„Wir leiden unter dem Fetisch der Individualisierung“

Laurie Penny, Ausgabe IV/2016, Ich und alle anderen



Warum Selbstoptimierung in die Sackgasse führt und vor allem Frauen schadet. Ein Gespräch mit der Feministin Laurie Penny

Frau Penny, in Ihrer Heimatstadt London leben Sie in einer Kommune. Bevorzugen Sie das Leben im Kollektiv?
Mir gefällt das Leben in der Kommune sehr. Ich brauche Gesellschaft, um als Individuum funktionieren zu können. Das ist eine der Sachen, die mich am glücklichsten machen. In unserer Wohnung leben manchmal acht Menschen, manchmal doppelt so viele. Ich wohne aber nicht ausschließlich aus romantischen Gründen so. Ein bisschen Pragmatismus ist auch dabei. Ich zahle zurzeit vierhundert Pfund Miete im Monat. Versuchen Sie einmal, außerhalb einer Kommune für den Preis in London unterzukommen (lacht). Der eigentliche Punkt ist aber: Ob jemand eher von einem gewissen Individualismus oder dem Leben im Kollektiv zehrt, ist unwichtig. Wichtig ist die Erkenntnis, dass keines der beiden Modelle per se gut oder schlecht ist. 

Auch nicht der Individualismus? Die moderne Gesellschaft wird dafür gefeiert, dass sie Einzelpersonen Selbstverwirklichung, also ein maximales Maß an Chancen und Freiheit in der Wahrnehmung dieser Chancen ermöglicht.

Das ist ein Märchen. Alle sagen: Ihr seid freier, als ihr es jemals wart, ihr seid mündige Individuen. Aber wer fühlt sich heute wirklich frei? Meine Generation hat spätestens seit der Finanzkrise viel weniger Spielraum, das zu tun, was sie gerne tun würde. Für junge Menschen aus der Unter- und Mittelschicht schrumpft der Markt der Möglichkeiten stetig. Nur die Auswahl an schlechten Optionen nimmt zu. Wenn man die Wahl hat, sich zwischen zwei unterbezahlten Jobs zu entscheiden, dann hat das wenig mit Freiheit zu tun.

In Ihren Büchern argumentieren Sie, dass gerade die Selbstbestimmung von Frauen weiterhin stark eingeschränkt ist. Dabei hat der Feminismus bereits viel für die weibliche Selbstentfaltung getan. Würden Sie das bestreiten?

Nein, ich stelle allerdings entschieden infrage, ob diese vermeintliche Selbstentfaltung das Ende der Fahnenstange sein sollte. Individualität und Selbstverwirklichung zu ermöglichen, das allein hat erst mal nichts mit Freiheit zu tun – vor allem nicht für Frauen. Natürlich haben Frauen wie ich heutzutage viele neue Optionen, wir können Dinge tun, von denen unsere Großmütter und selbst unsere Mütter nur geträumt haben. Unter dem Strich bleibt aber auch festzuhalten, dass Frauen teilweise extrem unter dem neuen Fetisch der Individualisierung leiden.

Inwiefern?
Frauen wird heute in noch größerem Maße als früher weisgemacht, dass sie etwas Besonderes sein müssen, dass sie nur dann einen Wert haben, wenn sie sich selbst optimieren. Diesem Maßstab hecheln sie krampfhaft hinterher. Die Gesellschaft fordert sie auf, alle Parameter in ihrem Leben gleichzeitig maximal unter Kontrolle zu haben und in Einklang zu bringen: ihren Körper, ihre Karriere, die Beziehung, die Kinder. Die Propaganda ist immer die gleiche: Wenn du nur härter an dir arbeitest, dann wirst du ein erfülltes Leben führen. Und noch wichtiger: Du wirst geborgen sein und geliebt. Diesen Optimierungsdruck zu ertragen ist die Miete, die wir dafür zahlen, in einem weiblichen Körper durch die Welt zu gehen.

Das Ausleben des Ichs erfordert Ihrer Meinung nach für Frauen also besondere Anstrengung?

Mehr als das. Frauen wird von Geburt an beigebracht, sich selbst zu verleumden. Sie werden zur vollkommenen Aufopferung des Ichs erzogen, dazu, die Bedürfnisse anderer ernster zu nehmen als die eigenen. Gleichzeitig werden sie aber stets der Eitelkeit oder Frivolität bezichtigt, Selbstbesessenheit wird oft mit Frauen oder dem Femininen an sich verbunden. Dabei ist das Gegenteil der Fall: Wir werden dazu ermutigt, uns weniger um uns selbst zu sorgen und mehr für unsere Mitmenschen. Das ändert sich auch nicht dadurch, dass in den letzten Jahrzehnten verschiedenste Rechte für Frauen erstritten wurden.

Das klingt fast so, als würden Sie den Errungenschaften des Feminismus ihre Bedeutung absprechen ...

Das tue ich nicht. Ich sage aber: Forderungen nach Gleichberechtigung und Lohngleichheit können nicht den Kern des modernen Feminismus bilden. Sie sind wichtige Meilensteine, aber selbst wenn das Prinzip des gleichen Lohns für gleiche Arbeit universell umgesetzt würde, so wäre Frauen damit noch immer nicht abschließend geholfen. Denn das Recht auf gleiche Bezahlung ist im Kapitalismus des 21. Jahrhunderts im Endeffekt nichts anderes als ein Recht auf gleiche Ausbeutung. Man muss einen Feminismus entwerfen, der auf grundlegenderen Ideen sozialer Gerechtigkeit aufbaut – und allen Frauen Beachtung schenkt.

