Die ultimative Rache

Franco Berardi, Ausgabe IV/2016, Ich und alle anderen



Warum immer mehr junge Menschen sich und andere umbringen von Franco Berardi

Ende Juni 2016 drang der 17-jährige Palästinenser ­Muhammad Nasser Tarayra nachts in ein Wohnhaus in Kirjat Arba ein und erstach ein 13-jähriges israelisches Mädchen, das in seinem Bett schlief. Wenige Augenblicke später tötete ein Soldat den jungen Mörder.
Seit einiger Zeit wiederholen Palästinenser jeglichen Alters eine Tat, die nach jeder militärischen und politischen Logik unerklärlich scheint: Mit einem Küchenmesser verlassen sie ihre elenden Behausungen und stürzen sich auf den erstbesten israelischen Staatsbürger, der ihnen über den Weg läuft, in dem – meist erfolglosen – Versuch, ihn umzubringen. Dabei handelt es sich nicht um einen Aufstand, um einen kollektiven politischen Akt, sondern um das, was man auf Englisch „suicide by cop“ nennt. Der sehr junge Tarayra hat seine Tat selbst klar und deutlich erklärt, indem er auf seinem Facebook-Profil folgende Worte schrieb: „Death is a right, and I demand this right.“
Brauchte es klarere Worte, um uns verständlich zu machen, wie der Terrorismus beschaffen ist, der das Gewebe der gegenwärtigen Gesellschaft zerreißt? Er entsteht aus dem Leiden eines wachsenden Anteils der Menschheit, vor allem der – nicht nur arabischen oder islamischen – Jugend. Dieses Leiden treibt immer mehr Menschen in den Selbstmord als eine Fluchtlinie aus der Hölle der kolonialistischen Demütigung, des Großstadtelends und der Unsicherheit.
Für das fortschrittliche und rationale Denken ist es schwer zuzugeben und erst recht zu verstehen, aber in den vergangenen 15 Jahren ist Selbstmord der Hauptakteur auf der internationalen Bühne gewesen und ist dies weiterhin. Seitdem an einem Septembermorgen im Jahr 2001 19 junge Araber mit entführten Linienflugzeugen auf Gebäude der wirtschaftlichen und militärischen Macht der USA Kurs nahmen, ist der Selbstmord die treibende Kraft der Zeitgeschichte geworden. In der Nacht vor ihrer Tat mögen Mohammed Atta und seine 18 Gefährten an Allahs Paradies gedacht haben, für das sie bestimmt waren, oder an den Ruhm von bin Ladens Kalifat – niemand kann das wissen. Doch sicher haben sie an ihr Leben als Zwanzigjährige gedacht, das bald zu Ende gehen würde. Es handelte sich um Terrorismus, das steht außer Frage, aber zuallererst handelte es sich um Selbstmord. Und wenn wir die steigende Welle des nicht nur islamistischen, sondern auch einfach psychopathischen Terrorismus in den Griff bekommen möchten, müssen wir über Selbstmord, Depression, grassierende Angstpsychosen sprechen.

