Wer ist wir?

Ausgabe III+IV/2018, Das ärmste Land, das reichste Land



In der Öffentlichkeit sprechen höchst unterschiedliche Menschen immer öfter im Namen eines »Wir«. Der französische Philosoph Tristan Garcia fragt sich, wie diese Wir-Identitäten vereinbar sind

In einer gründlichen historischen Untersuchung erforscht der Philosoph Tristan Garcia die Ursprünge der Idee, dass politische Persönlichkeiten von sich selbst in der ersten Person Plural sprechen. Was bedeutet diese Proklamation des Wir in einer Epoche, die sich mehr denn je der übertriebenen Zurschaustellung des Individuums verschrieben zu haben scheint? Garcia zeigt, dass es sich beim Wir um eine moderne Schöpfung handelt, führt die Verwendungsmöglichkeiten dieses Wir auf und stellt die Frage, was diese Selbstbezeichnung bewirken kann. Die Untersuchung befasst sich auch mit dem Aspekt des Vorrangs, den der Begriff des Wir impliziert. Mann/Frau, Schwarze(r), Jüdin/ Jude; welche Zugehörigkeit hat Vorrang vor den anderen?

Dieses moderne Wir ist dasselbe, das von Politikern verwendet wird, um Fronten aufzumachen und ideologische Gräben zu ziehen. So hat der einstige französische Ministerpräsident Jules Ferry, ein glühender Verfechter des Kolonialismus, das erobernde Wir der Republikaner ins Feld geführt, deren Aufgabe es sei, »minderwertige Rassen« zu »zivilisieren«.

Garcia ruft auch das antisemitische Wir in Erinnerung, das während der Kollaboration in Frankreich an Einfluss gewann und den Intellektuellen eine Plattform gab, um ein ideologisches Wir zu erschaffen, Träger einer politischen Agenda, durch die die tragische Ausgrenzung der Juden gerechtfertigt wurde. Übrigens erklärte Winston Churchill in derselben Epoche mit Blick auf die Nazis »It is either them or us« (Entweder sie oder wir) und zog so eine klare Grenze zum Feind. Im folgenden Jahrzehnt wurden die USA im Rahmen des Kalten Krieges zu einem neuen Wir, das sie den »Kommunisten« gegenüberstellte. Das führte dazu, dass sie mit paranoidem Eifer im eigenen Land daran arbeiteten, die Konturen dieses Wir zu schärfen und all jene zu exkommunizieren, die im Verdacht standen, gemeinsame Sache mit dem Feind zu machen.

Die Praxis eines Wir als Gegenschlag wird von Garcia ebenfalls untersucht. Die Umkehr der Stigmatisierung – indem man sich eine beleidigende Bezeichnung zu eigen macht, um ihr das verletzende Potenzial zu nehmen – kann in den queeren Communitys beobachtet werden, die aus abwertenden Bezeichnungen ein politisches Wir konstruiert haben.

Wenn das Wir nun aber so tut, als sei es so allumfassend und großzügig wie in manchen Bibeltexten, warum sollte man dann nicht alle Lebewesen als integralen und legitimen Teil des Wir betrachten? Garcia bezieht sich auf Nietzsche und Paul Valéry, indem er anmerkt: »Das Ich ist Viele«, und entschärft mögliche Einwände gegen die Existenz unterschiedlicher Wirs.

Nachdem der Individualismus im 20. Jahrhundert auf die Spitze getrieben wurde, stellt sich die Frage: Warum sollte man mich auf einen einzelnen Aspekt meiner Identität reduzieren können? Um dies zu beantworten, verwendet Garcia eine schöne Metapher, indem er die Identitäten in ihrer Komplexität mit ausgeschnittenen Bildern vergleicht, die unterschiedlich transparent sind und übereinandergelegt werden. Die Zugehörigkeit, die aktuell den Vorrang vor den anderen hat, wäre demnach das Bild, das oben liegt. Diese Metapher der Überlagerung, bei der einige Schichten nicht mehr durchschimmern, sodass eine Zugehörigkeit den Vorrang vor den anderen hat, ermöglicht es, sich ein Wir vorzustellen, das nur eine einzige Schicht berücksichtigt und alle anderen Schichten als sekundär betrachtet.

