Kommt nicht in die Tüte

Ruth Asan, Ausgabe I/2018, Erde, wie geht's?



Kenia hat ein rigides Verbot von Plastiktüten erlassen.
Es zeigt erste Erfolge.

Eine einsame Plastiktüte weht über die N’Gong Road, eine von Nairobis ständig verstopften Verkehrsadern. Die Tüte bleibt in einer Abwasserrinne hängen, in der bereits eine beachtliche Menge Müll das braune Rinnsal aufstaut. Dieser Anblick gehört hoffentlich bald der Vergangenheit an, wenn es nach der kenianischen Regierung geht.

In dem Versuch, Kenias Müllproblem Herr zu werden, wurde hier im Februar eines der strengsten Umweltschutzgesetze der Welt erlassen. Nach Ablauf einer Schonfrist von sechs Monaten wurden Nutzung, Herstellung und Import von Plastiktüten verboten. Der Bann gilt sowohl für Tragetüten mit Henkeln als auch für dünnwandige Plastikbeutel ohne Henkel, wie sie zum Beispiel zum Verpacken von Obst und Gemüse genutzt wurden. Verstöße werden streng geahndet mit Geldbußen von umgerechnet 16.000 bis 32.000 Euro oder mit Gefängnisstrafen von bis zu vier Jahren. Am 28. August 2017 trat das Verbot offiziell in Kraft, und tatsächlich sieht man die nunmehr illegalen Tüten nur noch selten.

Das Plastikverbot wird von denen, die es beschlossen haben, als notwendige und populäre Maßnahme gerühmt. Mamo Buro Mamo ist als stellvertretender Direktor der kenianischen Umweltbehörde NEMA für Bildung und Aufklärung zuständig. In seinem Büro in Nairobis Industrieviertel sitzt er zwischen Fotos, die ihn beim Händeschütteln mit Politikern und Bauern auf ihren Feldern zeigen, Kenias Bevölkerung lebt überwiegend auf dem Land. »Wir haben Fragestunden in Lokalradiosendern veranstaltet, um die örtliche Hirtenbevölkerung für das Müllproblem zu sensibilisieren, und es gab wirklich viele Fragen«, so Mamo. Immer wieder fräßen Ziegen und Kühe vom Wind angewehten Müll. Sind dies Plastiktüten, die laut NEMA vor Inkrafttreten des Verbots etwa neun Prozent der gesamten Müllmenge in Kenia ausmachten, endet das oft tödlich. »Die Leute merken, dass das Plastik wirklich Auswirkung auf ihre Viehbestände hat, und auch auf die Umwelt. Viele wollten, dass endlich etwas passiert, das Verbot kam gerade zur rechten Zeit.«

Auch der Tourismussektor soll von dem Gesetz profitieren. Kenias atemberaubende Landschaften und seine Tierwelt sind es, die den ostafrikanischen Staat zu einem Traumziel machen. Der Westen Kenias mit seinen grünen Hügeln, das von ruhenden Vulkanen durchzogene Rift Valley, die weißen Sandstrände an der Küste des Indischen Ozeans – Postkartenmotive, bisher meistens durch Berge von Plastikmüll verunziert.

Doch nicht alle Kenianer sind von dem Verbot überzeugt. »Als ich zum ersten Mal davon gehört habe, dachte ich, es sei ein Witz«, sagt Hussein Guyo Galgalo, der in der kleinen Küstenstadt Kilifi arbeitet. Jeden Tag ist er dort am Strand, wo er Touristen Unterricht im Segeln mit dem Dhingy anbietet, einem kleinen Beiboot. Bis vor Kurzem waren die im Sand zurückgelassenen und vom Inland her angewehten Plastiktüten hier nur schwer wegzudenken. Die meisten Kenianer machen sich wenig Gedanken darüber, wenn sie ihren Müll einfach im Vorbeigehen fallen lassen. Es gibt so gut wie keine öffentlichen Mülltonnen. An jeder Supermarktkasse hingen bis vor Kurzem Plastiktüten in dicken Bündeln, von denen professionelle Einpacker großzügig Gebrauch machten.

Kurz nach dem Inkrafttreten des Gesetzes gab es eine Welle der Kritik. Viele ärgerten sich vor allem über die Härte der Strafen, die Umsetzung durch den Einzelhandel, und die knappe Verfügbarkeit alternativer Tragetaschen. Die wohl größte Kritikerin des Verbots ist die Kenya Association of Manufacturers (KAM). In einem Statement zum Erlass des Gesetzes mahnte sie an, das örtliche produzierende Gewerbe sei nicht ausreichend konsultiert worden: »Derzeit gibt es in Kenia über 176 Plastik produzierende Firmen, die fast drei Prozent aller kenianischen Arbeitskräfte beschäftigen. Diese Jobs leiden unter dem Verbot.« Auch die sechsmonatige Schonfrist vor dem Inkrafttreten des Gesetzes reiche nicht aus, um die Fabriken zu schließen und die Plastiktütenbestände zu räumen, ließ die KAM verlautbaren.

