Werthers zweiter Frühling

Sieglinde Geisel, Ausgabe II/2018, Helden



Vom Briefroman bis zum Rilke-Tattoo: Sandra Richter erkundet, wie sich die deutsche Literatur in der Welt verbreitete und welche Wirkung sie entfaltet

Wie wird deutschsprachige Literatur in der Welt wahrgenommen? Diese Frage über die gesamte Literaturgeschichte hinweg zu beantworten, kommt einer literaturwissenschaftlichen Herkulesaufgabe gleich. Zwanzig Jahre hat Sandra Richter, derzeit noch Professorin für Literaturwissenschaft an der Universität Stuttgart und ab 2019 Direktorin des Literaturarchivs Marbach, an ihrer kiloschweren Gesamtdarstellung gearbeitet. Diese Literaturgeschichte handelt nicht nur von Vernetzung, sie ist auch selbst ein Ergebnis von reich vernetztem Arbeiten, dies zeigen die vielen Namen in der Danksagung. Sandra Richter zeichnet die Prozesse der Aneignung und Übersetzung nach und interpretiert sie zugleich. »Was wissen wir, wenn wir wissen, dass August von Kotzebue den Zahlen nach zu den meistgelesenen Autoren um 1800 zählte?« Anhand solcher Fragen lässt sich zeigen, dass die Wirkungsgeschichte nicht vom Verkaufserfolg abhängt: Erfolg und Wirkung dürfe man nicht verwechseln, hat Heiner Müller einmal gesagt. Sandra Richters »Weltgeschichte der deutschsprachigen Literatur« setzt mit dem späten Mittelalter ein, erst die Drucktechnik machte die geografische Verbreitung von Literatur in nennenswertem Maß möglich. Zu den frühesten Exportgütern gehörten etwa Sebastian Brants »Narrenschiff« und »Till Eulenspiegel«, wandernde Theatergruppen spielten bei der Verbreitung eine wichtige Rolle. Mit der Aufklärung und der Romantik nimmt die Internationalität deutscher Literatur dann rasant zu: Einzelne Werke machen Karrieren, die bisweilen bis in unsere Zeit andauern. Obwohl Richter chronologisch vorgeht, verfolgt sie einzelne Phänomene auch vertikal durch alle Epochen hindurch.

Der erste deutsche Welterfolg war ein Briefroman. Thomas Carlyle sah in »Die Leiden des jungen Werthers« (1774) den »repräsentativen Roman des Zeitalters«, Napoleon soll immer ein Exemplar in seiner Feldbibliothek mitgeführt haben. In halb Europa gab es nachdichtende und umdeutende »Wertheriaden«, bisweilen mit Frauenfiguren in der Rolle des Werther. Allein in England entstanden 28 Gedichte, sechs Romane und ein Drama. Zur Werther-Begeisterung gehörte auch die Werther-Angst. »Werther zündelte am Herzen der Leser, indem er verbotene Gefühle und deren Folgen beschreibt.« Wenn Schriftsteller Gefühle erfinden, wie es Hans Magnus Enzensberger einmal gesagt hat, ist es nur folgerichtig, dass mit den Werken auch die Lebensgefühle exportiert werden. »Werther« habe vor allem in Gesellschaften Konjunktur, die den Individualismus als neues, modernes Lebensgefühl entdeckten, so Richter: In Japan etwa erschienen bis heute vierzig Übersetzungen, und in China ist dieses »Lebensbuch der Revolte« heute das meistgelesene deutsche Buch. »Werther erscheint damit als globales Palimpsest eines so emotionalen wie ästhetischen Aufbruchs: als ein Text, der durch Schichten seiner Wahrnehmung und Aneignung so weit überschrieben wird, dass er selbst nur mehr vage durchscheint.« Während »Werther« vor allem in Umbruchszeiten Konjunktur hatte, hielt der »Faust« Gesellschaften einen Spiegel vor, die sich bereits modernisiert hatten, so Sandra Richters These. Mit seinem Konzept von Himmel, Hölle und Verdammnis fand »Faust« vor allem in monotheistischen Regionen Resonanz. In Frankreich etwa ließ sich Eugène Delacroix durch das Drama zu einer Reihe von Lithografien inspirieren, die englischen Romantiker waren im 19. Jahrhundert »im Faust-Fieber«: »Faust« galt als »eine Art göttliche Komödie des neuen Zeitalters«. In Amerika war Faust eine Kultfigur der Transzendentalisten. Sie spielten eine zentrale Rolle für den transatlantischen Transfer der deutschen Literatur: Man las Kant und Schelling im Original, denn die Schriftstellerin Margaret Fuller hatte Emerson, Thoreau und Alcott Deutsch beigebracht.

