Am Nordrand Europas

Doris Wöhncke, Ausgabe II/2018, Helden



Das Erdgas bringt Wohlstand und Arbeit nach Hammerfest. Doch nicht alle sind glücklich über das Wachstum

Schneebedeckte Berge, die aus der graublauen See emporsteigen, eine spätwinterliche Sonne, die alles in zartes Rosa taucht, und die ersten heimkehrenden Zugvögel. Von Hammerfest aus genießt man den Blick auf die unberührte Natur der Arktis. Doch wie ein Raumschiff, mit ihren vielen Rohren, kaltem Stahl und ganz viel Dampf, liegt sie unvermittelt auf einer kleinen Insel vor Hammerfest: Europas größte Anlage zur Lagerung und Verarbeitung von Erdgas. Melkøya, die Milchinsel, trennen nur rund 200 Meter von der Stadt. Seit 2007 beherbergt das Eiland die Gasanlage, die fast jeder Norweger kennt. Über ihr lodert in bis zu hundert Metern Höhe die Gasflamme, die vom neuen Zeitalter in Hammerfest zeugt. In der dunklen Zeit, wie man hier den langen, unbarmherzigen Winter nennt, kann sie den ganzen Himmel erleuchten.

Hammerfest, die kleine Stadt im äußersten Nordwesten Norwegens, hat eine bewegte Vergangenheit: Im 19. Jahrhundert erlangte sie größere Bekanntheit, als von dort Seefahrer und Entdecker aufbrachen, um die Barentssee und den arktischen Ozean zu erobern. Hammerfest wuchs unaufhörlich und die Arbeitsplätze in der Fischerei zogen Männer und Frauen aus der ganzen Welt an. Dem Aufschwung wurde mit der vollständigen Zerstörung Nordnorwegens durch die Deutschen im Zweiten Weltkrieg ein jähes Ende gesetzt. Doch die Menschen bauten ihre Heimat schon bald wieder auf, genauso wie die Seefahrt. Schon die 1950er-Jahre markierten einen neuen Höhepunkt der Stadt: Die Firma Findus eröffnete eine Fischfabrik und am Hafen gab es wieder Arbeit für alle.

»Mit der Industrialisierung der Fischerei in den 1960er-Jahren kam eine große Migrationswelle aus Finnland. In den 1970ern folgten sehr viele Tamilen. Einige blieben hier, einige reisten irgendwann wieder zurück. Zuwanderung hatte Tradition, und man war daran gewöhnt, dass die Menschen an-, aber auch wieder abreisten«, erklärt Alvin Vaséli, Leiter der Einwandererzentrale. »Das Gerücht, dass es in Norwegen Arbeit gab, ging um die Welt.« Doch die Fabrik wurde von Nestlé gekauft und der Konzern verlegte die Produktion 2001 ins billigere China. Das Ende der Fischfabrik hätte vermutlich auch das Ende der Stadt besiegelt, wenn sich nicht schon ein neuer Akteur angekündigt hätte: der norwegische Energieriese Statoil.

 Fossile Energie spielt seit den 1980ern eine große Rolle in Norwegen und hat das Land zu einem der reichsten Länder der Welt gemacht. Hammerfest hat einen besonders großen Anteil am Geschäft mit den fossilen Brennstoffen. 140 Kilometer nordwestlich der Stadt liegt das Gasfeld Snøhvit, Schneewittchen, in der arktischen Barentssee. Das Erdgas wird durch eine Pipeline bis nach Melkøya befördert und dort zu Flüssiggas verarbeitet.

 In Hammerfest dreht sich alles um die kleine Insel mit der großen Anlage. Hier gibt es die meisten Arbeitsplätze, hier entsteht das Wachstum, das der Stadt Leben einhaucht. Jedes Jahr docken zwischen siebzig und hundert Gastankboote an die Anlage an, um die rund fünf Millionen Tonnen flüssigen Gases zu tanken und in die Welt zu verschiffen. Mit der Ladung nur eines dieser Boote könnte Hammerfest sechs Jahre lang mit Energie versorgt werden.

