Mach's wie Lei!

Falk Hartig, Ausgabe II/2018, Helden



Der Mustersoldat Lei Feng ist seit über fünfzig Jahren tot. Aber bis heute wird er von der Kommunistischen Partei Chinas als moralisches Vorbild instrumentalisiert

Anfang März dieses Jahres wurde in der ostchinesischen Provinz Shandong eine Stiftung verboten. Diese hatte sich nicht ordnungsgemäß registriert und kassierte dennoch Unterstützungsgelder. Zudem ging es den Behörden darum, das Andenken an den Namenspatron zu schützen, denn die Organisation nannte sich "China Lei Feng Stiftung". Während außerhalb des Landes bis auf ein paar Sinologen wahrscheinlich noch nie jemand den Namen Lei Feng gehört hat, ist er in China eine feste Größe.

"Vom Genossen Lei Feng lernen" - fast jeder Chinese kennt die berühmten Worte Mao Zedongs, mit denen am 5. März 1963, ein Jahr nach Leis Tod, die erste Lei-Feng-Kampagne begann. Lei wuchs in den 1940er-Jahren als Vollwaise auf, wurde von Kadern der Partei großgezogen und verbrachte sein kurzes Leben in der Volksbefreiungsarmee: Er starb mit 21 Jahren bei einem Unfall. Berühmt wurde Lei Feng posthum, da er in seinem Leben ständig Gutes getan hatte: Er half alten Frauen über die Straße, spendete seinen kargen Sold Bedürftigen und stopfte seinen Kameraden nachts heimlich die Socken. Diese guten Taten begründeten seinen Ruf als bescheidener und selbstloser Mustersoldat. Er wurde zum moralischen Helden, dem es nachzueifern galt. Sein Leben verschrieb er voll und ganz der Partei und wollte mit dem, was er tat, dem Volke dienen. Von seinen guten Taten erfahren hat die Nachwelt aus seinen nach dem Tod veröffentlichten Tagebüchern.

Zahlreiche Einträge ähneln revolutionären Sinnsprüchen. Am 18. Januar 1961 notiert Feng: "Immer fleißig sein und sich ganz der Befreiung der Menschheit hingeben - das ist wahres Glück." Am 5. Februar 1962, dem Beginn des Frühlingsfestes, hält er fest: "Heute feiern alle und haben Spaß, auch ich habe mit Kameraden Tischtennis gespielt. Danach hatte ich das Gefühl eigentlich gar nichts getan zu haben. So ging ich zum Bahnhof, um dort zu helfen. Ich half einer alten Frau beim Einsteigen, nahm ihr Gepäck, und erst als ich für sie einen Sitzplatz gefunden hatte, war ich beruhigt. Später habe ich die Wartehalle saubergemacht, ein Arbeiter sagte, ich solle Pause machen, aber ich habe keine Pause gemacht, weil das doch meine Pflicht ist. Als ich danach Gästen Wasser einschenkte, meinten sie, wie wunderbar sich doch die Armee um das Volk kümmere. Dass meine guten Taten dazu führen, dass die Menschen die Partei, den Vorsitzenden Mao und die Armee noch mehr lieben - das macht mich am glücklichsten."

Bis heute ist der 5. März in China der Lei-Feng-Tag, an dem vor allem Schüler und Studenten dem Lei-Feng-Geist nacheifern. Sie machen Schulhöfe oder Parks sauber, helfen alten Leuten oder spenden Blut.

Der Name Lei Feng ist untrennbar mit Mao Zedong verbunden, aber auch dessen Nachfolger spannten den Mustersoldaten immer wieder für ihre Zwecke ein. Als es in den 1980er-Jahren im Zuge der marktorientierten Öffnungs- und Reformpolitik hieß: "Reich werden ist ehrenvoll", wurde auch der Lei-Feng-Geist entsprechend angepasst. Da individueller Reichtum, so die damalige Deutung, zum Wirtschaftswachstum des gesamten Landes beitrug, dienten auch die Neureichen ganz im Sinne Lei Fengs dem Volke. Nach der Niederschlagung der Demokratiebewegung auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989 wiederum musste Lei Feng die Chinesen daran erinnern, dass die Armee eigentlich Freund und Beschützer des Volkes sei, und wenige Zeit später wurde mit ihm eine umfassende patriotische Erziehungskampagne gestartet.

