„Die Presse ist das Rückenmark unserer Demokratie“

Ranga Yogeshwar, Ausgabe II/2017, Breaking News



Ohne einen gesunden Journalismus können Gesellschaften nicht
funktionieren, sagt Journalist Ranga Yogeshwar. Ein Gespräch

Herr Yogeshwar, Sie haben in Ihrem bisherigen Leben hauptsächlich als Journalist und Moderator gearbeitet. Wie hat sich die Medienwelt verändert seit Sie dabei sind?

Ich glaube, mir fällt fast kein Bereich ein, der sich in den vergangenen Jahrzehnten radikaler gewandelt hat. Als ich beim Fernsehen anfing, gab es noch ausschließlich öffentlich-rechtliche Sender – und selbst bei denen ging um elf Uhr abends das Licht aus. Dann kam das Testbild und für den Rest der Nacht das große Rauschen. Zwischen damals und heute liegen solche Erfindungen wie das Satellitenfernsehen, das Internet und die sozialen Netzwerke. Die ehemaligen Massenmedien werden zusehends durch die Medien der Massen abgelöst.

Das müssen Sie erklären.

Es sind ja eben nicht mehr nur die althergebrachten Medienhäuser, die Informationen für die Bürger zugänglich machen. Das Blatt wendet sich. Diejenigen, die ehemals Nachrichten konsumiert haben, also das Publikum waren, sind nun selbst Nachrichtenproduzenten. Ereignet sich etwa ein Terroranschlag, dann sind Plattformen wie Twitter, Instagram und Facebook in Sekundenschnelle mit neuen Inhalten aus privater Herstellung überflutet, mit Handyvideos und Kommentaren. Das hat natürlich Konsequenzen für die etablierten Redaktionen und Journalisten.

Zum Beispiel, dass diese sich gezwungen sehen, das Tempo ihrer Berichterstattung anzupassen – etwa mithilfe von Live-Blogs, Newstickern und täglichen Eilmeldungen. Halten Sie diese Entwicklungen unter journalistischen Gesichtspunkten für gewinnbringend?

Man fragt sich natürlich immer öfter, welchen Mehrwert diese Formate haben sollen. In erster Linie geht es darum, dass alle mithalten wollen. Die meisten Redaktionen haben ja ein großes Ziel: den kommerziellen Erfolg. In Zeiten des Internets brauchen sie dafür Klicks — und um die wird gekämpft. Klassische und neue Medien streiten sich heute in erster Linie um die Aufmerksamkeit des Publikums und nicht mehr um die Wahrheit, denn: Die Nachrichten, die am meisten geklickt werden, sind ja oft gerade solche, die gar nicht stimmen.

Halten Sie das für ein gänzlich neues Phänomen?

Die Frage nach der Belegbarkeit und Glaubwürdigkeit von Nachrichten ist natürlich so alt wie der Journalismus selbst. Dementsprechend sind Falschnachrichten also nichts Neues. Neu ist aber, welch hohe Wellen diese Fake News schlagen und wie viele Menschen sie über einen sehr kurzen Zeitraum hinweg erreichen können. Auch hier spielen die sozialen Netzwerke eine große Rolle – und der Resonanzeffekt. Sobald eine bestimmte Schlagzeile, aus welchen Gründen auch immer, oft genug aufgegriffen wird und einen kritischen Punkt überschreitet, wird sie viral. Es kommt zu einer Art inneren Selbstverstärkung: Alle wollen ein Stück von der Aufmerksamkeit, die von der Nachricht generiert wird, abbekommen – und diese reproduziert sich so rasend schnell selbst.

Gibt es diesen Resonanzeffekt erst, seit in sozialen Netzwerken geteilt und geliket wird?

Nein, es gibt ihn auch offline, zum Beispiel in deutschen Polit-Talkshows. Es gibt Themen, die dort eine gewisse Reibung erzeugen und rauf und runter gespielt werden: Zuletzt gehörte etwa das Thema Populismus dazu. Eine Sendung fängt damit an und alle anderen ziehen nach. Dabei sollten solche Diskussionsrunden doch nicht nur Foren der reinen Effekthascherei sein. Wie oft haben Sie im letzten Jahr etwa eine Talkrunde zur Energiewende gesehen? Der Widerhall, den bestimmte Nachrichten erzeugen, überschallt andere wichtige Debatten. Ähnlich ist es auch im Printbereich. Dort findet etwas statt, was ich gerne „Zitate-Journalismus“ nenne: Einer schreibt etwas und alle anderen springen auf den Zug auf. Journalisten zitieren sich gegenseitig, kontrollieren aber immer seltener, ob das, was sie zitieren, auch richtig ist.

Ist damit schon erklärt, warum viele Menschen den Medien nicht mehr über den Weg trauen?

