Editorial

Jenny Friedrich-Freksa, Ausgabe IV/2016, Ich und alle anderen



Es ist eine wunderschöne Sache: selbst zu entscheiden, wie das eigene Leben aussehen soll. Mit welchen Menschen möchte man es verbringen? An welchem Ort wohnen, was mit seiner Zeit anfangen?
Seit der europäischen Aufklärung ist das Ideal des freien Menschen in der Welt.
Lange schien es, als breite es sich immer weiter aus, als würden Männer und Frauen auf allen Kontinenten sich stetig dahin entwickeln, ihres eigenen Glückes Schmied zu sein. Aber stimmt das wirklich? Leben heute mehr Menschen ein selbstbestimmtes Leben als vor fünfzig Jahren? Oder ist die Freiheit, zwischen verschiedenen Lebensentwürfen zu wählen, nach wie vor ein Luxus für Menschen in einem sehr kleinen Teil der Welt?
In den westlichen Demokratien ist die Selbstbestimmung in den Verfassungen festgeschrieben. Den Menschen wird so ein großes Maß an Individualität ermöglicht. Doch was ist mit all den Erdenbürgern, die niemals die Chance haben werden, ein solches Leben zu führen – weil es finanziell oder kulturell undenkbar ist? „Wanderarbeiter in Asien ziehen in die Städte und verdienen mehr Geld, als sie es auf dem Land tun würden“, sagt der indische Autor Pankaj Mishra im Interview. „.Aber ihnen fehlt die Zeit, neue Menschen kennenzulernen ... Die Erfahrung der eigenen Befreiung ist nicht ohne Entfremdung von der Gesellschaft, von den anderen, zu haben.“ Wird die Freiheit des Einzelnen inzwischen häufig vor allem als Belastung empfunden, weil sie den Velust von Zugehörigkeit bedeutet?
„Ich und alle anderen“ – wir diskutieren in dieser Ausgabe, wie sich Individuen und Gruppen zueinander verhalten. Die ägyptisch-britische Publizistin Shereen El Feki denkt über sexuelle Emanzipation im arabischen Raum nach. Und der italienische Philosoph Franco Berardi beschreibt die ultimative Rache des Einzelnen an der
Gemeinschaft: einen Selbstmord, der möglichst viele andere mit in den Tod reißt.
Das Gleichgewicht zwischen persönlicher Freiheit und Zugehörigkeit scheint derzeit empfindlich gestört zu sein. Das zeigen die Erfolge eines Donald Trump oder Recep
Erdogan. Ausgerechnet diese beiden Super-Egos bieten ihren Anhängern klare
Gruppenidentitäten an. Es sind Gesellschaftsbilder von vorgestern, mit homogenen Nationen, die es so nicht mehr gibt. Doch üben sie offenbar eine große Anziehungskraft auf jene aus, die sich danach sehnen, sich anderswo zu verorten als in der komplizierten Vielschichtigkeit eines modernen Ich.

Jenny Friedrich-Freksa

 

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