Apokalypsemüde

Per Espen Stoknes, Ausgabe I/2018, Erde, wie geht's?



Warum schaffen wir es nicht, den Klimawandel aufzuhalten? Fünf Gründe für unsere Kurzsichtigkeit und fünf Ratschläge zur Rettung unserer Spezies

Die Botschaft der Klimaforschung ist seit Jahren klar und deutlich: Die Menschheit kann nicht länger in großem Maßstab fossile Brennstoffe nutzen, wenn sie nicht direkt in die Klimakatastrophe schlittern will. Und trotzdem will Donald Trump die Kohleindustrie wiederbeleben; trotzdem wollen Politiker in Norwegen verstärkt auf neue Ölbohrungen in der Arktis setzen; trotzdem zögert die deutsche Autoindustrie, auf Elektroautos umzusteigen.

Ist die Menschheit also zwangsläufig kurzsichtig? Nehmen wir unseren Einfluss auf die Zukunft nicht richtig wahr? Es scheint tatsächlich, dass die Spezies Mensch eine selbstzerstörerische Richtung eingeschlagen hat. Und das trotz ihrer vermeintlich überlegenen Intelligenz. Indem wir die Zusammensetzung der Luft verändern, bringen wir das Klima aus dem Gleichgewicht, auf dessen Stabilität wir angewiesen sind. Indem wir Treibhausgase in die Luft blasen, schmelzen wir die Gletscher und setzen uns selbst unter Wasser. Ohne jede Rücksicht zerstören wir die Biosphäre, von der unsere Spezies seit Jahrtausenden abhängig ist.

Man könnte die Frage nach der menschlichen Kurzsichtigkeit allerdings auch optimistischer beantworten. Über Jahrhunderte verfolgten Bauern in verschiedensten Kulturen das Ziel, ihre Böden und ihre Höfe für die nächste Generation in einem besseren Zustand zu hinterlassen als dem, in dem sie sie ursprünglich vorgefunden hatten. Es scheint also, dass einige unserer Vorfahren auch längerfristige Perspektiven im Blick hatten. Statt zu fragen, ob wir als Spezies unter Kurzsichtigkeit leiden, könnte die bessere Frage also lauten: Welche Umstände könnten die Menschen dazu bringen, in längeren Zeiträumen zu denken?

Eine Antwort auf diese Frage muss zwangsläufig bei dem sogenannten psychologischen Klimaparadoxon ansetzen. Wissenschaftliche Studien belegen, dass der menschliche Besorgtheitsgrad in Sachen Klimawandel sich in wohlhabenden Ländern wie den USA und Norwegen seit 1989 nicht maßgeblich verändert hat. In manchen Staaten, etwa in Schweden, machen sich die Menschen sogar seit fast einem Jahrzehnt immer weniger Gedanken um den Klimawandel. Und das, obwohl unser wissenschaftliches Verständnis des Klimawandels und seiner Folgen sich während dieser Zeit enorm verbessert hat. Auch diejenigen, die den Klimawandel infrage stellen – ob aus Bequemlichkeit oder aus Sorge –, sind erstaunlicherweise gerade dort zahlreich vertreten, wo die Forschung in Sachen Klimafolgen eigentlich sehr weit fortgeschritten ist: etwa in den USA, in Großbritannien, in Japan, Australien und Deutschland.

Es scheint, als würde sich die menschliche Psyche geradezu gegen die Klimaforschung verteidigen. In etwa so, wie ein Immunsystem sich gegen eine Krankheit zur Wehr setzt. Von einer psychologischen Warte aus betrachtet schotten wir uns mithilfe von fünf verschiedenen »Barrieren« gegen die Erkenntnis ab, dass wir unvermeidlich auf eine Klimakatastrophe zusteuern: dazu zählen die Distanz, die Angst vor dem Untergang, die kognitive Dissonanz, die Leugnung und die Identität.

