Editorial

Jenny Friedrich-Freksa, Ausgabe I/2017, Rausch



Je größer die echten Krisen, so scheint es, umso wichtiger werden Momente der Entspannung, Freude oder Abwesenheit. Je größer der Leistungsdruck moderner Gesellschaften oder der zermürbende Alltag all jener, für die jeder Tag ein Kampf ums Überleben ist, desto größer der Wunsch, der Ohnmacht zu entfliehen. Ein paar Bier, ein Joint oder eine Pille - und schon sieht die Realität ein bisschen angenehmer aus, oder anders gesagt: Schon rückt die Wirklichkeit etwas weiter weg. Ein Trinker sucht die Flucht, schreibt der schottische Schriftsteller John Burnside, nicht nur "aus ermüdender öffentlicher Rolle, sondern gleich aus dem ganzen weltlichen Reich, um in einem authentischen innerlichen, ekstatischen Zustand zu verweilen".

Alkohol ist die Droge Nummer eins weltweit, in den westlichen Ländern ist Trinken legal und allen vertraut. Wie befremdlich das auf Menschen aus anderen Regionen wirkt, beschreibt die Somalierin Fatuma Musa Afrah, die seit zwei Jahren in Deutschland lebt, in ihrem Beitrag "Trink doch was, Fatuma!" In allen Zeiten und Kulturen haben sich Menschen berauscht, an verbotenen und nicht verbotenen Dingen: mit Drogen oder Sex, religiösen Ritualen oder sportlichen Extremleistungen. Wir reden in diesem Heft mit Experten darüber, was Menschen im Rausch suchen und was dabei in Körper und Gehirn geschieht. Die ägyptische Autorin Mansura Essedin erzählt vom Opiumrauchen in der arabischen Welt. Serhij Zhadan aus der Ukraine denkt über das entrückende Gefühl von Macht nach. Laksmi Pamuntjak führt uns in die Swingerklubs von Jakarta und Nanja van den Broek, Weltrekord-halterin im Apnoetauchen, nimmt uns mit in die Tiefen des Meeres. Doch wir beschäftigen uns in dieser Ausgabe auch mit den dunklen Seiten des Rausches, mit Abhängigkeit, Drogenkartellen oder der martialischen Drogenpolitik des neuen philippinischen Präsidenten Rodrigo Duterte. Nicht zuletzt ist die Sehnsucht der Menschen nach dem schnellen Glück ein Riesen-geschäft. Der Handel mit Kokain ist der am meisten globalisierte Zweig des internationalen Verbrechens, schreibt die mexikanische Journalistin Ana Lilia Pérez. Ein Gramm Kokain kostet in Kolumbien umgerechnet etwa drei Euro, in Deutschland sind es achtzig Euro.

Jenny Friedrich-Freksa

 

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