Das Zeitalter der Frauen

Jagoda Marinić, Ausgabe II/2018, Helden



Lange haben sich die Künste mit dem männlichen Blick zufriedengegeben. Es lag in der Macht der Männer, aus Frauen Heldinnen zu machen. Doch ein Hashtag reichte, um die Frau in Hollywood neu zu erfinden

Ich sitze im Wohnzimmer einer WG und wir reden über Helden des Kinos. Es ist das Jahr 2003. »Kill Bill« war gerade angelaufen und die blutüberströmte Rächerin eroberte die Leinwände. Uma Thurman hing seit »Pulp Fiction« in jeder zweiten WG-Küche, manchmal auch über den Betten junger Männer. Ihre Filmfigur schien zum Sinnbild der neuen weiblichen Selbstermächtigung zu werden. »Kill Bill« war dabei, einen neuen Typus der Filmheldin zu schaffen: »durchtrainierte blonde Frau im gelben Kampfanzug«. Eine Frau, die zurückschlägt. Trotzdem kreisten die Gespräche über den Film, und das nicht nur damals in dieser WG-Nacht, schon nach wenigen Minuten nur noch um Tarantino. Es war Tarantinos Größenwahn, der faszinierte und vorwiegend die Männer erotisierte. Thurman war das perfekte Objekt, weil sie sich von Tarantino, dem Gottgleichen, hatte erschaffen lassen. So, wie Männer sie erträumten. Es gelang ihm, eine Frau als Ikone der weiblichen Selbstermächtigung zu vermarkten – und sie dabei so zu inszenieren, dass sie vor allem als Onaniervorlage wahrgenommen wurde.

Auf dem roten Teppich wirkte Thurman wie die Muse an der Seite des diabolischen Filmgenies, die Fee in seinen magischen Händen. Als wäre es auch im 21. Jahrhundert noch immer die größte Adelung für eine talentierte Frau, der Fantasie eines Mannes wert zu sein. Es brauchte einen Mann, um eine Frau zur Heldin zu erheben. So waren die Machtkonstellationen in Hollywood. Thurman war für mich gefallen, noch während sie zur Heldin auserkoren wurde. Sie hatte sich nach Tarantinos frauenverachtenden Wünschen formen lassen, um sein Heldinnenbild zum Leben zu erwecken.

15 Jahre später: #MeToo. Da Weinstein »Kill Bill« produziert hatte, waren viele neugierig auf Uma Thurmans Geschichte. Doch sie ließ warten, sagte, sie müsse erst ihre Wut loswerden. Als sie in einem Interview mit der NEW YORK TIMES ihr Schweigen über Weinstein bricht, möchte sie jedoch gleich einen weiteren Hollywood-Helden fallen sehen: Quentin Tarantino. Dieser habe für eine Filmsequenz mit ihrem Leben und ihrer Gesundheit gespielt. Es gibt da diese Filmszene, in der seine Filmheldin mit dem Auto gegen einen Baum rast. Statt beim Dreh ein Double einzusetzen, ließ Tarantino wohl die Schrauben am Sitz lockern. Die ahnungslose Thurman setzte sich in den Wagen, fuhr gegen einen Baum, verletzte sich – wirklich. Er wollte Thurman, seine kämpferische Filmheldin, wehrlos in seinen Händen.

Erst 15 Jahre später bekommt Thurman die Drehsequenzen, die ihre Aussagen belegen, ausgehändigt. Knie und Nacken haben sich nie von diesem Unfall erholt. Sie ließ damals ihren Regiehelden nicht fallen, stattdessen fühlte sie sich wie »ein kaputtes Werkzeug«. Wer wäre schon Thurman ohne Tarantino? Er hätte jede groß machen können. In die erste Garde der Filmemacher gelangte er durch Männerfantasien, die Frauen auf Hunderten von Arten an Windschutzscheiben zerschmettern ließen wie Schmeißfliegen. Der Erfolg blieb nicht aus. Mit Uma Thurman wollte er die Frau aus der Opferrolle befreien – und ließ sich dafür als Held feiern. Er schuf die Frauen, die begehrt wurden. Er hatte aus Salma Hayek einen Weltstar gemacht. Sein Genie war einmalig, während die Frauen Mittel zum Zweck waren. So redeten damals auch die Männer in der WG. Schöne Frauen würden alles tun, was er wollte, um die weibliche Selbstermächtigung zu spielen, die Tarantino definierte: die Heldengeschichte eines Mannes.

Jetzt ist es 2018. Ein Mann nach dem anderen tritt zurück, zuletzt der Stardirigent James Levine, weil er Jungen missbraucht haben soll. In den USA fallen Namen, bislang bezahlt man nur mit Posten – nicht mit Strafmaßen. Hierzulande ist man zögerlich mit Namen und Geschichten. Es ist, als würde man den Frauen #MeToo vor allem deshalb übel nehmen, weil sie »den Mann« verunsichern könnten.

