„Auch Polen haben Handys“

Matthias Kneip, Ausgabe I/2010, Großbritannien



Polnisch als Unterrichtsfach ist bisher an deutschen Schulen nicht besonders beliebt. Ein neues Lehrwerk soll dies nun ändern. Ein Gespräch mit dem Projektleiter Matthias Kneip

Das neue Lehrbuch für Polnisch als Fremdsprache heißt „Witaj Polsko!“, „Hallo Polen!“. Ist dieser lockere Titel Programm?
So ist es. Es ist ein Willkommensgruß, der bedeuten soll: Polen, wir sind neugierig auf dich, wir wollen dich kennenlernen.
 
Welche Rolle spielte das auch in der jüngeren Vergangenheit nicht gerade problemfreie Verhältnis zwischen Deutschland und Polen bei der Konzeption des Buches? 
In dem Begriff Verständigung steckt das Wort Sprache. Das verdeutlicht, wie groß der Beitrag ist, den die Sprachvermittlung zur deutsch-polnischen Verständigung leisten kann. Uns ging es bei dem Buch nicht um politische Inhalte, obwohl es natürlich auch Landeskunde beinhaltet. Die heutigen Schüler sind gar nicht so sehr mit der historischen Problematik zwischen beiden Ländern belastet, dementsprechend haben sie auch keine negative Sicht auf Polen. Problematisch ist vielmehr, dass vielen Schülern das Verhältnis zu Polen einfach egal ist. 
 
Wie kann man dies ändern?
Man muss etwas tun, damit die Lust wächst, sich mit dem Land zu befassen. Das geht meines Erachtens nicht über Politik oder politische Korrektheit. Stattdessen müssen wir den Schülern zeigen, dass die Polen ähnlich leben wie wir, dass sie auch Handys haben, auf ihr Aussehen achten und sich verlieben. Deshalb ging es uns darum, in dem Buch auf die Ähnlichkeiten zwischen Deutschen und Polen zu verweisen und zu zeigen, dass es mit unserem Nachbarn im Osten viele Gemeinsamkeiten gibt. 
 
Sie legen großen Wert darauf, dass die Sprache über den Kontakt mit dem Land vermittelt wird. 
Ja, ich bin der Meinung, dass zunächst einmal Neugier auf das Land geweckt werden muss. Das erzeugt eher Interesse an der Sprache als das Argument, diese sei wichtig für das Berufsleben. Solch eine rationale Begründung greift bei Schülern weniger als die emotionale Begeisterung.
 
Die Bundesregierung ist der Hauptförderer des Schulbuchprojektes. Im deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrag wurde schon 1991 festgelegt, die Vermittlung der Sprache des jeweiligen Nachbarlandes voranzutreiben. Wieso wurde ein deutsch-polnisches Schulbuchprojekt erst so spät umgesetzt? 
Ein solches Werk auf den Markt zu bringen, war nur mit Förderung von außen möglich. Es ist ja eher Sache der Länder, sich um solche Bildungsinitiativen zu kümmern. Dieser Vertrag wurde damals auch im Bundesrat und damit auch von den Ländern abgesegnet. Aber auch die Länder werden zu Recht darauf verweisen, dass man Schüler nicht zwingen kann, Polnisch zu lernen. Die Sprache kann an jeder Schule angeboten werden. Wenn Sie aber keine Schüler haben, die Polnisch lernen wollen, ist wenig zu machen. Die Frage ist also: Wie komme ich an die Basis ran? Wie kann ich Schulleiter, Lehrer, Schüler und Eltern für das Schulfach Polnisch begeistern?


Welche Antworten haben Sie? 
Man muss an die Schulen herantreten, man muss ihnen etwas bieten, wie wir es auch mit unserer Wanderausstellung „Polnische Geschichte und deutsch-polnische Beziehungen“ getan haben. Es hilft auch der Hinweis, dass polnische Sprachkompetenzen unter Schulabgängern rar sind und diese daher leicht eine Art Alleinstellungsmerkmal erlangen können. 
 
Inwiefern ist die bisher geringe Popularität des Schulfachs Polnisch auch ein Zeichen dafür, dass in Deutschland die wirtschaftliche Relevanz des östlichen Nachbarn unterschätzt wird?
Wir haben es lange Zeit verpasst, das Wirtschaftspotenzial der östlichen Nachbarstaaten in unserem Bildungssystem zu berücksichtigen. Allmählich findet ein Umdenken statt. Polen ist in der EU, Tschechien ist in der EU und die Slowakei auch. Dementsprechend beschäftigt man sich inzwischen mehr mit den Sprachen dieser Länder. Dennoch ist der Bedarf noch lange nicht gedeckt. Das kann fatale Konsequenzen haben: Wenn sich die Märkte weiter nach Osten öffnen, werden viele Firmen mit Kontakten nach Osten lieber einen Mitarbeiter aus Polen, Tschechien oder der Slowakei einstellen als einen Deutschen, der Englisch, Französisch und Latein kann. Und dann wird an gewissen Stellen wieder die Legende belebt, die Polen nähmen den Deutschen die Arbeitsplätze weg. Das ist natürlich Unsinn. Und gefährlich. 
 
Welche Reaktionen gibt es in Polen auf Ihr Schulbuchprojekt?
Interessanterweise gab es in Polen viel mehr Resonanz als in Deutschland. Was damit zu tun hat, dass man in Polen seit vielen Jahren bemängelt, es werde zu wenig getan, um die polnische Sprache zu verbreiten. Dort hat man immer wieder auch auf den deutsch-polnischen Vertrag verwiesen und gegengerechnet, was man selbst zur Verbreitung der deutschen Sprache in Polen tut. Das ist natürlich eine etwas verkürzte Gleichsetzung. Aber man hat sich auf der anderen Seite in Polen auch sehr darüber gefreut, dass mit dem Schulbuch ein Signal gesetzt wurde. Und das freut uns auf der anderen Seite natürlich auch.

Das Interview führte Jörg Frommann

 

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