 »Distanz« bedeutet in diesem Fall, dass es uns als Menschen schwerfällt, uns mit dem Klimawandel zu befassen, weil wir ihn als zu weit von uns selbst entfernt wahrnehmen: zeitlich, geografisch oder sozial scheint er uns nicht wirklich zu betreffen. Die Klimaforschung befasst sich mit Zeiträumen wie Jahrhunderten und Jahrtausenden, die sich weit außerhalb unserer Lebzeiten, und erst recht außerhalb unseres Küchenkalenders abspielen. Das Gefühl von Dringlichkeit wird durch diese Distanz zwangsläufig gemindert. In Berichten über den Klimawandel sehen wir Bilder entfernter Berggletscher oder arktischer Eisberge, zu denen wir wenig innere Bindung verspüren. Wenn wir in den Medien Fotos von Menschen sehen, deren Inseln untergehen oder deren Felder vertrocknet sind, dann stammen sie in der Regel aus Gegenden, die auf der anderen Seite der Welt liegen – unsere Empathiefähigkeit nimmt mit zunehmendem sozialen Abstand zwangsläufig ab.

Ähnlich wie mit der geografischen Distanz verhält es sich mit der sozialen Distanz. Der Klimawandel wird häufig als nebulöses technisches Problem dargestellt, das von Wissenschaftlern und Technokraten auf internationalen Konferenzen diskutiert wird. In großen, kreisrunden Sälen stehen Tische mit Mikrofonen und Landesflaggen. So entsteht der Eindruck, dass der Klimawandel in einer anderen Dimension existiert, außerhalb unserer eigenen Lebensrealität. Entsprechend liegt es uns fern, uns eingehend mit der Thematik zu befassen, geschweige denn uns verantwortlich zu fühlen. In allem, was außerhalb unseres persönlichen Einflussbereichs liegt, fühlen wir uns in der Regel hilflos.

Die psychologische Distanzierung von diesem Problem vermindert die Dringlichkeit, die wir ihm einräumen. Angesichts der vielen unmittelbaren Probleme, mit denen wir in unserem Alltag konfrontiert sind, fließt unser »Sorgenfass« über. Herausforderungen, die wir als weit entfernt wahrnehmen, rutschen auf unserer Prioritätenliste von Themen, von denen wir denken, dass Politiker sich um sie kümmern sollten, ganz nach unten. Näherliegende Themen, wie etwa Arbeitslosigkeit, Zuwanderung oder Gesundheitsfürsorge, stehen hingegen ganz oben.

Eine weitere Barriere gegen ein nachhaltiges Verständnis des Klimawandels als konkrete Bedrohung ist unsere Angst vor dem Untergang. Es scheint, dass – zumindest in der Öffentlichkeit westlicher Gesellschaften – eine Art »Apokalypsemüdigkeit« herrscht, wenn es um das Thema Klimawandel geht. Seit 25 Jahren erzählt man uns jetzt, wie furchtbar das Klima werden wird und wie wenig Zeit uns bleibt, diese Entwicklung zu stoppen. Doch die richtigen Schlüsse haben wir daraus bisher nicht gezogen.

In einer großen Studie untersuchten Forscher zuletzt die Programme und Berichte sechs großer Medienhäuser in Australien, Frankreich, Indien, Norwegen, Großbritannien und den USA. Insgesamt lag die Reichweite der in der Studie vertretenen Kanäle bei mehr als 15 Millionen Menschen. Sie ergab, dass in über achtzig Prozent der Medienberichte mit dem Thema Klimawandel ein »Katastrophen-Framing« verwendet wurde, was so viel heißt wie: Der Klimawandel wurde primär in seiner Eigenschaft als katastrophales Ereignis behandelt. Dies führte bei den Zuschauern laut der Studie vor allem zu einem Gefühl der Ermüdung – und im Endeffekt auch zu einer Desensibilisierung gegenüber apokalyptischen Szenarien. In der Folge mieden viele der Zuschauer vergleichbare Botschaften.

