Überleben als Ziel

Cees J. Hamelink, Ausgabe I/2018, Erde, wie geht's?



Lässt sich das selbstzerstörerische Verhalten der Spezies Mensch noch ändern?

In der Geschichte der menschlichen Evolution war Überleben immer das wichtigste Ziel. Es galt, das Aussterben der Spezies zu verhindern. Heute, am Anfang des 21. Jahrhunderts, steht der Mensch wieder vor existenziellen Risiken. Nicht nur ist die ganze Menschheit betroffen, es sind unwiderrufliche und gravierende Auswirkungen für unsere Zivilisation zu erwarten. Risiken dieser Größenordnung sind für uns neu. Wir haben weder biologische noch kulturelle Strategien, um mit ihnen fertig zu werden. Gut möglich, dass wir gerade sehenden Auges unsere eigene Art auslöschen.

Diese Prognose gründet sich auf allgemein bekannte Gefahren: Umweltzerstörung, die Möglichkeit einer atomaren Vernichtung, unkontrollierbare Superintelligenzen, Wassermangel und Energieknappheit – und die tiefen Brüche, die das Leben auf dem Planeten Erde prägen. Der tiefste dieser Brüche ist wohl der zwischen der Spezies Mensch und dem System Erde. Der Mensch, die mächtigste aller Arten, steht zwar im Zentrum der Erde, ist aber immer weniger in der Lage, den Planeten zu kontrollieren. Der australische Ethiker Clive Hamilton beschreibt diesen radikalen Wandel unseres Selbstverständnisses so: »Abgelöst wird die moderne Vorstellung von der Erde als einer Umwelt, in der Menschen sich einrichten, oder als erkennbare Sammlung von Ökosystemen, die durch Menschen beeinträchtigt werden, durch ein neues Konzept einer undurchschaubaren und unvorhersehbaren Entität mit einer bewegten Geschichte und unberechenbaren Stimmungslagen.« Wir müssen akzeptieren, dass im geologischen Zeitalter der Gegenwart, dem Anthropozän, die Welt keine, wie Hamilton es nennt, »Menschen-unter-ihresgleichen- Angelegenheit« mehr ist. Gegenwärtige Debatten fokussieren viel zu sehr auf unsere eigene Spezies. Die Menschen verfolgen ihre eigene Ausrottung wie ein Fernsehspektakel, das sich außerhalb der Schranken ihres Alltags abspielt. Es ist nicht mehr so, wie Papst Franziskus es in seiner Umweltenzyklika »Laudato Si« beschreibt, dass die Natur wie eine Schwester oder Mutter »die Arme ausbreitet, um uns zu umfangen «. Nach Hamilton sehen wir uns eher einer Mutter Erde gegenüber, die die Arme öffnet, um uns zu zerquetschen.

Wir müssen uns ernsthaft und tiefgreifend damit befassen, wie akut die Gefahr für die Spezies Mensch ist. Besonders dem Thema Überbevölkerung müssen wir uns stellen. Um die Demografie machen wir gerne einen Bogen, weil wir keine akzeptable Lösung für das Problem sehen. Doch ein Anwachsen der Menschheit von jetzt 7,5 Milliarden auf knapp zehn Milliarden im Jahr 2050 bedeutet, dass deutlich mehr Nahrungsmittel produziert werden müssen, und das führt sehr wahrscheinlich zu weiterer Bodenerosion und der noch intensiveren Nutzung von knappen Energieressourcen. Der Platz für Tiere wird weiter schrumpfen, sie verschwinden zusehends. Schon jetzt tötet die sogenannte fünfte Ausrottungswelle, in der wir uns befinden, mehr Tiere als jemals zuvor und führt zu einem gefährlichen Verlust an Biodiversität.

Auch von einer anderen obsessiven Vorstellung müssen wir uns befreien: der »Rettung durch Technologie« – dem Glauben von Öko- Modernisten, dass technologische Lösungen, wie etwa die Regulierung der Sonneneinstrahlung, den Bruch zwischen dem System Erde und den Menschen beseitigen könnten. Jede noch so erfindungsreiche technologische Lösung führt zu noch mehr Problemen, die wieder nach technologischen Lösungen verlangen. So werden Menschen immer stärker in eine Technologiekultur eingebettet, die sich der moralischen Verantwortung entzieht. In einer Umgebung, in der alle Probleme mithilfe von Technologie beseitigt werden können, ist kein Platz für die moralische, soziale und ökologische Bewertung dieser Mittel. Wir müssen uns das abgewöhnen, was der Biologe Robin van Tine »Gaeaphobia« nannte, »eine Art von Wahnsinn, der sich durch ein extrem zerstörerisches Verhalten gegenüber der natürlichen Umwelt und ein pathologisches Leugnen der Auswirkungen dieses Verhaltens auszeichnet«. Öko-Wahnsinn bedeutet, dass wir glauben, wir könnten genau so weitermachen, wir könnten das System Erde mit mehr Wissen und technologischer Macht kontrollieren, und erwarten, damit das Fortbestehen unserer Art zu sichern.