Mit dem Sturz eines Helden zieht man ein ganzes System in Mitleidenschaft: seine Fans und Ermöglicher, seine euphorischen Kritiker. Wenn das System Weinstein in Hollywood weitgehend bekannt war und toleriert wurde, welche Werte liegen dieser vermeintlich zivilisierten Gesellschaft überhaupt zugrunde? Der nächste Fall: Woody Allen. Einer der wenigen Männer, dessen Frauenfiguren auch Frauen liebten. Diane Keaton – Annie Hall. Allens letzter Film floppte, weil man einen Regisseur am Werk sah, der sich von #MeToo nicht beeindrucken ließ. Sein inzwischen als lüstern wahrgenommener Blick ist nicht mehr erträglich. So wie es nicht erträglich ist, dass ein knapp achtzigjähriger Regisseur vital genug sein möchte, jährlich seine Filme zu präsentieren, aber schon eine Kate Winslet in ihren Vierzigern auf Rollen der alternden, frustrierten Frauen festnageln möchte. Es funktioniert nicht mehr wie früher, wenn solche Männer sich als Helden präsentieren. Die Öffentlichkeit spiegelt ihnen ihr Heldentum nicht mehr zurück.

In der heutigen Zeit fallen Helden, weil sie zu stark sind, um schwach zu sein. Weil ihr Beharren auf diesem eindimensionalen Heldentum unzeitgemäß ist. Sie haben keine Deutungshoheit mehr über die Erzählbarkeit dieser Welt. Die Zeiten von Odysseus, der auf zu großen Abenteuern zog, während Penelope auf ihn wartete, sind vorbei. Sie möchte nicht mehr auf den Mann warten, der ihr von der Welt erzählt.

Lange haben sich die Künste, sei es die Bildende Kunst, die Musik oder die Literatur, mit dem männlichen Blick zufriedengegeben. Die Männer haben sich dadurch ein jahrhundertelanges, heldenhaftes Vorrecht auf den öffentlichen Raum gesichert. Für viele wird ihr Heldentum nun zum Fallstrick, weil sie die Macht, die es ihnen verleiht, missbrauchen. Vielleicht lässt sich dieser Hochmut nur durch den freien Fall beenden. Jäh ist das – und schrecklich für all jene, die darin eine natürliche Weltordnung mit dem männlichen Helden im Mittelpunkt sehen.

Es geht plötzlich nicht mehr nur um den Blick des mächtigen, potenten Mannes. Es reicht nicht mehr, hinter seinem Werk vor allem sich selbst als Teil der Schöpfung zu sehen. Es scheint inzwischen heldenhaft zu sein, den anderen Menschen dabei sein zu lassen. Ihn wirklich zu sehen. Natürlich ist das für die Welt der Fiktionen, die vom Erfinden und Verdichten lebt, kein einfaches Unterfangen. Es braucht jetzt keinen sozialen Realismus, werden viele sagen. Nur, man merkt plötzlich, wie sehr diese alte Darstellung der Helden und ihrer Musen im Grunde eine Art sozialer Realismus war: Es war die Welt mächtiger Männer. Es war die Welt, in der viele – Männer wie Frauen – meinten, ihr Erfolg hinge davon ab, ob man sich in die Hände der mächtigen Männer begibt und alles zu geben bereit ist, wonach sie greifen wollen.

Beim Fotoshooting für das Interview in der NEW YORK TIMES zeigt Uma Thurman ihr verletztes Gesicht. Eine gefallene Heldin, vergleicht man sie mit ihrem Rachefeldzug in »Kill Bill«. Doch sie sieht sich nicht nur als Opfer, sie schreibt sich auch Schuld zu an diesem System: Sie habe durch ihre Mitwirkung und ihr Schweigen zu der Illusion beigetragen, dass junge Frauen diesen Filmmächten trauen könnten. Ende vierzig hätte sie werden müssen, um zu verstehen, dass einen Menschen, die grausam zu einem sind, nicht lieben. Mädchen seien so konditioniert, Grausamkeit mit Liebe zu verwechseln. Es sei »die Ära, aus der wir herauswachsen müssen«, sagt Thurman.

Nicht alle werden wollen. Die wenigsten werden müssen. Trump baut an einem neuen Heldentum, das gefährlicher ist als Hollywood. Mit jedem gefallenen Helden wird eines klarer: Es waren grausame Helden. Nun, nach Jahrhunderten, finden Frauen gerade mit den Geschichten ihrer Verletzlichkeit zu ihrem Heldentum zurück. Das könnte optimistisch stimmen, wenn diese Selbstermächtigung, die endlich eine wirklich weibliche ist, nicht vielen Männern Angst einflößen würde. Weil Männer selbst am besten wissen, wie grausam Helden sein können – gerade in Zeiten des absoluten Zuspruchs. In Zeiten der totalen Selbstinszenierung und des stets drohenden Shitstorms in den sozialen Medien ist das Heldentum eine fragile Angelegenheit. Ein Hashtag reichte, um die Frau in Hollywood neu zu erfinden. Ein Hashtag reicht aus für den freien Fall. Schwierige Zeiten für das Heldentum. 

 

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