NEMA-Vizedirektor Mamo hat für solche Vorwürfe kein Verständnis. »Wir haben vor etwa zehn Jahren mit den Konsultationen begonnen.« Zunächst wurden Maßnahmen beschlossen, um das Plastik zu reduzieren. Sie scheiterten jedoch an der Umsetzung durch Einzelhandel und Verbraucher. »Wir entschieden uns für eine langfristige Lösung und informierten die Produzenten rechtzeitig, dass wir Plastik verbieten werden.« Alternative Materialien gibt es zur Genüge, und auch deren Produktion schafft Arbeitsplätze. In den Supermärkten und den kleineren Läden kommen vor allem wiederverwendbare Tragetaschen aus Leinen, Sisalhanf, Nylon und Papier zum Einsatz. Je nach Größe und Material können diese meist für etwa zehn Cent bis zu einem Euro erworben werden. Wen dieser Preis abschreckt (manche Kenianer verdienen weniger als fünfzig Euro im Monat), der bringt seine eigenen Taschen von zu Hause mit. Obst und Gemüse werden in Netze verpackt, die allerdings auch oft aus Plastik bestehen. An den Straßenständen werden Fleisch und Chapatis nun in Frischhaltefolie und Zeitungspapier verpackt.

Der Einzelhandel versucht, das Gesetz zu umgehen. Viele Läden geben weiterhin heimlich Plastiktüten aus ihren Restbeständen heraus. Hussein Galgalo vom Strand in Kifili erzählt: »Manche Kioske werden dir zwar keine Plastiktüten geben, wenn sie dich nicht kennen. Aber wenn sie dich kennen und wissen, dass du keine Probleme machst, geben sie sie einfach weiter heraus wie bisher.«

Dagegen ankämpfen will Betterman Simidi Musasia, Gründer der Organisation Clean Up Kenya. Seit 2015 führt er einen »Kreuzzug«, wie er es nennt, gegen die Umweltverschmutzung in Kenia. Dabei setzt er vor allem auf Social-Media-Kampagnen, politisches Lobbying und öffentlichkeitswirksame »Clean Ups«, Müllsammelaktionen auf Freiwilligenbasis in Gemeinden in ganz Kenia.

In Musasias Augen ist das Verbot gut gemeint, geht aber nicht weit genug. Für das eigentliche Problem, die Müllbeseitigung, fühle sich niemand wirklich verantwortlich, weder die Regierung noch die Bevölkerung. »Ich habe mich mit Menschen in den Slums unterhalten, aber auch mit Menschen bei den Vereinten Nationen, mit Regierungsbeamten mit Geschäftsleuten. In Kenia gibt es eine gewisse Apathie gegenüber Müllbeseitigung. Auch Politiker glauben, sie sei nicht ihr Problem.« Als Beispiel nennt Musasia die berüchtigte Müllhalde in Nairobis Vorort Dandora. 26 Hektar groß, ist sie schon von Weitem zu riechen und umgeben von Wohngebieten mit Hunderttausenden Einwohnern. »Zweieinhalb Tonnen Müll landen dort jeden Tag. Man kann sich vorstellen, wie viele Krankenhausbesuche diese Verseuchung am Tag verursacht. Wenn mir also ein Regierungsbeamter erzählt, was für ein Erfolg das Plastiktütenverbot ist, die größeren Zusammenhänge rund um diese Müllhalde aber nicht einmal angesprochen werden, frustriert mich das sehr.«

Recycling wird in Kenia nur von einigen Firmen betrieben, die den Müll von »Sortierern« kaufen, die Müllhalden nach brauchbaren Rohstoffen durchsuchen. Eine dieser Firmen ist Alternative Energy Systems. Sie wandelt Plastik in synthetisches Öl um, das als Industriediesel genutzt werden kann. Firmengründer Rajesh Kent ist skeptisch, was das Plastiktütenverbot angeht: »Ich glaube, es gibt bessere Arten, mit dem Problem umzugehen, so wie zum Beispiel die Recyclingwege, die in Europa umgesetzt werden. Meiner Meinung nach wäre es die beste Lösung für das Land, wenn wir mithilfe eines funktionierenden Müllbeseitigungssystems einen geschlossenen Wirtschaftskreislauf entwickeln könnten.«

Trotz der Kritik lassen sich in Kenia schon drei Monate nach Inkrafttreten des Verbots deutliche Verbesserungen feststellen. »Auf dem Wasser haben wir früher viele Plastiktüten treiben sehen, die wir dann mit unserem Boot eingesammelt haben«, so Hussein Galgalo. »Heutzutage sieht man vielleicht eine oder zwei, aber die sind sehr alt. Der Strand ist tatsächlich wesentlich sauberer als vorher.« Auch Mamo bekräftigt die positive Stimmung gegenüber dem Verbot: »Die Leute sind das Plastik wirklich leid, und die meisten unterstützen das Verbot.« Als Nächstes will der NEMA-Vizedirektor den Bau von Recyclinganlagen vorantreiben lassen und auch ein Pfandsystem für PET-Flaschen sei in Planung.

Umweltwächter Musasia hat Bedenken wegen der Korruptionsanfälligkeit eines solchen Systems: »Wenn sich eine PET-Flasche für zwei Cent herstellen lässt, aber für zehn Cent zurückgegeben werden kann, kann ich mir vorstellen, dass extra dafür mehr Plastikflaschen hergestellt werden.« Wenn sich solche Fehler im System aber vermeiden lassen könnten, glaubt Musasia, seien wirtschaftliche Anreize aber eine gute Idee. Denn eines sei sicher: Auf den Geschäftssinn der Leute könne man sich verlassen, mehr als auf ihr Umweltbewusstsein.

 

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