Ähnlich viel Abstand zur Problematik des Klimawandels erzeugt die »kognitive Dissonanz«. Jeder von uns, zumindest jeder, der die Infrastruktur des 21. Jahrhunderts nutzt – also etwa Auto fährt, Flugreisen macht und Fleisch konsumiert –, lebt im Grunde in direktem Widerspruch zu dem Wissen darum, was eigentlich zu tun wäre.

Psychologen haben festgestellt, dass wir Menschen mit dieser Dissonanz auf verschiedene Art und Weise umgehen. Wir versuchen ständig unser Bewusstsein und unsere Wahrnehmung so zu modifizieren, dass unsere Handlungen und unser Wissen wieder in Einklang miteinander zu sein scheinen. Dafür rechtfertigen wir gerne unser Verhalten, indem wir einfach vom Thema ablenken und relativieren. Das klingt dann oft so: »Ich bin zwar gerade nach Thailand geflogen, aber immerhin habe ich letztens Solarzellen auf meinem Dach installiert. Das gleicht sich aus.«

Selbst wenn sich Menschen ihrer eigenen kognitiven Dissonanz vollkommen bewusst sind, vermögen sie es oftmals noch, die Konsequenzen zu leugnen. Unsere Psyche hat nämlich auch eine gewisse Kapazität zur Leugnung und Verdrängung. Wir sind dazu in der Lage, ein Doppelleben zu führen: Wir sorgen uns um das Klima, wenn wir einen Vortrag zu dem Thema hören, aber wir blenden das dort Gelernte aus, sobald wir am Montagmorgen ins Auto steigen und unsere hektische Arbeitswoche beginnen.

Zu guter Letzt ist unsere Resistenz gegen die Klimawandelproblematik auch untrennbar mit unserem Identitätsgefühl verwoben. Wenn Teile unseres Lebensstils, etwa der große Geländewagen, den wir gerne fahren, oder der Burger, den wir gerne essen, von anderen kritisiert werden, kann das oftmals zu einer psychologischen Gegenreaktion führen. Wir akzeptieren die Kritik nicht, sondern sind ver- ärgert und fühlen uns beschämt. Wir wollen »zurückschlagen « und machen aus einer sachlichen Diskussion ein »Wir gegen die«-Problem: etwa rechts gegen links, Arm gegen Reich – oder eben Durchschnittsbürger gegen »Ökos«.

Dies sind die fünf Barrieren, die dafür sorgen, dass verstörende Informationen aus der Klimaforschung nicht bis in unser Innerstes vordringen, sondern nur an unserer Oberfläche kratzen. Die Frage, die sich stellt, ist also: Wie können wir diese Barrieren umgehen? Dazu braucht es vor allem neue Kommunikationswerkzeuge und Handlungsstrategien. Fünf konkrete Maßnahmen könnten wie folgt lauten: Erstens müssen wir die Klimafrage zu einer sozialen Frage machen; zweitens müssen wir uns gegenseitig im Kampf gegen den Klimawandel unterstützen; drittens müssen wir es für Einzelpersonen einfacher gestalten, ihren CO2-Ausstoß zu verringern; viertens müssen wir uns bessere Narrative für den Klimawandel ausdenken; und fünftens müssen wir klimarelevante »Signale« verwenden, die besser bei den Menschen ankommen.

Um die Barriere der Distanz zu überwinden, müssen wir die Klimafrage zu einer sozialen und lokalen Frage machen. Verschiedene Studien deuten an, dass Menschen ihren Stromverbrauch nicht etwa aus Gründen der Nachhaltigkeit einschränken, sondern weil ihre Nachbarn es auch tun. Dieser Effekt wurde auch beim Thema Solarzellen beobachtet. Die Macht sozialer Normen und Netzwerke können wir nutzbar machen. Zum Beispiel auch, indem wir es einfacher machen, klimafreundliche Entscheidungen zu treffen – etwa durch Labels und Etiketten, die Autos oder Trockner mit der niedrigsten CO2-Bilanz kennzeichnen. Es wird in Zukunft darum gehen, den Konsumenten dabei zu helfen, bessere Kaufentscheidungen zu treffen. Man könnte beispielsweise die Größe der Teller an Büfetts verringern, wodurch die Menge der Essensabfälle ganz einfach um bis zu zwanzig Prozent verringert werden könnte; oder indem wir im Laden die Lebensdauer eines Produktes im Verhältnis zu seinem Preis hervorheben.

