Belohnungen auf Facebook

Marc Potenza, Ausgabe I/2017, Rausch



In sozialen Netzwerken und Online-Spielen werden ähnliche Hirnareale aktiviert wie bei Drogensüchtigen

In den letzten Jahrzehnten hat das Internet unser Leben von Grund auf verändert und das Tempo der Digitalisierung nimmt weiter zu. Menschen, die sehr viel Zeit mit Online-Spielen oder in sozialen Netzwerken verbringen, werden in der Öffentlichkeit als „internetsüchtig“ bezeichnet. Doch ob es eine solche Sucht wirklich gibt, ist in der Medizin bis heute umstritten. Seit Mitte der 1990er-Jahre wird der Begriff „Internetsucht“ verwendet und es sind verschiedene Skalen (wie die in der klinischen Praxis eingesetzte Young-Skala) entstanden, die das Ausmaß der Sucht messen.

In Vorbereitung der fünften Auflage des „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorder“ („DSM-5“), eines Standardwerks der Psychiatrie, beschäftigte sich 2013 die Arbeitsgruppe für substanzgebundene Störungen mit dem Begriff „Internetsucht“, entschied sich aber, sie nicht als Krankheitsbild in das „DSM-5“ aufzunehmen. Grund für diese Entscheidung war die Überlegung, dass eine psychische Störung durch das Verhalten und nicht durch das Medium definiert werden sollte, das nur der Übermittlung dient. Der Fokus sollte mit anderen Worten auf der Tätigkeit (in diesem Fall dem Online-Gaming) und nicht auf der Internetnutzung als solcher liegen. Gaming war zum damaligen Zeitpunkt das am besten untersuchte Problemverhalten im Internet; mit dem Online-Gaming waren erhebliche Gesundheitsrisiken verbunden, es war in Asien zu Todesfällen gekommen. Nach stundenlangen Online-Sessions waren mehrere Gamer unter anderem an Erschöpfung und Dehydratation gestorben.

Zurzeit befassen sich drei internationale, von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) einberufene Arbeitsgruppen mit problematischem Internetkonsum. Auch ihre Mitglieder hegen die Ansicht, dass der Fokus der Störung auf dem Verhalten liegen sollte, das durch die Internetnutzung unterstützt wird, und nicht auf dem Internet als solchem. So wurden inzwischen Definitionen für eine Gambling-Störung und eine Gaming-Störung erarbeitet, mit Spezifikatoren, ob diese vorwiegend online oder offline stattfinden. Obwohl sich also das Augenmerk zunehmend weg vom Internet hin zu konkreten Verhaltensweisen und -mustern im Internet verlagert, gibt es zahlreiche Forschungsarbeiten zu problematischem Internetkonsum oder Internetsucht.

Jüngsten Studien zufolge entwickelt rund ein Prozent der Menschen als junge Erwachsene eine Internet-Gaming-Störung. Neurologische Untersuchungen deuten hierbei auf Ähnlichkeiten mit Drogenabhängigkeit hin, etwa darin, wie das Gehirn Signale aus dem Internet oder allgemeine Belohnungen verarbeitet. In Zusammenhang mit einer Internet-Gaming-Störung wurden Beeinträchtigungen der kognitiven Steuerung und damit verbundener Gehirnnetzwerke ähnlich wie im Falle von Drogenabhängigkeit festgestellt. Diese Netzwerke betreffen auch Hirnregionen, die üblicherweise an Exekutivfunktionen wie Aufmerksamkeit und kognitiver Flexibilität beteiligt sind. Auch wurden Beeinträchtigungen der Impulssteuerung (also Schwierigkeiten bei der Kontrolle von motivierten Verhaltensweisen wie etwa der Internetnutzung für unangenehmere Tätigkeiten wie Hausaufgaben) in Bezug auf „Facebook-Abhängigkeit“ beobachtet. Bei Facebook-Nutzern wird das ventrale Striatum, eine Hirnregion, die mit der Verarbeitung von Belohnungsreizen und Suchtmittelabhängigkeit in Verbindung gebracht wird, aktiviert.

Allerdings sollte man beachten, dass es auch Unterschiede zwischen Internet- und Suchtmittelabhängigkeit gibt. Dies ist vielleicht nicht sonderlich überraschend, da der Konsum gewisser Substanzen sich direkt auf die Struktur und Funktion des Hirns auswirkt. Angesichts der fortschreitenden Nutzung digitaler Technologien benötigen wir weitere Forschungsarbeiten, um die förderlichen wie schädlichen Aspekte des Internets besser zu verstehen. So gewonnene Informationen sollten in verbesserte Regeln einfließen und in Prävention, Behandlung, Schulungen, Lehre sowie Strategien im öffentlichen Gesundheitswesen umgesetzt werden.

Aus dem Englischen von Claudia Kotte

 

Ähnliche Artikel

„Selfies von Wanderarbeitern“

Ausgabe III/2016, Das neue Italien, Michelle Proksell, Kai Schnier

Das chinesische Internet ist trotz Staatsüberwachung quicklebendig. Die Künstlerin Michelle Proksell archiviert, was dort tagtäglich geteilt und gepostet wird

mehr


„Nobodys mit Publikum“

Ausgabe I/2009, Menschen von morgen, Urs Gasser

Urs Gasser interessiert sich dafür, wie Jugendliche mit sozialen Netzwerken im internet umgehen. Ein Gespräch

mehr


Verlust der Privatsphäre

Ausgabe IV/2013, Für Mutige. 18 Dinge, die die Welt verändern, Jillian York

Wir können kaum noch kontrollieren, was andere von uns wissen. Das macht uns unfrei

mehr


„Arbeitstier und Serien-Zombie“

Ausgabe I/2017, Rausch, Nir Baram

Warum obsessives Fernsehen die Droge der kapitalistischen Gesellschaft ist. Ein Gespräch mit dem Schriftsteller Nir Baram

mehr


Was ist das Internet der Dinge?

Ausgabe IV/2015, Ich und die Technik, Wolfgang Henseler

Alle sprechen vom „Internet of Things“ als der nächsten digitalen Revolution. Immer mehr Gegenstände werden mit dem Netz verbunden. Doch wie funktioniert das eigentlich – und macht es Sinn?

mehr


Bango, Schlafmohn, Kulla

Ausgabe I/2017, Rausch, Mansura Eseddin

Der Koran verbietet den Rausch. Doch in Ägypten werden trotzdem viele
Drogen konsumiert

mehr