Bauernsterben

Tejaswi Dantuluri, Poojari Thirumal, Ausgabe I/2018, Erde, wie geht's?



Im indischen Dekkan-Hochland werden heimische Feldfrüchte durch Monokulturen wie Soja ersetzt - mit katastrophalen Folgen

Das östliche Himalaja-Gebiet hat die größte biologische Vielfalt der Welt. Doch in den vergangenen Jahren wartete man in der Nähe der Bergstadt Shillong im nordöstlichen indischen Bundesstaat Meghalaya vergeblich auf die Blüte der Himalaja-Kirsche, der alljährlich sogar ein Festival gewidmet ist. Die Einwohner der Region befürchten, dass die Niederschläge insgesamt seltener werden und sich das Klima immer mehr erwärmt, sodass lokale ökologische Kreisläufe empfindlich gestört werden.

Doch auch andere Regionen des Subkontinents spüren die Folgen des Klimawandels. Südlich von Shillong befindet sich das Hochland von Dekkan, eine der ältesten geologischen Formationen, die die frühesten Spuren des Ackerbaus in Indien aufweisen. Bis heute erlauben die Trockengebiete der indischen Halbinsel jedoch den Regenfeldbau von Hirse, die den Lebensunterhalt von Kleinbauern sichert. Der Anbau dieser an die lokalen Umweltbedingungen perfekt angepassten Feldfrucht wird jedoch möglicherweise bald Vergangenheit sein, weil aufgrund staatlicher Anreize zunehmend Kulturpflanzen wie Baumwolle, Mais und Soja ausgesät werden.

Mogalamma ist eine der Bäuerinnen, die am arbeitsintensiven Hirseanbau festhalten. Jedes Jahr Mitte Juni wartet sie in Potpalli, einem kleinen Dorf im südindischen Bundesstaat Telangana, darauf, dass der Monsunregen in ihren nur 2,5 Zentimeter dicken Ackerboden sickert. Angesichts der extrem trockenen Topografie gelten Böden wie ihrer für die großen landwirtschaftlichen Unternehmen der Region als nicht kultivierbar, doch für Mogalamma sind ihre sechs Hektar steiniger Acker ein biologisch äußerst vielfältiges Terrain, eine Nahrungsquelle für ihre Familie und eine Futterquelle für ihr Vieh. Mogalamma erzählt, dass es schon sehr lange her ist, dass ihre Mutter den Monsun genau im richtigen Moment kommen sah. Seit mehreren Jahrzehnten ist die Ankunft des Regen bringenden Windes auf dem Subkontinent unberechenbar geworden.

Im indischen Kontext ist es sehr wichtig, Landwirtschaft als Herzstück gesunder Ökosysteme zu begreifen. Die trockenen Böden von Dekkan gelten als eines der am schwierigsten zu bewirtschaftenden Gebiete. Regionen wie Telangana oder Vidharba sind als Selbstmordgürtel Indiens bekannt. Studien der Colombia Universität zufolge haben durch den Klimawandel bedingte Ernteausfälle in den vergangenen drei Jahrzehnten bis zu 60.000 Bauern in den Suizid getrieben. Viele Menschen in Indien halten den Ackerbau im Hochland von Dekkan aufgrund des Bodens, des unvorteilhaften Wetters und der Wasserknappheit für sehr schwierig. Allerdings gibt es dort auch sehr viele Bauern, denen Selbstmordgedanken völlig fremd sind. Die Kleinbauern der indigenen Gemeinschaften haben geniale Methoden entwickelt, um den widrigen Umweltbedingungen zu trotzen. Im Laufe der Jahrhunderte haben sie ein umfangreiches Fachwissen über landwirtschaftliche Methoden angesammelt, die perfekt an die schwierigen Umweltbedingungen angepasst sind und die deshalb als »agroökologisch « bezeichnet werden.