Ist das nicht bereits der Fall?
Nein, denn der Feminismus, dem in den letzten zwanzig Jahren Aufmerksamkeit geschenkt wurde, ist vor allem der Feminismus weißer, privilegierter Frauen aus der westlichen Mittel- und Oberschicht. Nur weil sich ein kleiner Prozentsatz von Frauen an der Spitze Emanzipation erkämpft, macht das das Leben für diejenigen am anderen Ende des wirtschaftlichen Spektrums noch lange nicht besser.

Mit welchen Problemen sollte sich der Feminismus Ihrer Meinung nach primär auseinandersetzen?

Der Feminismus muss antikapitalistisch sein und viel inklusiver werden, als er es bisher gewesen ist. Es muss vor allem um Strukturfragen, statt um kosmetische Verbesserungen gehen. Ein Beispiel: Hungern sich junge Frauen heutzutage bis zur Magersucht oder verletzen sie sich absichtlich selbst, dann wird das in der Öffentlichkeit oft als Folge einer überreizten Schönheitsindustrie abgetan. Die Frauen hätten zu viele Beauty-Magazine gelesen oder zu viel Zeit auf Instagram verbracht. Dabei sind all das Symptome von tiefgreifenden existenziellen Problemen. Es reicht nicht aus, alles auf die Wirtschaft und die PR-Branche abzuwälzen. Narrative zu Schönheit und Weiblichkeit, dazu wie eine Frau auszusehen hat, um Liebe verdient zu haben, existieren in der Modeindustrie, in den Medien, aber vor allem in den Köpfen und Herzen von Individuen und replizieren sich ständig.

Betreffen viele der Punkte, die Sie nennen – der Drang nach Selbstoptimierung, die Existenzangst –, nicht auch Männer?

Natürlich ist das 21. Jahrhundert auch für Männer eine schwierige Zeit, weil sich das Konzept der Maskulinität in einem dramatischen Umbruch befindet. Auch sie stecken in der Identitätskrise. Dem Thema habe ich in meinem Buch „Unsagbare Dinge“ das Kapitel „Verlorene Jungs“ gewidmet. Ich muss allerdings zugeben, dass ich seitdem weniger Lust habe, über Männerprobleme zu reden. Das liegt daran, dass ich tagtäglich verbal von wütenden und verbitterten Männern angegangen werde. Sie können sich nicht vorstellen, was teilweise in den E-Mails steht, die ich bekomme. Da lässt das Mitleid für die Probleme der Männerschaft selbstverständlich irgendwann nach.

Woher kommt diese männliche Wut Ihrer Meinung nach?

Die Wut ist legitim, aber sie bezieht sich eigentlich auf die größere soziale und ökonomische Struktur unserer Gesellschaft, die auch Männer Angst und Verletzlichkeit spüren lässt. Sie sind in einem patriarchalisch geprägten Umfeld erzogen worden und ihnen wurde weisgemacht, dass sie Macht haben und mindestens genauso gut wie ihre Väter leben werden. Diese Versprechen werden nun enttäuscht. Dann ist es eben wie immer: Man sucht sich Schuldige, und statt das System anzuprangern, wird eine andere Gruppe verantwortlich gemacht, in diesem Fall eben die Frauen, in anderen Fällen Migranten oder Geflüchtete.

Wenn Frauen und Männer heute mit denselben Identitätsproblemen in unterschiedlicher Ausprägung kämpfen, warum gelingt es dann nicht, im Kollektiv gegen die strukturellen Missstände anzugehen?
Weil es die große Stärke unserer kapitalistischen Gesellschaft ist, uns voneinander fernzuhalten. Diese Entfremdung von Individuen und Gruppen ist eine unglaublich starke psychologische Waffe. Wir werden kleingehalten, gegeneinander aufgehetzt und mit unseren Problemen isoliert, die doch eigentlich Probleme kollektiver Natur sind. Man macht uns weis, dass wir unsere Existenzängste mit Yogakursen oder Vollkornmüsli bekämpfen können. Das macht eine gemeinsame Antwort auf strukturelle Ungerechtigkeit schwierig. Es gibt heute acht Milliarden Menschen auf der Welt, aber im Grunde fühlen wir uns alle einsamer als jemals zuvor.




Das Interview führte Kai Schnier

Laurie Penny, 1986 in London geboren, ist Journalistin und feministische Aktivistin. Sie schreibt regelmäßig für die politische Wochenzeitung New Statesman und ist Autorin mehrerer Bücher zum Thema Feminismus. Penny lebt in London.

Veröffentlichungen von Laurie Penny:

Babys machen und andere Storys
(Edition Nautilus, Hamburg, 2016).

Unsagbare Dinge. Sex, Lügen und Revolution
(Edition Nautilus, Hamburg, 2015).

Fleischmarkt. Weibliche Körper im Kapitalismus
(Edition Nautilus, Hamburg, 2012).

 

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