Im Sommer 2016 hat Europa definitiv erlebt, dass das eigentliche Problem weder ideologisch noch religiös ist, sondern im Wesentlichen psychotisch. Der LKW-Fahrer, der neunzig Menschen in Nizza mit seinem in die Menge rasenden Lastwagen getötet hat, war nicht Allah ergeben und auch kein Ideologe, sondern nur ein von Schulden und Depression verfolgter, gescheiterter Macho. Ähnlich ist der Fall des jungen Mannes, der in München die Leute in ein Fast-Food-Restaurant eingeladen hatte, um auf sie zu schießen, und jenes anderen Mannes, der ein Sprengstoffattentat auf ein Musikfestival in Ansbach geplant hatte und dann vergaß, eine Eintrittskarte zu kaufen, weshalb er nicht auf das Festivalgelände gelassen wurde und sich davor in die Luft sprengte. Ist es nicht ganz offensichtlich, dass es sich hier um Menschen handelt, die psychiatrische Hilfe brauchen? Das Problem ist leider, dass mittlerweile die Mehrzahl der Menschen psychiatrische Hilfe bräuchten, leben sie doch in einer Welt, den der Marktradikalismus in einen permanenten Kampfplatz aller gegen alle verwandelt hat, in einen Ort, von dem die Solidarität verbannt und an dem Empathie unmöglich ist.
Der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge ist die Selbstmordrate in den vergangenen vierzig Jahren weltweit um sechzig Prozent gestiegen. Was ist in diesen vierzig Jahren geschehen, was diesen dramatischen Anstieg der Selbstmorde erklären könnte?
Zwei Antworten kommen mir in den Sinn: Zum einen wurde vor vierzig Jahren ein soziales Experiment gestartet, das die menschlichen Beziehungen rapide veränderte und die soziale Gemeinschaft zutiefst zersetzte, indem es die Individuen in einen Zustand der Isolation, der Unsicherheit und des permanenten Konkurrenzkampfs versetzte. Dieses Experiment trägt den Namen Neoliberalismus. Die Person, die es zuerst durchsetzte, gewann die Wahlen in England mit dem Ausspruch: „Es gibt keine Gesellschaft, es gibt nur Individuen und Familien.“ Der Thatcherismus ist dann unanfechtbares Dogma für die politische Schicht der ganzen Welt geworden. Die zweite Antwort betrifft die technischen und kommunikativen Veränderungen: In den vergangenen Jahrzehnten wurde die zwischenmenschliche Kommunikation allmählich durch die Verbreitung miteinander vernetzter Maschinen transformiert, deren Hauptfunktion darin besteht, den Austausch von Informationen auf Distanz zu ermöglichen sowie das Abwickeln komplexer Produktions- und Kommunikationsabläufe ohne die Notwendigkeit, dass sich die Körper im Raum begegnen.
Diese Innovation hat mit der Zeit die Fähigkeit der Menschen ausgehöhlt, emotional die Gegenwart des anderen zu spüren, während der Konkurrenzkampf jedem Individuum die Überzeugung eingeimpft hat, dass das Leben nur für die Sieger einen Wert habe. Doch nur manche siegen, und die große Mehrheit der Spielteilnehmer lebt in Verhältnissen der Frustration, der Demütigung und wachsenden Elends. Es ist also nicht überraschend, dass die sozial schwächsten Subjekte immer häufiger den Tod ersehnen. Der Selbstmord erscheint als Befreiung und zugleich als Rache, als todbringende Aggression gegenüber den Verantwortlichen für einen Schmerz, dessen Ursachen schwer zu ergründen sind.
Die epidemische Zunahme derer, die in den letzten Jahren in der weißen Mittelschicht Amerikas an einer Drogenüberdosis starben, ist ein weiteres Indiz für diese Selbstmordwelle, und Donald Trumps Erfolg erklärt sich vielleicht genau daraus: Eine sozial verarmte und psychisch niedergeschlagene Masse findet in der schwachsinnigen Gewalt eines rassistischen Milliardärs den letzten identitären Halt, die letzte Alternative zum Selbstmord.

