verwendet, um die Beziehung zwischen der Populationsgröße, der Grammatik und der Größe des Wortschatzes zu untersuchen.

In Ihrer Untersuchung haben Sie Chinesisch als Beispiel gewählt. Viele Leute glauben, es sei wegen seiner Aussprache schwierig zu erlernen. 

Die Grammatik des Chinesischen ist vergleichsweise simpel, besonders, was die Morphologie angeht, also die Art und Weise wie typischerweise Worte gebildet werden. In dieser Hinsicht ist es wie das Englische. Seine morphologische Komplexität ist im Laufe der Geschichte verschwunden. Wir wollten einen Weg finden, diese allgemeinen Muster zu deuten. Wir haben herausgefunden, dass Unterschiede in der Leichtigkeit, mit der eine Sprache erlernt werden kann, erklären könnten, wie Unterschiede in der Anzahl der Sprecher möglicherweise die grammatikalische Komplexität und die Größe des Wortschatzes beeinflussen.

Haben Sprachen die Tendenz, strukturell einfacher zu werden, oder können sie auch an Komplexität gewinnen? 

Sprecher sind generell sehr erfindungsreich. Menschen entwickeln gerne neue Wörter, aber manchmal eben auch grammatikalische Innovationen. Unser Modell zeigt, dass die Anzahl der Sprecher entscheidend für die Verbreitung dieser beiden Neuerungen ist. Wenn man eine große Population hat, wird man mehr Innovationen sehen, weil es mehr potenzielle Innovatoren gibt. Was mit diesen Erfindungen geschieht, wird interessanterweise auch von der Populationsgröße bestimmt: Je größer sie ist, desto größer die Anzahl von Individuen, mit denen man interagiert, aber desto geringer die Anzahl der Interaktionen, die man mit jedem Einzelnen hat. Ein neues Wort verbreitet sich deshalb leichter, man benötigt lediglich ein paar Beispiele. Ein neues grammatikalisches Muster aber braucht viele Interaktionen, damit man es erlernen kann. In einer kleinen Population sieht man ständig dieselben Leute, das vereinfacht die Ausbreitung komplexer Innovationen.

Zu den am häufigsten gesprochenen Sprachen gehören jene, die die ehemaligen Kolonialmächte gebrauchten. Liegt es an der simplen Grammatik dieser Sprachen, dass sie noch immer von vielen gesprochen werden?

Diese Sprachen waren für eine große Anzahl von Menschen Zweitsprachen. Erwachsene haben meist Schwierigkeiten, komplexe Muster zu erlernen. So eine enorme Zahl von Zweitsprachlern erzeugt Druck, eine Sprache zu vereinfachen.

In vielen Ländern gibt es große englischsprachige Communitys, darunter auch Zweitsprachler. Könnte die Kultur in diesen Ländern Nuancen ihres Ausdrucksvermögens verlieren?

Einerseits ist es denkbar, dass kulturelle Ausdrucksweisen simplifiziert werden. Andererseits könnte eine größere gemeinsame Basis mehr Gemeinsamkeiten ermöglichen. Ich denke nicht, dass dies zwangsläufig zu einem Verlust nuancierter Ausdrucksformen führen wird, denn Menschen haben die Tendenz, sich in Untergruppen zusammenzuschließen, innerhalb derer komplexere Traditionen aufrechterhalten werden können.

Das Interview führte Timo Berger
Aus dem Englischen von Caroline Härdter

 

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