Als sich der Todestag 2012 zum fünfzigsten Mal jährte, lancierte die chinesische Führung die jüngste groß angelegte Lei-Feng-Kampagne. Der chinesische Kapitalismus hat, so sehen es viele Chinesen, die Gesellschaft in eine moralische Krise gestürzt, die sich in der grassierenden Korruption der Parteikader, einer zunehmenden sozialen Kälte und ausgeprägten Ellenbogenmentalität ausdrückt. Der Rückgriff auf eine selbstlose, sich ums Kollektiv kümmernde, moralisch einwandfreie Figur liegt nahe. Auch Xi Jinping, unter dem die Moral nicht besser, die politische Lage aber immer angespannter wurde, bezieht sich auf den Mustersoldaten und benutzt ihn für seine Re-Ideologisierung. So stellte Xi 2014 fest, dass der Lei-Feng-Geist Ausdruck der sozialistischen Grundwerte sei. Als 2017 neue Schulbücher in Umlauf kamen, war Lei neben Karl Marx und Konfuzius eine der historischen Figuren, mit denen Chinas Kinder seither kollektivistisch und sozialistisch erzogen werden. Und in diesem Jahr sind Symposien geplant, die den Lei-Feng-Geist mit den Errungenschaften des 19. Parteitages des vergangenen Herbstes in Einklang bringen sollen.

Doch der Held hat ein Glaubwürdigkeitsproblem. Es wird daran gezweifelt, ob er überhaupt gelebt hat. So fragen sich manche, wie er, der im Alter von Anfang zwanzig starb, mehrere Hundert Tagebucheinträge schreiben oder um die dreißig Gedichte verfassen konnte, während er in der Armee diente und den Bedürftigen half. Verwunderlich ist auch, wie es sein kann, dass bei all seinen guten Taten immer ein Fotograf dabei war, noch dazu weil das Fotografieren im China der frühen 1960er-Jahre ein ausgesuchter Luxus war. Einige beschreiben ihn daher als den Yeti der KP-Geschichte: eine umfassend beschriebene, auf Fotos abgebildete Figur, die es aber vielleicht nie gab. Auch wenn diese Einwände nicht von der Hand zu weisen sind, ist es wahrscheinlich, dass er doch gelebt hat. Wäre er eine reine Propagandaerfindung gewesen, hätten ihn Maos Spindoktoren sicher einen heroischeren Tod sterben lassen: Beim Einweisen eines Lastwagens wurde Lei Feng von einem Telefonmast erschlagen, den das Fahrzeug gerammt hatte.

Ein größeres Problem für die Glaubwürdigkeit Lei Fengs ergibt sich aus der permanenten Anpassung der Figur an den jeweiligen politischen Zeitgeist. 2013 kamen drei Filme über ihn in die Kinos und floppten allesamt. Einer wurde zurückgezogen, für die beiden anderen mussten Staatsangestellte als Zuschauer zwangsverpflichtet werden.

Wer taugt in China zum Helden, wer wird von wem mit welcher Motivation zum Helden gemacht? Denn nicht immer sind die Helden der westlichen Welt auch die Helden Chinas und umgekehrt. Wenn manche Steve Jobs als Helden des Kapitalismus feiern, kann man diesem den Gründer des chinesischen Onlinehändlers Alibaba, Jack Ma, gegenüberstellen. Inzwischen macht Alibaba mehr Umsatz als Amazon, eBay und PayPal zusammen. Kurt Cobain wurde Anfang der 1990er-Jahre zum Antihelden und begeisterte damit die westliche Jugend genauso wie der chinesische Rockmusiker Cui Jian, dessen Lied "Ich habe nichts" zur Hymne der Studentenproteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens wurde.