Der »Vierländerdichter« Rilke wiederum ist schon von seiner Herkunft her ein Kosmopolit, er reiste nach Ägypten, Italien und Schweden, schrieb zeitweise auf Französisch und befasste sich intensiv mit der russischen Literatur. Seine »Duineser Elegien« wurden erst spät übersetzt, fanden dann jedoch als »Rilke-Code« Eingang in die internationale Kunst. In Thomas Pynchons »Gravity’s Rainbow« kennen die Figuren deutsche Ausdrücke wie »Alpdrücken« oder »Kadavergehorsam«. Mit seinem Roman erschuff Pynchon eine kritische Deutung von Rilkes Dichtung, die vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs auch weltanschaulichen Zündstoff liefere. Über Whoopi Goldbergs Filmkomödie »Sister Act 2« erlangte eine Stelle aus dem ersten Brief in Rilkes »Briefe an einen jungen Dichter« eine ungewöhnliche Prominenz: Auf ihrem Unterarm trägt Lady Gaga ein Tattoo mit der leicht gekürzten und veränderten Briefstelle mit dem Rat an den jungen Dichter bezüglich seines Schreibwunschs:

Prüfen Sie, ob er in der tiefsten Stelle Ihres Herzens seine Wurzeln ausstreckt, gestehen Sie sich ein, ob Sie sterben müßten, wenn es Ihnen versagt würde zu schreiben. Muß ich schreiben?

Selbst in der Populärkultur steht der Rilke-Code »für ein eingeschworenes Verhältnis zur Kunst und für den Willen, diese Eingeschworenheit weit zu treiben«, so Sandra Richters Schlussfolgerung.

Bei Heine dagegen, dem »Parisien de Düsseldorf« verläuft die internationale Auseinandersetzung nach anderen Kriterien: Die Geister scheiden sich an ihrer Vorliebe für den politischen oder den lyrischen Heine. Im katholischen Spanien des 19. Jahrhunderts verstand man das »Buch der Lieder« als Versuch, »romantische Begeisterung und Wirklichkeit miteinander zu versöhnen«, während man in Portugal diese Rezeption als zu süßlich sah und Heine als Vetreter »satanischer« Dichtung begriff, der mit seiner Ironie die Weltordnung auf den Kopf stellte.

All dies sind nur Schlaglichter, die Materialfülle dieser Welt-Literaturgeschichte lässt sich nicht ansatzweise wiedergeben. Bis zum Zweiten Weltkrieg ist die international gelesene deutsche Literatur offenbar Männersache: Die einzige Frau, die als Autorin erwähnt wird, ist eine Französin – Madame de Staël spielte mit ihrem umstrittenen Buch »De l’Allemagne« (1813) eine wichtige Rolle für die europaweite Verbreitung der deutschen Kultur. Interessanterweise fehlen in dieser Auslandsliteraturgeschichte jedoch nicht nur die Schriftstellerinnen früherer Epochen, sondern auch manche Autoren, die unstreitig zum Kanon der deutschen Literatur gehören: Heinrich von Kleist, Friedrich Hölderlin und Georg Büchner etwa wurden im Ausland offenbar kaum rezipiert, ganz im Gegensatz zu manchen kanonfernen Autoren: Vicky Baum etwa feierte mit ihrem Roman »Menschen im Hotel« in den 1930er-Jahren Erfolge im kalifornischen Exil, vor allem durch die Verfilmung unter dem Titel »Grand Hotel«. Zu den heute vergessenen Autorinnen gehört auch die jüdische Kommunistin Klara Blum alias Zhu Bailan: In der Sowjetunion verliebte sie sich in einen chinesischen Journalisten, der im Gulag verschwand. Auf der Suche nach dem Geliebten wanderte sie nach dem Zweiten Weltkrieg nach China aus; ihre deutschsprachigen Werke erschienen in der DDR. Während des Dritten Reichs änderte sich für die deutsche Literatur alles: Sie fand nur noch im Ausland statt, Deutschland wurde »ein literarisches Niemandsland«. Der Exilliteratur ist ein ungemein informatives Kapitel gewidmet, das sinnigerweise nicht 1945 endet, sondern 1960, die Emigration dauerte an. Paul Celan etwa lebte nach dem Krieg in Paris in einem poetischen Austausch mit seiner Frau Gisèle Celan-Lestrange. Nelly Sachs’ Werk wurde erst nach einem Jahrzehnt der Isolation in Deutschland gedruckt, auch Elias Canetti schrieb sein gesamtes Werk im Ausland.

Im geteilten Deutschland der Nachkriegszeit fand die Literatur in Ost und West dann vollkommen verschiedene Bedingungen vor. Hinsichtlich des literarischen Exports zeigt Richter überraschende Parallelen auf. Der Aufbau-Verlag setzte bei seinen Lizenzausgaben für die östlichen Bruderländer für den Einstieg ebenso auf Klassiker wie der Suhrkamp- Verlag in den USA, die Gegenwartsliteratur wurde erst im Anschluss ans Bewährte gewagt. Die DDR verfolgte überdies eine unterschiedliche Strategie in Ost und West: Autoren wie Christa Wolf, Reiner Kunze oder Heiner Müller wurden nur ins westliche Ausland verkauft.