Wenn eine Kategorie (zum Beispiel »die Weißen«) »ausgeschnitten « ist, ist es Garcia zufolge möglich, daraus die »Ausschnitte« der anderen Kategorien (zum Beispiel »die Schwarzen«) abzuleiten. Was er in seinem Text nicht erwähnt, ist der referenzielle Charakter bestimmter Kategorien. In der Tat sind es die privilegierten Gruppen, die zur Definition aller anderen verwendet werden. Außerdem werden diese Kategorien selten beschrieben oder benannt, weil sie als Standardidentitäten betrachtet werden.

Die mehrheitlichen, dominanten Gruppen haben die politischen Möglichkeiten – die Macht – ihr Wir hinter der Maske einer vorgeblich neutralen Perspektive zu verstecken. Dies kann man etwa an der Art ablesen, in der in den Medien Verbrechen und terroristische Akte danach bewertet werden, ob die Ausführenden der dominanten Mehrheit ähneln oder nicht. Im ersten Fall werden die individuellen Eigenarten des Übeltäters hervorgehoben, während im zweiten Fall die vermeintlichen Charakteristiken seiner Gruppe im Vordergrund stehen und persönliche Aspekte zweitrangig sind.

Schließlich nimmt Garcia eine sehr feine und interessante Unterscheidung zwischen zwei Formen des Wir vor: dem »Wir der Interessen«, jenem, in dem das Subjekt sozialisiert beziehungsweise konditioniert wurde, und dem »Wir der Ideen«, demjenigen, das jeder selbst wählen kann und das man aus freien Stücken wechseln könnte. Demnach wäre Freiheit die Möglichkeit, zu wählen. In der Realität ist die Frage der Wahlfreiheit aber komplizierter: Das Wir der Ideen kann ein Wir der Interessen sein, beispielsweise in einer Gesellschaft, in der es sehr schwer ist, eine Änderung oder den Austritt aus einer Religion zu akzeptieren. So kann etwa die Zugehörigkeit zu einer Klasse oder Kaste erblich sein. Indem er sie dem Wir der Ideen zuordnet, erklärt Garcia die Geschlechtsidentität zu einer politischen Erfahrung, die man durch plastische Chirurgie oder eine Hormonbehandlung freiwillig machen kann. Weil nicht alle Wesen gleich sind, wenn es um die Geschlechtsfrage geht, stößt diese Idee jedoch an ihre Grenzen. Die Performanz der Geschlechter ist eine der Konditionierungen, von denen Garcia spricht, und er bezieht sich hierbei auf die Arbeiten von Judith Butler über die soziale Rolle des Geschlechts. Allerdings geht es für viele Menschen, die sich nicht in dem Geschlecht wiedererkennen, mit dem sie geboren wurden, nicht um eine theoretische Idee, die man beliebig manipulieren kann, sondern um die konkrete Möglichkeit, sich aus einer Zuschreibung zu befreien. Die Gewalt, der Transgender- Personen ausgesetzt sind, ist ein deutliches Zeichen dafür, dass es sehr reale Konsequenzen hat, wenn man diese Idee manipuliert.