Im Westen würden viele bei der Frage nach chinesischen Helden wohl an den verstorbenen Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo oder den nach Berlin ausgewanderten Künstler Ai Weiwei denken. In China werden sie nicht als Helden angesehen. Dass Ais Kunst Teile der chinesischen Bevölkerung nicht erreicht, spielt dabei viel weniger eine Rolle als die Tatsache, dass Helden aus nicht demokratischen Staaten wie China für uns vor allem dann Helden sind, wenn sie sich gegen die dort herrschenden Verhältnisse positionieren. Allerdings, und das zeigt der Fall Ai ebenfalls, bekommt der Heldenstatus im Westen schnell Kratzer, wenn der chinesische Dissident nicht mehr gewillt ist, seine Kritik am repressiven System aufrechtzuerhalten.

Diese Problematik der Heldenverehrung findet sich auch in der Figur Lei Fengs. Wenn wir im Westen die Skurrilität der Figur und die Verderbtheit der chinesischen Gesellschaft, die sich zweifelsohne in der Instrumentalisierung Leis zeigen, hervorheben, lassen wir außer Acht, dass es in China Leute gibt, die den Geist des zum moralischen Helden stilisierten Mustersoldaten ernst nehmen und sogar in seinem Sinne handeln.

Während um den 55. Lei-Feng-Tag herum dessen Geist auf Symposien mit einer gehörigen Portion Opportunismus wieder einmal beschworen wurde, boten die 3,5 Millionen organisierten Freiwilligen in Shanghai im März kostenlose Gesundheits- und Rechtsberatung, einen Gratis-Haarschnitt oder Haushaltsreparaturen an. Ob man diesen Menschen mit dem von den Staatsmedien oft genutzten Label "lebende Lei Fengs" einen Gefallen tut, sei dahingestellt. Aber diejenigen, die sich in einer zutiefst kapitalistischen Gesellschaft, die sich sozialistisch nennt, freiwillig um andere kümmern, sind die tatsächlichen Helden des chinesischen Alltags.

 

Ähnliche Artikel

Die Kaiser, die aus der Kälte kamen

Ausgabe II/2008, Heiße Zeiten. Wie uns das Klima verändert, Harry F. Lee, David D. Zhang

In China wechselten die Dynastien immer am absoluten Tiefpunkt von Kältephasen

mehr


Durchs Netz geschlüpft

Ausgabe IV/2015, Ich und die Technik, Yunchao Wen

Die chinesischen Behörden überwachen das Internet sytematisch.
Wie man es trotzdem schafft, sie auszutricksen

mehr


„Die Toten tauchen in euren Träumen auf“

Ausgabe IV/2012, Vom Sterben. Ein Heft über Leben und Tod, Peter Kilner

Wie Peter Kilner mit Soldaten über das Töten und Gewissensqualen spricht

mehr


Männer, auf ins Matriarchat

Ausgabe I/2012, Geht doch! Ein Männerheft, Wolfgang Hekele

Frauenherrschaft kann sich auch für Männer lohnen. Bei den Mosuo in China gibt es Sex ohne Besitzansprüche – und alle sind glücklich 

mehr


Offensiver Charme

Ausgabe II/2008, Heiße Zeiten. Wie uns das Klima verändert, Konrad Seitz

China hat in den letzten Jahren ein positives Bild in den Ländern Afrikas, Lateinamerikas und Asiens aufgebaut – eine Analyse des amerikanischen Journalisten Joshua Kurlantzick

mehr


Live von der Front

Ausgabe II/2017, Breaking News, Carsten Jensen

Mit tragbaren Kameras dokumentieren dänische Soldaten in Afghanistan ihre Einsätze

mehr