Da gibt es verschiedenste Gründe. Das Vertrauen schwindet aber vor allem, weil es einen absoluten Überfluss an Informationen und nur noch ganz wenig Orientierung gibt. Egal, welche Meinung ich vertrete, ich kann bei Google News mit absoluter Sicherheit einen Artikel finden, der sie untermauert. Natürlich könnte ich auch andere Nachrichten finden, die meine Meinung widerlegen. Der Laie kann sich aber im Endeffekt nicht mehr sicher sein, was nun richtig ist. Werlche sind die zuverlässigen Medien und wo steht einfach nur „News“ drauf? Das fördert natürlich eine gewisse Verunsicherung. Und um diese Verunsicherung müssen wir uns Sorgen machen.

Weil Sie den Journalismus bedroht?

Und weil sie unsere Demokratie gefährdet. Man muss sich immer wieder klarmachen, dass Medien eine Säule unserer politischen Ordnung darstellen. Was wäre nun also, wenn wir irgendwann in einer Gesellschaft lebten, in der Bürger das Gefühl hätten, sich nicht mehr klar und glaubwürdig informieren zu können? An diesem Punkt würde es brandgefährlich, denn dann existierten plötzlich mehrere vermeintliche Wahrheiten nebeneinander und ein gesellschaftlicher Konsens wäre nicht mehr möglich. Dann ginge es der Aufklärung an den Kragen. Die Presse ist das Rückenmark unserer demokratischen Ordnung. Und das, was wir gerade erleben, die Umbrüche und Verschiebungen innerhalb der Medienlandschaft, kann man entlang dieser Metapher als neurologische Erkrankung verstehen.

Haben Sie ein Heilmittel parat?

Wir brauchen eine neue Medienkultur. Ein erster Schritt wäre es, anzuerkennen, dass guter und unabhängiger Journalismus nicht billig und erst recht nicht kostenlos sein kann. Es bräuchte also neue Finanzierungsmodelle für qualitativ hochwertige Berichterstattung. Diese Erkenntnisse sind ja nicht neu. Die Gründung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland war eine direkte Reaktion auf die vorangegangene Gleichschaltung der Medien unter den Nazis. Die Väter des Grundgesetzes wollten den deutschen Bürgerinnen und Bürgern nicht das Geld aus der Tasche ziehen. Sie sahen einfach ein, dass Medien auch eine gewisse wirtschaftliche Unabhängigkeit brauchen, um zu funktionieren. Des Weiteren müssen in Zukunft auch neue Medien für die Inhalte, die sie produzieren, zur Rechenschaft gezogen werden können. Wir brauchen ein Presserecht, das nicht mehr nur auf die klassischen TV- und Zeitschriftenredaktionen zugeschnitten ist, sondern auch auf Facebook-Seiten, denen Hunderttausende von Menschen folgen, auf private Websites, die Nachrichten publizieren und Millionen von Menschen erreichen. In dieser Hinsicht muss das Verständnis des Begriffs „Medien“ dringend erweitert werden.

Und was können Journalisten selbst tun?

Für die Journalisten gilt es, einen Schritt „zurück nach vorn“ zu machen. Authentizität muss wieder oberste Priorität haben. Es gibt die Maßstäbe für gutes journalistisches Arbeiten ja bereits. Was ist zum Beispiel eine sichere Quelle? Eine einzige kann es schon mal gar nicht geben. Man braucht mehrere Quellen, die sich nicht aus demselben Informationsstrom speisen. Sie dürfen sich nicht widersprechen, sollten unabhängig und eindeutig sein. In diesem Sinne muss die Recherche wieder ein profunderer Teil des journalistischen Handwerks werden. In den letzten Jahren konnte man beobachten, wie der Journalismus immer mehr in eine Form der nebulösen Berichterstattung abgedriftet ist, sei es aus Geld- und Zeitmangel oder aus anderen Gründen. „Angeblich hat jemand“, „scheinbar ist etwas passiert“, Sie kennen diese und ähnliche Formulierungen. Das ist im Sinne des klassischen Journalismus natürlich Irrsinn. Oft wurden in der Vergangenheit Geschichten lanciert, die keinerlei Basis hatten. Auch das hat an der Glaubwürdigkeit der Redaktionen gekratzt. Und jetzt kommen Leute wie Donald Trump und drehen den Spieß einfach um. Populisten stellen Behauptungen in den Raum und die Medien müssen das Chaos wieder aufräumen.

Wie sollten die Redaktionen darauf reagieren?


Als Wissenschaftsjournalist gibt es da nur eine Antwort für mich: mit Fakten und einer absoluten Engelsgeduld. Wenn man mit Ruhe und Klarheit argumentiert – und vor allem, ohne eine gewisse Hochnäsigkeit an den Tag zu legen –, dann kann man das Vertrauen vieler Menschen wieder zurückgewinnen, davon bin ich absolut überzeugt.

Das Interview führte Kai Schnier

 

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