Charles Darwin belegte mit starken Beweisen die These, dass Arten, die auf der Grundlage von Vertrauen miteinander kooperieren und sich durch Diversität und Mobilität auszeichnen, einen Anpassungsvorteil haben und daher bessere Überlebenschancen. Genau das müssen wir tun: Debatten um unser Überleben führen, damit wir die jetzige gesellschaftspolitische Realität verändern, die Wettbewerb und Argwohn fördert, Homogenität hervorbringt und selbstbestimmte Kreativität tötet.

Wie sollen wir mit der Analyse des Zustands unserer Welt umgehen? Ich bevorzuge eine Kombination aus Hoffnungslosigkeit und Optimismus. Auf mich trifft die Formulierung des polnischen Soziologen Stanislav Andreski zu: »Meine Sicht (...) könnte man hoffnungslosen Optimismus nennen. « Hoffnungslos angesichts der Wahnsinnigen, die mit schamlosen Lügen im Dienste verborgener Unternehmensinteressen den Klimawandel leugnen. Aber auch angesichts der Naivität mancher Aktivisten, die meinen, man könne CO2-Emissionen mithilfe von internationalen Abkommen kontrollieren. Wir sind umgeben von Optimisten, die uns die Botschaft verkaufen, die Prognosen der Klimawissenschaften seien falsch, oder behaupten, wir könnten den Klimawandel innerhalb der nächsten zehn Jahre stoppen. Die einen wollen nicht wahrhaben, dass es für die Lösung des größten Problems der Menschheit möglicherweise schon zu spät ist, während die anderen weiter auf den Abgrund zusteuern. Beiden Seiten gemeinsam ist der Widerwille oder die Unfähigkeit, der drohenden Gefahr der Ausrottung des Menschen ins Auge zu blicken.

Der Kampf gegen den Öko-Wahnsinn ist für kommende Generationen die größte Herausforderung. Mit verzweifeltem Optimismus müssen sie ihm entgegentreten. Viel zu selten darf die Jugend in den Debatten um eine nachhaltige Zukunft mitreden. Geführt wird sie meist von jenen, die davon nicht mehr viel miterleben werden. Aus diesem Grund hat die Rescue Our Future Foundation ein weltweites Projekt eines Jugendtribunals für die Zukunft als gestartet. Das Tribunal möchte die Jugend der Welt zusammenbringen, Verantwortlichkeiten schaffen, von der Welt Rechenschaft einfordern und Maßnahmen zur Rettung der Zukunft vorschlagen. Grundannahme der Organisation ist ein unveräußerliches Recht der Jugend auf eine lebenswerte Zukunft. Die Jugend wird die Zukunft bewohnen, deshalb ist die Rettung der Menschheit für sie das wichtigste Anliegen, das weltweites Handeln erfordert. Sie sollte legitimiert sein, diejenigen zur Rechenschaft zu ziehen, die für die bevorstehende Katastrophe verantwortlich sind. Nach einer Reihe von lokalen und regionalen Treffen wird das Projekt in ein öffentliches Welttribunal münden, anlässlich dessen sich besorgte junge Menschen aus der ganzen Welt zusammenfinden, gut begründete Anklagen vortragen und unvoreingenommen Urteile fällen. Jugendliche bis 25 Jahre können an dem Projekt teilnehmen, werden von der Organisation des Tribunals betreut und von Anklagevertretern, Anwälten und Richtern beraten. Sowohl die regionalen wie auch das globale Gerichtsverfahren werden filmisch aufgezeichnet und weltweit über die sozialen Medien geteilt. Vertreter des Tribunals werden 2019 ihre Ergebnisse in einem globalen Rahmen im Friedenspalast in Den Haag vorstellen und konkrete Vorschläge für ein gemeinsames Handeln unterbreiten. Die Jugend muss sich fragen: »Ist der Planet so, wie wir ihn wollen?«

Aus dem Englischen von Karola Klatt

 

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