Schöne neue Welt

Jenny Friedrich-Freksa, Ausgabe II/2017, Breaking News



Die Zukunft der Großstädte in Afrika hängt davon ab, wie sie ihr Wachstum innovativ meistern können. Ein Besuch in Addis Abeba und Nairobi

Am Stadtrand von Addis Abeba, dort, wo keine Baugerüste und halb fertigen Hochhäuser mehr in den Himmel ragen, sondern kleine Häuser und Hütten inmitten sandiger Wiesen und Wälder liegen, steht die Gogle-Fabrik. Es ist eine Fabrik, die ein Produkt der Zukunft herstellen will – für Äthiopien, den „afrikanischen Tiger“, laut Internationalem Währungsfonds eine der fünf am schnellsten wachsenden Wirtschaften der Welt. Das Produkt sind kleine Öfen zum Kochen, die nicht mit Holz beheizt werden, sondern mit Briketts, die überwiegend aus Biomüll bestehen.

Ziegen streunen um das mit Pappe geflickte Wellblechgebäude der Fabrik. Drinnen arbeitet ein halbes Dutzend Menschen, die Metallgehäuse und Tonzylinder für die verschiedenen Ofenmodelle zurechtschneiden oder die zu schwarzem Staub karbonisierten Müllreste in eine Maschine schaufeln, in der sie in kleine runde Briketts gepresst werden. Kochen ist Frauensache in Äthiopien, und so sind es die Frauen und Mädchen, die manchmal stundenlang unterwegs sind, um Feuerholz für traditionelle Herde zu suchen. Holz ist rar, aber Müll gibt es im Überfluss. Insofern ist ein Ofen, der verheizt, was es ohnehin gibt, eine gute Idee für ein Land, das bis 2025 vom Entwicklungsland zum Schwellenland werden möchte. Man braucht allerdings Menschen, die diese gute Idee kaufen.

250 äthiopische Birr, umgerechnet etwa zehn Euro, kostet ein Ofen. Bei einem durchschnittlichen Monatslohn von 1.100 Birr (45 Euro) ist das viel Geld. „Man muss den Haushaltsvorstand einer Familie, also den Mann, davon überzeugen, in einen Ofen zu investieren“, sagt Addisu Sime, Geschäftsführer von Gogle. „Wir versuchen zu erklären, dass sich die Anschaffung lohnt, weil man nur noch die Hälfte an Brennmaterial braucht.“ In Fernsehspots und Zeitungsanzeigen lässt er seine Öfen bewerben. Entwickelt wurden sie im Rahmen eines Weltbank-Programms, heute wird die Fabrik von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), von Irish Aid und von der EU gefördert. Man versuche mit möglichst wenig Subventionen zu arbeiten, um nicht in den Markt einzugreifen, erklärt Rainer Hakala von der GIZ , der die Fabrik vor Ort berät. 650 Kleinstunternehmen wie Gogle sind bisher in der Ofenherstellung geschult worden. In Äthiopien, dem Land im Umbruch, leben dnoch 85 Prozent der Menschen als Bauern und Selbstversorger auf dem Land. Etwa einhundert Millionen Einwohner hat Äthiopien heute, bei einer gleichbleibenden Geburtenrate werden es im Jahr 2040 bereits 160 Millionen sein. Längst ziehen die Menschen in die Städte, um in kleinen Unternehmen wie Gogle oder großen Fabriken zu arbeiten. Textilunternehmen wie KiK, H&M und Tchibo lassen in Äthiopien produzieren.

Addis Abeba platzt aus allen Nähten. Der Umgang der Stadt mit ihren Ressourcen wird zeigen, ob Menschen hier in Zukunft einigermaßen gut werden leben können oder ob sie weiterziehen in ihre afrikanischen Nachbarstaaten und nach Europa.

Die Stadtverwaltung von Addis Abeba plant derzeit ein neues Verkehrssystem. Die erste Stadtbahnlinie wurde 2015 eröffnet, sie war für 60.000 Fahrgäste täglich angelegt, heute befördert sie bereits die doppelte Menge. Und um die Enstehung neuer Riesenslums zu vermeiden, baut die Regierung Sozialsiedlungen am Stadtrand, sogenannte Condominiums. Der Umzug in die Stadt ist der Sprung in eine andere Welt. Männer und Frauen, die gerade noch in ihren Familien auf dem Dorf lebten, ziehen nun in Neubauwohnungen, arbeiten in Fabriken – und sollen ihre Öfen möglichst nicht mehr mit Holz beheizen, sondern mit Müllbriketts, weil das nachhaltiger ist.

