Ein Königreich für einen Scherz

Tony Hawks, Ausgabe I/2010, Großbritannien



Warum Briten ohne Witze weder leben noch sterben wollen

Eines steht fest: Die Briten lieben es, immer und überall Witze zu machen. In jedem Arbeitsbereich scheint Humor den Leuten zu helfen, den Tag durchzustehen. Manchmal fühlt es sich wie ein Wettkampf an – wer macht den bes-ten Scherz oder die witzigste Bemerkung? Viele Politiker polieren ihre Reden sogar mit Hilfe von Berufskomikern auf. Ein Freund von mir hat eine Zeit lang Witze für den derzeitigen Premierminister Gordon Brown geschrieben. Klugerweise arbeitet er jetzt nicht mehr für ihn. Wahrscheinlich, weil er begriffen hat, dass Mr. Brown nur dann wirklich witzig ist, wenn er seine Politik vorstellt. 


Humor ist den Briten also sehr wichtig. Was sagt das über uns aus? Sind wir verrückt? Oder nehmen wir uns die Dinge nur einfach nicht zu Herzen? Trotz unserer Vergangenheit als angriffslustige Kolonialmacht sind wir Meister im Weglaufen. Humor ist ja im Grunde ein Fluchtmechanismus. Immer auch die lustige Seite einer Sache zu sehen, macht es einfacher, sie zu ertragen. Viele Briten haben die Fähigkeit entwickelt, durch Humor den wirklichen Problemen aus dem Weg zu gehen. Anstatt zu sagen, was du wirklich denkst, versteck dich doch lieber hinter einem Witz! 


Ich habe in meinem Berufsleben viele Leute getroffen, mit denen ich sehr gern zusammengearbeitet habe: Sie hatten immer einen Scherz parat, dann noch einen, und dann noch einen obendrauf. Wenn ich mit solchen Leuten Zeit verbringe, denke ich hinterher aber manchmal, dass ich sie jetzt überhaupt nicht besser kenne als vorher. Die Witze verbergen den wirklichen Menschen.


Ich denke, der Grund dafür könnte in der Kultur liegen. Es dreht sich alles darum, wie die britischen Kolonialherren Schwäche definierten. Probleme einzugestehen, Sorgen zu äußern oder Gefühle zu zeigen, wurde als Peinlichkeit angesehen. Dies musste unter allen Umständen vermieden werden, ganz egal, welche Folgen das hatte. Mach dir nichts aus deinen riesigen Problemen. Wenn du im Klub fröhlich erscheinst und immer Witze reißen kannst, dann ersparst du uns allen Peinlichkeiten. Viele viktorianische Briten gaben fast alles für ein Leben ohne peinliche Momente. 


Vielleicht ist das aber gar nicht so schlecht. Denn schließlich haben wir heute in Großbritannien eine reichhaltige humoristische Kultur. Die Kehrseite der Medaille zeigt sich zweifelsohne in medizinischen Statistiken, weil unsere Körper unter der Last der Verstellung verkümmern.


Wir können bis zum bitteren Ende Witze reißen. Vor Kurzem war ich auf der Beerdigung eines Rundfunkkollegen namens Sir Clement Freud. Auf dem Gesangsblatt des Gedenkgottesdienstes war ein Bild von Clement und darunter stand: „Haltbar bis 19. April 2009.”


Uns Briten steht fast immer der Sinn nach schwarzem Humor. Bei Naturkatastrophen oder wenn eine Berühmtheit unter tragischen Umständen stirbt, dauert es nie lange, bis ein kranker Witz auftaucht und Teil der Kultur wird. Ich habe festgestellt, dass man den schwärzesten Humor in Nordirland findet. Dort haben die Menschen während des Nordirlandkonflikts so viel gelitten, dass es allgemein erlaubt ist, über wirklich alles Scherze zu machen. 


Natürlich kennt auch der britische Humor wie die meisten Kulturen den Slapstick, bei dem über den Schaden eines anderen gelacht wird. Ein Mann rutscht aus, ihm fällt etwas auf den Kopf oder er bekommt eine Torte ins Gesicht. Ich glaube, diese Art von Witz wird überall auf der Welt verstanden. Die Komik von Monty Python fasst es vielleicht am besten zusammen: clevere Wortspiele gepaart mit schwarzem Humor, Slapstick und einer guten Portion purer Albernheit. Man muss bloß an ihren berühmten Sketch „The Ministry of Silly Walks” denken, in dem sich Angestellte gegenseitig darin übertreffen, auf möglichst verrückte Art zu gehen. 


Jenseits der intelligenten Witze gibt es diese alberne Ader als finalen Bestandteil des britischen Humors. Manchmal ist es einfach nur lustig, irgendetwas Seltsames zu machen oder zu sagen, ohne einen bestimmten Grund dafür zu haben. 
Hosen.
Da bitte, gerade habe ich es getan. 
Manche Menschen finden daran überhaupt nichts Witziges, für andere ist es das Komischste auf der Welt. Für die, die darüber lachen, ist es womöglich eine Art Rebellion gegen die Eindeutigkeit des sonstigen Humors – eine frische Brise. Unser Humor ist weder politisch noch trifft er irgendeine moralische Aussage, er ist einfach nur wunderbar naiv. Ich bin ein großer Fan davon. Deswegen habe ich wohl auch eine Reise mit dem Kühlschrank durch Irland gemacht und ein Buch darüber geschrieben.

Aus dem Englischen von Rosa Gosch

 

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