Ebenso verhält es sich mit Garcias Ansatz, was die Rassenidentität angeht. Für ihn gehört sie in den Bereich des Wir der Ideen, ist also auch frei wählbar. Hierbei unterschätzt er die gesellschaftlichen Konsequenzen, mit denen die anscheinende Zugehörigkeit zu einer bestimmten Rasse einhergeht. Um »wir« sagen zu können, muss man von den Mitgliedern der Gruppe anerkannt werden, der anzugehören man behauptet. So hatte sich die weiße Amerikanerin Rachel Dolezal beispielsweise 15 Jahre lang als Afroamerikanerin ausgegeben. Ihr Privileg – die Möglichkeit, sich auszusuchen, ob man schwarz sein möchte – hatte ihr erlaubt, einen Platz zu beanspruchen, der von einer tatsächlich schwarzen Person hätte eingenommen werden sollen. Und seit ihre wahre, weiße Identität aufgedeckt wurde, ist die Kritik vonseiten der Mitglieder jenes Wir, das sie für sich beansprucht hatte, nicht verstummt. Weil Rasse ein gesellschaftliches Konstrukt ist, kann man die Geschichte seiner eigenen gesellschaftlichen Position nicht auslöschen. Garcias Ausführungen fehlt es an einer echten Auseinandersetzung mit den Privilegien, die nicht jedem denselben Spielraum geben. Wenn Garcia erklärt, dass eine Person, die »wir Schwarze« sagt, ihrer Zugehörigkeit zu den Schwarzen den Vorrang vor allem anderen gibt, versäumt er es, zu präzisieren, dass eine solche Aussage immer in ihrem Kontext gesehen werden muss. Dieselbe schwarze Person könnte, abhängig von der Situation, der Notwendigkeit und der Zugehörigkeit, die sie verteidigen will, »wir Frauen«, »wir Menschen mit Behinderung« oder »wir Muslime« sagen. Die Art, in der die Umgebung auf eine Identität Einfluss nimmt, um ein bestimmtes Charakteristikum hervorzuheben, ist auch ein bestimmender Faktor des Wir.

Garcia prangert an, dass die Weißen heute kategorisiert werden als jene, die »ihrem Wesen nach Träger des Bösen und der Dominanz sind und alle Systeme der Kategorisierung und Rassifizierung erfunden haben. Indem er sich aber auf die Moral beruft (»das Böse«), spielt er den eminent politischen Charakter dieser Kategorisierungen herunter. Es geht nicht darum, den Weißen menschliche Verfehlungen nachzusagen, sondern um ein politisches Erbe, von dem die Weißen profitieren, und zwar ob sie wollen oder nicht.

Garcia evoziert Herrschaftsverhältnisse über seine Darstellung von »Asymmetrien«: Herrschaft ist demnach in erster Linie deswegen möglich, weil die Beherrschten sie akzeptieren. Er übersieht dabei die Gewalt, mit der dem Protest begegnet wird. Es gibt zahlreiche Beispiele von Unterwerfungen, die durch Macht und Terror erzielt wurden. Im Übrigen versäumt Garcia zu erwähnen, dass Widerstand die logische Folge jeder Unterdrückung ist und dass es daher keine Herrschaft gegeben hat, der sich nie jemand widersetzt hätte. Die Dekonstruktion der Mechanismen der Herrschaft, die er vornimmt, stellt nicht ausreichend die Interessen der Herrschenden in Rechnung. Die Konstruktion der Kategorie »Schwarze« etwa hatte vor allem den Zweck, die Unterjochung eines Teils der Menschheit im Rahmen eines kapitalistischen Produktionsprozesses zu rechtfertigen. Die Herrschaft erfüllt also einen Zweck, und es wäre sachdienlich gewesen, diesen Aspekt stärker herauszuarbeiten.

Tristan Garcia beschließt seinen sehr reichhaltigen und leidenschaftlichen Essay mit dem Vorschlag, die aktuelle Zerrissenheit des Wir als eine Phase in einem politischen Prozess zu begreifen, als eine immerwährende Bewegung, die kein Ende hat. Das Wir ist kein Gefängnis, sondern »eine Manifestierung der lebendigen Subjektivität, die sich politisch organisiert«. Damit lädt er uns ein, das Muster zu vollenden, das er skizziert hat.

WIR. Von Tristan Garcia. Suhrkamp, Berlin, 2018.

Aus dem Französischen von Caroline Härdter

 

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