Göttliche Anemone

Jutta Person, Ausgabe II/2018, Helden



Science-Fiction, Öko-­Thriller, Voodoo-Groteske: Die Schriftstellerin und Musikerin Rita Indiana schickt Künstler auf Trips und Körper auf Zeitreisen

Androgyne, schwarz gekleidete Körper mit riesigen Schulterpolstern steppen auf einer futuristischen Erdkugel, die ramponiert und kreischbunt durchs All driftet, während psychedelische Monsterblumen sich zu Elektro-Takten verschnörkeln. Wir befinden uns – noch nicht im neuen Roman von Rita Indiana, sondern im Video ihres Songs »La hora de volvé«. Aber Literatur und Musik teilen sich so einiges, von der experimentellen Drastik über afrokaribische Zitate bis zur ungerührt lässigen Sängerinnen- und Erzählerinnenstimme. Wer sich im Internet auf die Suche nach Rita Indiana macht, findet zuallererst die Songs ihrer Band »Rita Indiana y los Misterios«, obwohl sie als Schriftstellerin begonnen hatte und erst später zur Musik gekommen war. Geboren 1977 in Santo Domingo, Hauptstadt der Dominikanischen Republik, ist die Autorin und Singer-Songwriterin, die sich auch politisch zu Wort meldet, im mittelamerikanischen Raum längst ein Star. Rita Indiana ist eigentlich ihr Vorname und geht auf eine Urahnin zurück, mit vollem Namen heißt sie Rita Indiana Hernández Sánchez. Veröffentlicht hat sie bereits mehrere Erzählungen und Romane, darunter den Roman »Papi«, auf dessen US-amerikanischem Cover ein Blurb des ebenfalls dominikanischen Schriftstellers Junot Diaz verkündet: »Rita Indiana is one of a kind.« Jetzt erscheint ihr Roman »Tentakel« auf Deutsch, aber anders als das spanische Original »La mucama de Omicunlé « (»Omicunlés Dienstmädchen«) setzt der deutsche Titel gleich auf ein spektakuläres Detail: die Fangarme einer Seeanemone. Möglicherweise haben diese zu den Korallen zählenden Meerestiere im Roman sogar Superkräfte und können menschliche Retter hervorbringen.

Aber der Reihe nach, soweit das bei dieser schrillen Geschichte möglich ist: Wir befinden uns im Jahr 2027, das Meer ist zur Kloake verkommen. In den Straßen von Santo Domingo patrouillieren Sammelroboter, die Flüchtlinge aus Haiti aufspüren und vernichten. Acilde, eine jugendliche Ex-Stricherin und jetzt Hausangestellte einer Voodoo- Priesterin, wünscht sich nichts sehnlicher als eine Geschlechtsumwandlung. Ihre Chefin, die den Ritualnamen Omicunlé trägt, hält sich eine wertvolle Seeanemone, die sie als göttliches Wasserwesen verehrt. Als die Priesterin ermordet wird, gelangt Acilde in den Besitz der Anemone und kann endlich die Geschlechtsumwandlung vornehmen lassen. Die ist auch im Jahr 2027 noch sehr teuer, aber mit nur einer Spritze namens »Rainbow Bright« in wenigen Stunden machbar: »Ihr Unterleib wurde von Kontraktionen geschüttelt, bis sie durch die Vagina ausschied, was einmal ihr Uterus gewesen war. Um zwölf Uhr mittags war Acilde Figueroa ein Mann.« Dazwischen schiebt sich die Geschichte des abgehalfterten Künstlers Argenis, der in den 1990er- und 2000er-Jahren von einer Pechsträhne in die nächste stolpert. Argenis ist zwar ein technisches Genie, hat aber keine Ahnung von Gegenwartskunst, sodass er ein Außenseiter bleibt. Die »rich kids« an der Designhochschule haben ihn sowieso nie mitspielen lassen, und als er von Giorgio, einem Kunstmäzen, zu einem Workshop an der Playa Bo in der Nähe von Sosúa eingeladen wird, scheint das seine letzte Chance zu sein. Giorgio will in dieser Bucht mit seiner Frau, einer umweltpolitisch aktiven Meeresbiologin, eine Forschungs- und Zuchtstation zum Schutz des Korallenriffs einrichten (die es im realen Sosúa tatsächlich gibt). Währenddessen beschäftigen sich die Künstler vor Ort mit dem Werk Goyas, wobei Argenis auch hier keinen Anschluss findet.

Rita Indiana verpasst dem Roman nun eine surreale Note, indem sie sowohl Argenis als auch Acilde mit besonderen Fähigkeiten ausstattet: Sie können in der Zeit reisen – und zwar ohne die klassische Zeitmaschine. Körper und Wahrnehmung verdoppeln sich und machen parallel gelebte Existenzen möglich. Bei Argenis setzt sich der Trend zur verkrachten Existenz auch im zweiten Leben fort: Nach einer schmerzhaften Schnorchelbegegnung mit einer Seeanemone findet sich der Künstler im 17. Jahrhundert wieder, bei einer kleinen Gruppe von Bukaniern – Franzosen, Schwarzen und Indigenen, die sich auf der Insel Hispaniola vor den Spaniern verstecken. Die ruppigen Freibeuter zwingen Argenis dazu, tagelang Rinderhäute abzuschaben – was den künstlerischen Ambitionen im ersten Leben nicht zuträglich ist.

Über die Bukanier-Story lässt Rita Indiana die koloniale Vergangenheit des Landes einfließen, und mit der Meeresbiologie nähert sich der Roman seinem zentralen Thema: der durch Gier und frenetischen Egoismus in Gang gesetzten Umweltzerstörung. Das gilt auch für den anderen Erzählstrang: Acilde, zum Priester der Meeresgötter Olokun und Yemayá geweiht, wird aus der Zukunft in die Gegenwart zurückgebeamt, um zu retten, was noch zu retten ist. Auf diese Weise speist Rita Indiana karibische Kulte und Meeresgötter in den Roman ein, der auf Erlösungsfantasien ganz verzichtet.

Im Gegenteil, die Form dieser Geschichte ist die Farce, ob nun in Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft. Die Performancekünstler im Sosúa-Projekt wirken dabei wie ein trauriges Häufchen ferngesteuerter Angeber, und dass die ebenfalls eingespeisten (realen und fiktiven) Politiker kriminell sind, erklärt sich von selbst. Das Namedropping aus Kunst, Kultur, cooler Musik, Mode und Design, das den Roman durchzieht, ist allerdings manchmal überdosiert: von Giorgio Moroder, Goa-Trance bis Matthew Barney, von Gertrude Stein, Marc-Jacobs-Jacketts und Lydia Cabrera bis zu Homi Bhaba. Die angestrengte Hipness der Figuren scheint dann auch die Erzählstimme zu beeindrucken, die mit ihrer schnellen, stilistisch unkomplizierten Schnoddrigkeit doch eigentlich auf Distanz bleiben will. Trotzdem liest man diese überbordende Dystopie mit Neugier und Anteilnahme – nicht zuletzt, weil Rita Indiana auf hilfloses Pathos verzichtet, wenn es um das zerstörte Meer der Zukunft geht. Ihre so exzentrische, wütende wie groteske Geschichte kommt damit wohl näher an die Realität heran als jeder noch so empfindsame Realismus. 

Tentakel. Von Rita Indiana. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin, 2018.

 

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