Besessen von der Macht

Serhij Zhadan, Ausgabe I/2017, Rausch



Wie sich Menschen verändern, wenn sie über andere herrschen dürfen

Trunkenheit ist ein tödlicher und zugleich fantastischer Zustand, er erhebt dich über die Menge, reißt dir die Himmel auf, färbt sie in Freude und Enthusiasmus. Trunkenheit macht dich unbeschwert und geistreich, freigiebig und weitherzig. Im Zustand der Trunkenheit bist du hinreißend. Und lässt dich hinreißen. Bist hingerissen von dir selbst, findest an dir Gefallen, denn du fühlst dich ja so leicht und so gut. Allerdings geht es nur dir allein gut. Alle anderen stört deine Trunkenheit.

Mit der Macht verhält es sich ähnlich. Wie viele Male habe ich sie gesehen, diese süße und närrische Trunkenheit, die reflektierte Menschen plötzlich befällt, wenn sich die Tür zu den weiten und behaglichen Gemächern der Macht öffnet: Was passiert mit diesen Menschen, wie verändert sich ihre Wahrnehmung der Welt? Warum ändert sich ihre Intonation, warum ändert sich ihr Gang? Warum verkehren sie auf einmal in anderen Kreisen? Es muss etwas mit Trunkenheit zu tun haben. Macht berauscht, Macht nimmt den Bewertungen ihre Nüchternheit und dem Denken die Klarheit. Macht schenkt dir Euphorie, verleitet dich zu großzügigen Versprechungen und lässt dich die Versprechungen schnell vergessen. Macht pervertiert. Macht verdirbt den Charakter. „Macht bringt Parasiten hervor“, heißt eine alte Revolutionslosung. Und Macht macht abhängig. Ich lebe in einem Land, in dem die Gesellschaft von denjenigen, denen sie Macht verliehen hat, isoliert ist. Diese fatale Trennung, dieses Fehlen eines normalen Austauschs wird seit Langem als gegeben hingenommen. Auf der einen Seite gibt es eine Gesellschaft, die ihre Obrigkeit wählen muss. Auf der anderen Seite gibt es eine Obrigkeit, die nicht aufhören kann, die Gesellschaft zu bestehlen, ihre Interessen zu ignorieren, ihre Rechte zu beschneiden. Die Gesellschaft nimmt das zwar wahr, gibt dieser Obrigkeit jedoch stur und stets aufs Neue ihre Stimme. Ein endloser Kreislauf der Idiotie. Was könnte diesen fatalen kriminellen Kreislauf durchbrechen? Eine Revolution vielleicht. Nun hat die Ukraine in den zurückliegenden zwölf Jahren mindestens zwei mächtige Protestbewegungen erlebt, die tiefgreifende Veränderungen und Reformen ankündigten. Aber jedes Mal ist etwas schiefgelaufen. Im Jahr 2004 endete alles damit, dass wir einem Mann zur Macht verhalfen, der binnen kurzer Zeit jeglichen Kontakt zur Realität verlor. Vom Heilsbringer wurde er innerhalb weniger Monate zur Parodie seiner selbst. Und warum? Hat das etwas mit Machttrunkenheit zu tun? Oder handelt es sich hier eher um eine allgemeine Trunkenheit, verbirgt sich dahinter womöglich die eigene Unfähigkeit, die Handlungen und Ankündigungen dieses Menschen, den du zum Retter deiner Seele bestimmt hast, nüchtern und realistisch einzuschätzen?

Und jetzt, drei Jahre nach der Revolution von 2014, passiert etwas Ähnliches. Die Revolutionäre von gestern, die Helden, die sich die ganzen drei harten Wintermonate am erbitterten Widerstand im Zentrum von Kiew beteiligt hatten, von der Tribüne aus richtige Dinge gesagt, Gerechtigkeit gefordert, an das Volk appelliert hatten, gleichen nun, da sie an der Macht sind, in verdächtiger Weise denjenigen, die sie mit der Revolution von der Macht verdrängt haben. Sie gleichen ihnen so frappierend, dass du dir die Frage stellst: Hat es überhaupt eine Revolution gegeben? Mich und Millionen andere Menschen im Land erstaunt, was da hinter den hohen Türen, in den behaglichen Gemächern mit den Neuen passiert. Woher kommt diese Euphorie der Unantastbarkeit und Erhabenheit, woher kommt dieser Erfolgstaumel? Und das, wo es gar keine Erfolge gibt.

Wie wird all das enden? Wie endet jegliche Trunkenheit? Mit einem Kater, so viel ist sicher. Die Vertreter der alten Macht, diejenigen, die von der Revolution davongejagt wurden, haben seiner Zeit die Situation verkannt. Anscheinend ahmen die derzeitigen Machtinhaber ihre Vorgänger nach und provozieren die Gesellschaft zu resolutem Handeln, das für sie ernsthafte Konsequenzen haben könnte. Trunkenheit hin oder her, im dritten Kriegsjahr ist die Stimmung in der Bevölkerung alles andere als friedliebend und pazifistisch. Die Trunkenheit der anderen kommt uns teuer zu stehen, der Preis, den wir für eine fremde Abhängigkeit von der Macht zahlen müssen, ist zu hoch. So sieht die Euphorie aus.

Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe

 

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