Die indische Regierung hingegen propagiert Anbauweisen, die auf den Einsatz von Agrarchemie und Bewässerung angewiesen sind. Doch diese sind auch anfällig für Wetterextreme. 2016 haben die nicht enden wollenden Regenfälle in vielen Teilen von Telangana Monokulturen wie Soja hinweggespült und die Bauern elend und hoch verschuldet zurückgelassen. Felder mit Nutzpflanzen wie Perlhirse, Fingerhirse und verschiedene Sorghumarten trugen hingegen keinen Schaden davon. Einen erheblichen Anteil der Suizide unter Bauern in diesem Teil des Hochlands von Dekkan kann man mit dem staatlich gewünschten Wechsel vom ökologisch unbedenklichen Anbau von Hirse hin zum Anbau eher kommerzieller Pflanzen erklären. Ein großes Problem für die Anbaumethoden, die Bewässerungswasser brauchen, ist, dass Indien zu über siebzig Prozent aus trockenem Boden besteht. Konflikte um Wasser sind deshalb nichts Ungewöhnliches. Seit Langem kämpfen verschiedene benachbarte indische Bundesstaaten um Wasser, das zumeist für den Anbau wasserintensiver Pflanzen wie Reis und Zuckerrohr verwendet wird. Während man für den Anbau eines Kilos Reis rund 2.000 Liter Wasser braucht, benötigt Hirse kein Bewässerungswasser und kann sogar bei minimalen Regenfällen gedeihen. Hirse in Form von Sorghum in Zentralindien, Perlhirse im Norden, Fingerhirse im Süden und Kolbenhirse im Nordosten sind seit jeher die einheimischen Feldfrüchte.

Während über fünfzig Länder weltweit Hirse anbauen und konsumieren, wird ihre Bedeutung in Indien zurzeit vehement bestritten, um Bäuerinnen wie Mogalamma vom Hirseanbau abzuhalten. Aufgrund verschiedener staatlicher Interventionen und der Ansiedlung von Unternehmen haben bereits über die Hälfte der Bauern in Mogalammas Dorf ihren Anbau auf Baumwolle umgestellt, was zu einem ungewöhnlichen und desaströsen Phänomen geführt hat. Mogalammas Bauernhof hat vergangenes Jahr zahlreiche Vögel angezogen, die auf der verzweifelten Suche nach Nahrung die gut entwickelten Hirserispen leer pickten. Dennoch lächelt Mogalamma und meint, sie habe zumindest Vögel gerettet, für die der Staat kein Erbarmen habe. Mit der sogenannten »Grünen Revolution« haben Bauern in großen Teilen Indiens von Biodiversität auf Monokultur und von Regenfeldkulturen auf ertragsstarke, chemieintensive Kulturen wie Reis umgestellt. Als eine der anspruchslosesten Feldfrüchte widersetzt sich der Anbau von Hirse der kapitalistischen Marktlogik, die behauptet, dass hohe Investitionen in Saatgut, Dünger und Technik automatisch hohe Erträge bescheren. Der Hirseanbau hingegen lässt sich nicht zu einem Geschäftsfeld für große Konzerne entwickeln.

Als wäre den Bauern im Hochland von Dekkan dieser Konflikt zweier Anbaumethoden schon lange klar gewesen, setzten sie in der Folklore der Region von Telangana Hirse traditionell mit einer weiblichen Frucht gleich, während »Cash Crops« wie Baumwolle und Zuckerrohr als männliche Früchte vorgestellt werden. Weil Hirse im Allgemeinen nicht für den Markt bestimmt ist, sondern als Nahrungsquelle dient, werden Frauen zu den natürlichen Wächterinnen über das Essen. Der Anbau der Frucht beinhaltet eine Gefühlsarbeit, ein Bestellen der Natur und das Einrichten von Haus und Hof, Tätigkeiten, die nicht in eine Ware konvertierbar sind oder durch einen Arbeitslohn bezahlt werden können.

Im Kontext des Klimawandels können wir von der traditionellen Kultur der Hirse und den an die Umweltbedingungen angepassten Anbaumethoden lernen: Die regenwassergespeiste Hirse weist außerdem sehr gute klimaresistente Eigenschaften auf, weshalb diese Pflanze bei zunehmender Wasserknappheit die Zukunft von Nahrungsmitteln und Landwirtschaft bedeuten könnte.

Aus dem Englischen von Claudia Kotte

 

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