»Eine einzige, riesige Bombe, mitten in der Stadt«, nennt Jan Ekeland, Vorsitzender der Grünen Partei in Hammerfest, die Insel, die fast gänzlich von der Anlage und ihren riesigen Gastanks bedeckt ist. »Sie ist ein unberechenbares Risiko für uns alle«, wiederholt er immer wieder. »Wir, die ganz normalen Bürger, zahlen den Preis dafür, dass die großen Konzerne hier ihre Milliarden scheffeln.« Tatsächlich wurde Melkøya schon als Norwegens Terrorziel Nummer eins bezeichnet, und auch ein Unfall hätte fatale Folgen. Aber darüber spricht man in Hammerfest nicht. Auch nicht darüber, dass keine Robben mehr in den Hafen kommen und immer weniger Wale durch den Sund schwimmen. Der stetig wachsende Schiffsverkehr, Rohre und Leitungen, die auf dem Meeresboden verlegt werden, und ständige Reparaturen daran stören die Unterwasserwelt. Aber auch in die Atmosphäre gelangen Abgase: Die Gasanlage stößt im Jahr so viel CO2 aus wie alle Autos in ganz Oslo im gleichen Zeitraum. »Nur weil man das nicht sieht, heißt es nicht, dass es nicht passiert «, empört sich Ekeland. Er ist wütend und enttäuscht, dass die Politik zu wenig für den Umweltschutz tut: »Wir hinterlassen der nächsten Generation wirklich nichts Gutes.« Seiner Meinung nach sind die Politiker den großen Unternehmen viel zu nah.

Aber die großen Unternehmen zahlen Steuern. Allein von der Gasanlage auf Melkøya werden jährlich rund 150 Millionen Norwegische Kronen (umgerechnet rund 15,7 Millionen Euro) in die Stadtkasse von Hammerfest gespült. Damit werden Kindergärten, Altenheime, Musikschulen und öffentlicher Nahverkehr finanziert. »Ohne die Steuereinnahmen von Melkøya wären wir verloren«, lässt sich das Rathaus immer wieder zitieren. Und vermutlich ist das gar nicht mal so falsch, denn Hammerfest widersetzt sich als einzige Stadt in Norwegen einem Negativtrend: »Andere Städte und Gemeinden im Norden verzeichnen seit 2002 einen Bevölkerungsrückgang von über fünfzig Prozent. Wir hingegen wachsen«, berichtet Marianne Sivertsen-Næss, stellvertretende Bürgermeisterin von Hammerfest. »Wir wollen die Stadt für Zuzug attraktiver machen. Dazu gehören auch Infrastruktur und soziale Einrichtungen. Wir wollen, dass sich junge Familien hier etablieren können, und garantieren zum Beispiel jedem Bewerber einen sofortigen Kindergartenplatz, ohne Wartezeit.« Mit rund 10.000 Einwohnern verfügt Hammerfest über 13 Kindergärten und jedes Jahr muss die erste Klasse der Grundschulen um durchschnittlich eine komplette Parallelklasse erweitert werden. »Wenn es nach mir geht, könnte das immer so weitergehen«, strahlt die Politikerin.

Dieses Wachstum kann natürlich eine solche Stadt nicht allein tragen. Menschen aus aller Welt kommen nach Hammerfest, um hier eine Arbeit zu finden. Über siebzig verschiedene Nationen zählt die Stadt heute. Besonders viele Migranten kommen aus Osteuropa und Somalia. Die Stadt begrüßt Zuwanderer mit offenen Armen und nimmt auch viele Flüchtlinge aus Syrien auf. Ihnen wird ein zweijähriges Integrationsprogramm angeboten, in dem man die Sprache, aber auch Landes- und Gesellschaftskunde lernt. Ein Geflecht aus mehreren Institutionen hilft dabei. Um den Start ins Arbeitsleben zu erleichtern, bieten viele Betriebe Praktika an und die Stadt stellt ein eigenes Café zur Verfügung, das von den Einwanderern selbst betrieben wird. »Wir haben eine große Erfolgsquote bei der Integration: Die meisten Zuwanderer stehen nach vier Jahren fest im Beruf und können sich und ihre Familien selbst versorgen«, erzählt die stellvertretende Bürgermeisterin Sivertsen-Næss. Die Internationalität merkt man Hammerfest an: In den Fischfabriken spricht man meist Polnisch und die Mehrheit der Ärzte sind schwedisch oder dänisch. Im neuen Kulturhaus werden internationale Märkte veranstaltet und jeden Freitag versammelt sich die muslimische Gemeinde im umgebauten Gemeindehaus – es ist Nordnorwegens größte Moschee.

Schon seit Jahrhunderten ziehen Menschen aus aller Welt nach Hammerfest. Aber wäre dies auch ohne das Energieabenteuer, wie man die neue Zeit in Hammerfest nennt, möglich? »Unsere Gesellschaft, unser aller Wohlstand sind auf fossiler Energie aufgebaut«, meint Sivertsen- Næss. Gäbe es eine Alternative? Alles auf die Fischerei setzen? Weniger Wohlstand? Hier scheiden sich die Geister. Aber in einem Punkt sind sich alle einig: Hammerfest wäre ohne Öl und Gas nicht das, was es heute ist. 

 

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