Der Bus surrt

Jessica Backhaus, Xudong Hu, Ausgabe III/2017, Raum für Experimente



China setzt voll auf Elektromobilität. Im ganzen Land fahren bereits 50.000 E-Busse

Der zweite Stadtring ist die »Hauptschlagader« Pekings. Er verbindet alle wichtigen Straßen mit dem Zentrum. Der Linienbus 44, ein Doppeldeckerbus, ist seit seiner Inbetriebnahme 1981 das Wahrzeichen dieser Strecke. Andere Busse wurden allmählich ersetzt, der 44er nicht. Er wurde praktisch zu einem mobilen Museum. Nun ist er jedoch zu einem Testobjekt in Chinas Umstrukturierungsprozess für den Umweltschutz geworden. In den vergangenen Jahren wurde Smog in der Hauptstadt zu einem großen Problem, die Durchblutung der Pekinger Hauptschlagader stockte. Zur Verringerung des Schadstoffausstoßes setzt die chinesische Führung deshalb auf die Förderung emissionsarmer Elektromobilität.

Am 25. Februar 2017 um neun Uhr fuhr von der Busstation 44 erstmals ein rein elektrisch angetriebener Doppeldeckerbus los. Der 54 Jahre alte Ma Yuejin, der seit über dreißig Jahren Busfahrer ist, erzählt von seinem neuen Gefährt: »Der Bus macht weder Lärm, noch verschmutzt er die Luft. Er hat Heizung und Klimaanlage, einen Bildschirm, der die Fahrtstrecke anzeigt, und ein intelligentes Schlüsselsystem. Und er ist geräumig: In der ersten Etage stoßen sich die Fahrgäste nicht mehr den Kopf an.«

In dem Elektrobus gibt es siebzig Sitz- und dreizig Stehplätze, doppelt so viele wie früher. Die Busse werden jeweils von 25 Hochleistungs-Lithium-Ionen-Batterien angetrieben. »Mit einer zwanzigminütigen Aufladung kann ein Bus den kompletten Außenring der Linie 44 entlangfahren«, erklärt ein Verantwortlicher von Beijing Public Transport. Selbst in 25 Zentimeter tiefem Wasser können die Bussen noch normal fahren.

Der Elektroantrieb hat aber nicht nur Vorteile. Bei falscher Entsorgung können zwanzig Gramm der Batterieflüssigkeit eine Bodenfläche von einem Quadratkilometer verschmutzen – für fünfzig Jahre. Analysten gehen davon aus, dass in China bis 2020 bis zu 170.000 Tonnen Batteriemüll anfallen wird. Hinzu kommt, dass die meisten Batterien eine Lebensdauer von weniger als zehn Jahren haben. Und nach Expertenschätzungen wird es in China bald deutlich mehr Elektrofahrzeuge geben. Der Anteil der E-Autos bei den Neuzulassungen lag 2016 schon bei 2,1 Prozent – in Deutschland waren es im gleichen Zeitraum nur 0,8 Prozent. Weltmarktführer der E-Mobilitätsbranche ist der Autobauer BYD. Bis 2003 war das chinesische Unternehmen noch auf die Batterieproduktion spezialisiert, dann kaufte es den staatlichen Automobilhersteller Xi’an Tsinchuan Auto auf und begann, eigene Fahrzeuge zu entwickeln.

»Der Sektor für Elektrofahrzeuge braucht wohl noch 15 Jahre, bis er ein weltweit führendes Niveau erreicht hat. Deshalb legt die Regierung großen Wert auf die Erforschung und Entwicklung alternativer Antriebstechnik«, erklärt Fu Yuwu, Vorsitzender der Chinesischen Gesellschaft der Automobilingenieure. Peking unterstützt die Entwicklung von reinen E-Fahrzeugen und Hybridmodellen mit Steueranreizen: Seit Oktober 2015 fällt beim Kauf von Fahrzeugen mit Motoren von 1,6 Litern oder weniger nur noch die Hälfte der Steuer an. Bald wird ein Kreditprogramm für die Produktion von Fahrzeugen mit alternativer Antriebstechnik bekannt gegeben werden, das Automobilhersteller zu Forschungs- und Entwicklungstätigkeiten anspornen soll.

In dem 2016 vorgelegten Entwicklungsplan für Fahrzeugtechnik sieht China vor, sich künftig ganz von konventionellen Antriebsarten zu lösen. 2020 sollen auf Chinas Straßen vier Millionen Elektroautos fahren, 2025 gut zehn Millionen. Bis dahin will das Ministerium für Verkehrswesen auch 2.000 Ladestation für E-Busse bauen. Alternativ angetriebene Busse sollen dann mehr als fünfzig Prozent der Flotte ausmachen. Letztes Jahr fuhren in ganz China bereits 50.000 Elektrobusse, in Europa gibt es bislang nur 6.000. Laut China Observer setzen weltweit immer mehr Städte auf das BYD-Modell K9. Bei einer Laufleistung von 300 Kilometern im Dauerbetrieb mit nur einer einzigen Batterieladung kann das Modell mit konventionell betriebenen Fahrzeugen mithalten. Dabei werden gerade einmal 100 Gramm CO2 pro gefahrenem Kilometer freigesetzt.                          

 

 

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