Nach 1989 änderten sich die Bedingungen für die deutsche Literatur noch einmal fundamental. In den 1990er-Jahren wurde eine Literatur wichtig, »die auf das aufmerksam machte, was nicht deutsch war«, so formuliert es Sandra Richter. War die deutsche Literatur im Dritten Reich aus Deutschland ausgewandert, wanderte nun die internationale Literatur dank schreibender Migranten nach Deutschland ein. Kurzporträts von Emine Sevgi Özdamar und Feridun Zaimoglu stehen für die selbstbewusste türkisch-deutsche Literatur, die den Literaturbetrieb »gründlich erschüttert« habe, Yoko Tawada und Ilja Trojanow zeigen weitere Aspekte der multikulturellen Auseinandersetzung. Während Autoren aus dem südeuropäischen Raum in ihren Texten oft einen ironisch-verspielten Ton pflegten, gelte in der deutschen Literatur aus Osteuropa »die Ostzone als Sozialisations- und Schreckensort«. Ein ausführliches Porträt von Herta Müller veranschaulicht diese Poetik der Aufarbeitung: Rumänien sei für Herta Müller das, was Österreich für den »grantelnde[n] Humanist[en]« Thomas Bernhard war: »Hassobjekt und Quelle einer negativen Inspiration«.

Richters »Weltgeschichte der deutschsprachigen Literatur « ist ein Plädoyer für die Globalisierung, geschrieben im Namen einer Nationalliteratur – gibt es ein schöneres Paradox? Beim Lesen lauscht man dem Gespräch der Literaturen untereinander und beginnt zu ahnen, wie sie sich gegenseitig nähren und inspirieren. Ein solches Unterfangen könne nur »ein Flickwerk von Fallbeispielen« sein, bemerkt Richter, ohne Anspruch auf Vollständigkeit. In diesem Buch sind unzählige Monografien komprimiert, und trotz der angenehm jargonfreien Sprache von Sandra Richter ist dieses Monumentalwerk in einer fortlaufenden Lektüre kaum zu bewältigen. Zu dicht und zugleich weitverzweigt sind die Werk- und Autorenbiografien, die hier zusammengefasst werden. Als Handbuch und Nachschlagewerk für die Literaturwissenschaft ist es von unschätzbarem Wert: Vieles ist für individuelle Forscher – seien es Studenten oder Professoren – in dieser Tiefe kaum recherchierbar, schon das Erschließen der Rezeption in Ländern, deren Sprache man nicht beherrscht, ist eine Sache für Spezialisten. Wer sich ein Bild von der internationalen Wirkung bestimmter Werke, Autoren oder literarischer Strömungen verschaff en will, fi ndet hier Orientierung. Den 486 Seiten Text folgen 241 Seiten Anhang – auch die Hinweise zur weiterführenden Lektüre sind ein Fundus für die wissenschaftliche Arbeit.

In seiner Fülle zeigt das Buch, wie sich Literatur in der Aneignung durch andere Kulturen verwandelt: »Texte blitzen wie Diamanten in unterschiedlichen Farben, abhängig vom Lichteinfall.« Im letzten Kapitel fasst Sandra Richter ihre Schlussfolgerungen in zwanzig Thesen zusammen: Der Verbreitung im Ausland gehe fast immer die Anerkennung zu Hause voraus, und oft seien es die Figuren, die im Ausland populär werden, wie Werther oder Winnetou. Interessant sind die Verbreitungswege: »Die Südhalbkugel scheint oft abgeschnitten oder auf die Erstwahrnehmung und -aneignung durch den Norden angewiesen.« In diesem Sinn sei der »Western Canon« in Wirklichkeit ein »Northern Canon«. Wenn deutsche Literatur allerdings jenseits von Mitteleuropa gelesen werde, läute sie oft eine Zeitenwende ein.

Nicht mehr Amerika sei der größte Abnehmer von Übersetzungen aus dem Deutschen, sondern China, verrät Sandra Richter überraschend am Schluss. Während in der klassischen Musik »dead Germans« das Feld beherrschen, ist Deutschland in der Literatur »ein Randphänomen«, zumindest im Vergleich zur französischen oder angelsächsischen Literatur. Wenn Deutschland aus globaler Sicht auch Provinz sein sollte – Sandra Richters Welt-Literaturgeschichte zeigt, wie reich diese Provinz an Höhepunkten ist.

Eine Weltgeschichte der deutschsprachigen Literatur. Von Sandra Richter. C. Bertelsmann, München, 2017.

 

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