Schreiben mit Zorn

Nuruddin Farah, Ausgabe I/2017, Rausch



Wie Dostojewski mir das Sitzen beibrachte, ich in Somalia zum
Staatsfeind wurde und von der Macht der Sprache erfuhr

Ich wurde 1945 in Baidoa, Somalia, geboren. Schon sehr früh interessierte ich mich für das Lesen und ­Schreiben. Mit vier Jahren wurde mir die arabische Sprache und Schrift beigebracht. Ich malte Schriftzeichen nach, wenn mir langweilig war. Später schickten meine Eltern mich und meine drei Brüder in die englische Missionsschule, wo die Bibel wie eine Lesefibel behandelt wurde. Dort hatten wir an Tischen zu sitzen. Nachmittags wurden wir in die arabische Koranschule geschickt, wo wir auf dem Boden saßen. Beide „Kulturen“ unterschieden sich durch eine bestimmte Körperhaltung. Ich war ein unruhiges und ungeduldiges Kind und spielte unglaublich gerne Fußball. Um meine Konzentration zu fördern, gab mir mein älterer Bruder, der in Mogadischu zur Schule ging, Bücher. Das erste, Dostojewskis „Verbrechen und Strafe“, las ich mit neun Jahren – auf Englisch. Mein Bruder sagte zu mir: „Wenn du dieses Buch liest und mir erzählst, wovon es handelt, kaufe ich dir einen Ball.“ Also setzte ich mich jeden Tag hin, so viele Stunden, wie ich konnte, und las. Ich brauchte zweieinhalb Monate. Das nächste Buch war „Die Elenden“ von Victor Hugo, diesmal auf Arabisch. Das las ich auch. Ich bezweifle, dass ich damals viel verstanden habe. Was aber zählte, war, dass ich saß und las und ans Lesen dachte.

Nach den ersten sechs Schuljahren sollten wir anfangen zu arbeiten. Man stellte uns einige Berufe zur Auswahl: etwa Schuhmacher, Tischler, Stenotypist. Ich lernte Schreibmaschine. Bald danach wurde ich ein öffentlicher Schreiber, damit verdiente ich mein Taschengeld. Eines Tages kam ein wütender Mann zu mir. Er wollte einen Brief an seine Frau schicken, die weggelaufen war: „Schreib meiner rebellischen Frau: Wenn sie nicht bald wieder da ist, fahre ich in ihre Stadt, breche ihr alle Knochen und schleife sie zurück.“ Aber ich änderte den Text: „Wenn du nicht in neunzig Tagen zurückkommst, bist du eine geschiedene Frau.“ Auf der Grundlage des Briefes löste der Kadi, der Richter der Stadt, ihre Ehe auf. Und ich bekam eine Ahnung davon, welche Macht das Schreiben haben kann.

Mit einem Stipendium meines Landes studierte ich im indischen Chandigarh, wo ich auf Schritt und Tritt Armut und Ungerechtigkeiten erlebte. Danach wohnte ich von 1969 bis 1974 wieder in Somalia. 1972 wurde Somali zur Schriftsprache, das lateinische Alphabet wurde das offizielle Schriftsystem. Ich schrieb einen Roman in Somali. Jede Woche wurde ein Kapitel in der Tageszeitung veröffentlicht. Und so rannte ich direkt in die Auseinandersetzungen mit der Staatsmacht hinein. Die Zensurbehörde mochte bestimmte Kapitel des Buches nicht. Man drohte mir mit dem Gefängnis, wenn ich weiter zu schreiben oder das Buch zu veröffentlichen wagte. Daher widmete ich mich meinem zweiten Roman in englischer Sprache, „A Naked Needle“, aber auch dieser machte mir Probleme. Er wurde 1976 veröffentlicht, als ich für drei Jahre in Rom lebte. Mein Bruder kam mich besuchen und erklärte mir, dass es für mich nicht ratsam sei, wieder nach Somalia zurückzukehren.

So begannen meine Jahre im Ausland: Italien, USA, Deutschland, Nigeria, Gambia, Sudan, Uganda, Äthiopien, wieder Nigeria, Südafrika. Dass ich weit weg von Somalia lebte, erleichterte mir, mit Zorn zu schreiben. Man hatte mir mit Freiheitsberaubung gedroht, ich war in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden – aber keiner konnte mich erreichen. Keiner konnte von mir verlangen: Schreib dieses Buch nicht, damit deine Brüder nicht ihre Arbeit verlieren. Ich erinnere mich, wie einer meiner Brüder mich anrief: „Warum machst du uns nur das Leben so schwer?“ Ich antwortete: „Ihr habt eure Jobs verloren, viele Menschen aber ihr Leben. Also sei still.“ Ich halte mich nicht für einen Migranten oder einen Schriftsteller im Exil oder einen Expat, denn ich bin immer schon viel umgezogen. Ich bin der Meinung, dass sich alle Künstler in irgendeiner Form von Exil befinden, denn nur in Isolation kann man schöpferisch tätig sein.

Protokolliert von Nikola Richter

 

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