Wir können auch die Macht der »Voreinstellungen« nutzen, etwa indem wir als Standardoption bei Flugbuchungen die Option anbieten, durch Zuzahlung den CO2-Ausstoß des Fluges auszugleichen, oder indem wir Drucker werkseitig so einstellen lassen, dass beide Seiten eines Blattes bedruckt werden. Wenn wir viele einfache klimaschonende Maßnahmen ergreifen, wird dies auch den negativen Effekten der kognitiven Dissonanz auf unsere Einstellung zum Klimawandel entgegenwirken.

In Hinblick auf die mediale Berichterstattung über den Klimawandel belegen Untersuchungen, dass das optimale Verhältnis zwischen Katastrophennachrichten und positiveren »Framings« zum Klimawandel optimalerweise eins zu drei sein sollte. Bisher sind rund achtzig Prozent der Nachrichten zum Klimawandel primär Katastrophennachrichten. Es fehlt uns also vor allem ein optimistischeres Narrativ zum Klimawandel. Eine Umfrage der Universität Yale hat gezeigt, dass nur sechs Prozent der US-Amerikaner der Ansicht sind, dass die Menschen die Erderwärmung reduzieren können und werden. Unter den restlichen Befragten, die den Klimawandel als real anerkennen, glauben 18 Prozent, dass es unmöglich ist, 26 Prozent, dass wir es eventuell schaffen könnten, aber nicht tun werden, und 42 Prozent, dass nicht klar ist, ob wir schlussendlich die nötigen Maßnahmen ergreifen werden oder nicht.

Eine einfache Methode, die komplexe Geschichte der Kehrtwende zu einer Gesellschaft mit geringer CO2-Bilanz zu erzählen, wäre es, darauf hinzuweisen, dass die Steinzeit nicht zu Ende ging, weil es keine Steine mehr gab. Die Menschen haben einfach klügere Methoden gefunden, Dinge zu erledigen. Ganz ähnlich könnten wir das Zeitalter der fossilen Brennstoffe beenden, bevor die Ressourcen erschöpft sind und wir über das Ziel einer Erderwärmung um maximal zwei Grad Celsius hinausschießen. Alles, was wir brauchen, ist Erfindungsgabe und Entschlossenheit.

Vielen Menschen fällt es bisher schwer, einen inneren Bezug zum Klimawandel herzustellen. Die Konzentration von CO2-Molekülen in der Atmosphäre, der millimeterweise jährliche Anstieg des Meeresspiegels, der Temperaturanstieg in den Ozeanen, all diese »Signale« kommen uns entweder so technisch vor, dass wir sie ignorieren, oder aber so alarmierend, dass wir uns von ihnen einschüchtern lassen und mutlos werden. Wenn unsere Kontoauszüge uns allerdings unseren monatlichen CO2-Verbrauch anzeigen würden, wäre es einfacher für uns, Konsequenzen aus unserem persönlichen Energieverbrauch zu ziehen. Kopenhagen macht dies gerade auf stadtweiter Ebene vor.

Sind wir also zwangsläufig dazu verdammt, in kurzen Zeiträumen zu denken? Einerseits ja. Wir wissen, dass rationale Fakten und Informationen nicht ausreichen, um ein bleibendes Engagement für langfristige Probleme zu erzeugen. Die Barrieren sind zu stark. Aber andererseits auch nein! Denn Psychologie und Sozialforschung lehren uns, dass uns die Zukunft interessieren kann – wenn die Bedingungen dafür richtig sind. 

Aus dem Englischen von Caroline Härdter

 

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