Während sich das Leben der Menschen grundlegend verändert, ist die politische Lage angespannt. Im Oktober des vergangenen Jahres hat die Regierung nach Protesten den Ausnahmezustand verhängt. Ein neuer „Mas-terplan“ für Addis Abeba hatte vorgesehen, die Stadtfläche um ein Fünftel zu vergrößern, was bei vielen Bewohnern aus dem unmittelbaren Umland der Hauptstadt Angst vor Enteignungen weckte. Die autoritäre Regierung der Revolutionären Demokratischen Front der Äthiopischen Völker regiert das Land hart, die Opposition wird brutal unterdrückt,  Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International dürfen nicht mehr ins Land. Auch Addisu Sime muss umziehen. Er und seine Arbeiter müssen das Grundstück, auf dem die Fabrik steht, verlassen. Noch haben sie keinen neuen Standort gefunden. Der irischen Nonne Mary Killeen kann niemand etwas wegnehmen. Ihr Stück Land liegt in einem Außenbezirk Nairobis. Es gehört dem Orden der Sisters of Mercy und beherbergt die St. Bakhita Primary und die St. Michael Secondary School. 1.300 Schüler kommen hierher täglich zum Unterricht. Sie leben in dem Slum – der „informellen Siedlung“, wie es in der Sprache der Vereinten Nationen heißt – , der direkt hinter der Schulmauer beginnt. Ein brackiger Fluss fließt unterhalb des Schulgeländes, Müll schwimmt darin, es stinkt. 500.000 Menschen wohnen in Mukuru, einem der größten Slums Nairobis. Für die Kinder ist die Schule auf der anderen Seite der Mauer ein Rückzugsort, an dem viele auch nach dem Unterricht bleiben, bis das Schulgelände bei Sonnenuntergang schließt. Hier gibt es Platz zum Spielen, und, auch wichtig, hier gibt es saubere Toiletten.

Wir versuchen, unseren Schülern nicht nur Bildung, sondern auch praktische handwerkliche Fertigkeiten zu vermitteln“, erzählt Mary Killeen. „Einer unserer Schüler hat bei uns Nähen gelernt, dann hat er angefangen, Fußballtrikots zu nähen. Heute betreibt er ein kleines Geschäft und verkauft diese Trikots.“

Gerade ist das Schulgelände mithilfe der deutschen Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) im Rahmen der „German-Kenyan cooperation“ saniert und erweitert worden. Über 25 Schulen wurden mithilfe des Programms instand gesetzt oder neu gebaut.

Ein paar Kilometer weiter, im Slum von Mlolongo, stellt der Wasserexperte Dirk Schäfer ein weiteres Projekt der Kooperation vor: einen Wasserkiosk. „Die wenigsten Kenianer haben einen direkten Wasseranschluss im Haus, etwa fünfzig Prozent haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser“, sagt Schäfer, Projektmanager des „Wassersektor-Reformprogramms“ der GIZ. Um Slumbewohnern einen regelmäßigen Zugang zu sauberem Wasser zu garantieren, wurden die Wasserkioske errichtet. Finanziert werden sie aus dem Water Service Trust Fund (WSTF), der sich aus Mitteln vom Staat und der internationalen Entwicklungszusammenarbeit speist. Von den örtlichen Wasserwerken führen Leitungen zu den Kiosken, auf deren Dächern Tanks das Wasser zwischenspeichern.

Jacqueline ist 22 Jahre alt, an drei Tagen in der Woche holt sie am Kiosk Wasser. Fünf Kanister mit je zwanzig Litern trage sie dann zu ihrer Hütte, sagt sie, ihr ganzes Leben wohnt sie schon in Mlolongo. Und bisher sieht es auch nicht so aus, als ob sich das ändern würde. Drei kenianische Schilling, das ist nicht mal ein Eurocent, bezahlt sie für einen Kanister Wasser, ein Festpreis, um Betrug zu verhindern. Jeder Slumbewohner soll sich saubereres Wasser leisten können.

Im Frühjahr 2017 leidet ganz Kenia unter einer enormen Dürre, das Wasser wird knapp für Menschen und Tiere. Auch Kenias Bevölkerung wächst rasant, bis zum Jahr 2050 könnte sie sich auf achtzig Millionen Menschen verdoppelt haben.

In Kenia wie in Äthiopien steigt mit dem schnellen Bevölkerungswachstum der Druck auf die Ökosysteme. Die Hauptstädte Nairobi und Addis Abeba boomen wirtschaftlich, doch die Frage ist, ob ihr Ressourcenmanagement mithalten kann. „Afrika wird seinen Energiebedarf in den nächsten Jahren verdreifachen“, sagt Ibrahim Thiaw, stellvertretender Direktor des UN-Umweltprogramms in Nairobi. „Es ist wichtig, dass die Privatwirtschaft daran mitarbeitet, saubere Energie zu fördern.“

Die Gogle-Öfen und die Wasserkioske: Sie sind funktionierende Leuchtturmprojekte, gefördert von der internationalen Gemeinschaft, um Menschen bessere Lebensbedingungen und Perspektiven zu bieten. Doch sowohl in Nairobi als auch in Addis Abeba entscheiden vielerorts ganz andere Parameter über die Zukunft der Stadt. „Das haben die Chinesen gebaut“, ist ein Satz, den man oft hört, wenn man nachfragt, wer hinter großen Fabriken und Gebäuden steckt. Man muss schnell genug sein, um die Entwicklung in afrikanischen Großstädten noch mit europäischen Umweltstandards mitgestalten zu können.

Dieser Beitrag entstand im Rahmen einer Pressereise der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen (DGVN).

 

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