In den frühen 1980er-Jahren lebte ich in der Lower East Side von Manhattan. 1977 hatte New York seinen Bankrott erklärt: Die Industrie, die der Stadt Arbeit und Identität gegeben hatte, zog ab. Ganze Viertel waren verlassene Friedhöfe, verödete Fabriken, leere Lagerhallen. Doch ein weitsichtiger Bürgermeister namens Ed Koch hatte eine brillante Idee: Er lud Künstler aller Länder ein, nach New York zu kommen. Und sie kamen in Scharen und machten sich daran, diese verlassenen Orte umzugestalten, sie in Labore freien Lebens zu verwandeln. Musiker, Graffiti-Künstler, technische Experimentatoren und Dichter machten aus der Stadt eine Art Brutkasten für die mögliche Zukunft.
Dann kam Aids. Die Dinge sind immer komplizierter, als wir sie erzählen, aber dies ist die Art, wie ich den innersten Kern des digitalen Wandels erzähle: Das Acquired Immune Deficiency Syndrome (englisch für „erworbenes Immundefektsyndrom“) warf unsere Selbstwahrnehmung über den Haufen, es brachte die Gemeinschaft, die zwei Jahrzehnte egalitäre erotische Freundschaften durchlebt hatte, in Unruhe und löste sie schließlich auf.
Depression kann als eine Lage beschrieben werden, in der der bewusste Organismus die Fähigkeit verliert, Sinn in der ihn umgebenden Welt zu finden. Der Sinn liegt nämlich weder in den Dingen noch in den Sprachzeichen: Er erwächst aus dem Gespräch, wobei er im unsicheren Austausch der Gesten von einer Deutung zur anderen gleitet. Weil der Sinn sich also erst in der Beziehung formt, löst sich die Möglichkeit des Sinns auf, wenn die Gemeinschaft der Körper zerbröckelt: Hier haben wir den Anfang der Depression.
Die digitale Technologie nun verbreitete sich in dem Jahrzehnt, das auf die Aids-Epidemie folgte. Auch wenn es durch Sexualkontakt verursacht wird, war Aids vor allem eine massenmediale und psychische Epidemie. Was Aids außer einem Retrovirus verbreitete, war die Angst vor Kontakt. Als Körperkontakt mit anderen eine Gefahr wurde, als sich im Unbewussten diese Wahrnehmung ausbreitete, wanderte die Kommunikation von der Sphäre der Verbundenheit in die Sphäre der Vernetztheit.
Die neoliberale Ideologie ist voller individualistischer Rhetorik, doch in Wahrheit zerstört sie die individuelle Freiheit. In der Sphäre des Neoliberalismus hängen Konkurrenzkampf und Konformismus eng zusammen, Ersteres kann nicht ohne Letzteres bestehen und umgekehrt. Die Individuen sind keine Subjekte, die autonome Lebensprojekte verfolgen, sondern Fraktale, Bindeglieder, die sich gänzlich über Schnittstellen verknüpfen müssen, um funktional zu sein, um nach ihrem einzig anerkannten Maßstab etwas hervorbringen zu können – dem der Wirtschaftlichkeit. Der Produktionsprozess der heutigen postfordistischen Zeit basiert auf der ständigen digitalen Verknüpfung unzähliger Segmente nervlicher Aktivität, die das Netz auf abstrakte Art neu kombiniert. Das soziale Gefüge gleicht nicht mehr, wie noch in der vergangenen Epoche der Moderne, einer Sphäre bewusster, konfliktgeladener, freundschaftlicher und erotischer Beziehungen von Menschen, die sich relativ frei wählend fleischlich und sozial verbanden. Nun hat die digitale Verbindung den Platz der analogen Verbindung der Menschen eingenommen, und die Vernetzung gründet nicht auf der Unbestimmtheit menschlichen Wählens, sondern auf dem technischen Determinismus des Codes. Deshalb hat das neoliberale Individuum keinerlei Möglichkeit, frei über sein eigenes Schicksal zu entscheiden: Die digitale Vernetzung codiert und kodifiziert rigoros das soziale Leben, in dem die Sphäre der Arbeit derart neu zusammengesetzt wird, dass alles prekarisiert wird. 
Einer der großen Schriftsteller unserer Zeit, Jonathan Franzen, beschäftigt sich in seinen Romanen genau mit dieser traurigen Freiheit, die einen codierten und unausweichlichen Determinismus verbirgt. In seinem ersten Erfolgsroman „The Corrections“ (deutsch „Die Korrekturen“) sprach Franzen vom Zerfall des amerikanischen Hirns; in seinen folgenden Büchern, insbesondere in seinem jüngsten, „Purity“ (deutsch „Unschuld“), spricht Franzen vom digitalen Selbst, das von den Resten menschlicher Empathie, von Mitleid und Solidarität gereinigt werden muss, wenn es nicht in den Sog des Elends und des Scheiterns geraten will. Die soziale Beziehung ist automatische Vernetzung von Fragmenten ohne Autonomie, und der individualistische Narzissmus ist eine kalte Zurschaustellung von Ohnmacht. Diese Dynamik setzte sich in der Ära Margaret Thatchers und in den Aids-Jahren in Gang.

Werfen wir einen Blick nach Japan, denn was auf diesem äußersten Zipfel der Welt geschieht, nimmt häufig Tendenzen vorweg, die sich dann allgemein verbreiten. In Japan begann die Deflation zwanzig Jahre früher als in den anderen Ländern der Welt. Der Selbstmordtrend, der heute überall durchbricht, zeigte sich dort einige Jahrzehnte vorher. Heute las ich folgende Nachricht: Zwei Drittel der dreißigjährigen Japaner erklärt, nie eine sexuelle Begegnung gehabt zu haben und auch keinerlei Lust zu haben, eine anzubahnen. Die Männer investieren ihre wenige Freizeit lieber in das sogenannte „homosocial drinking“, das Feierabendbier in reinen Männerrunden: Angestellte trinken mit denselben Angestellten, mit denen sie den Tag im Büro verbracht haben. Aus einer Umfrage der Firma Durex geht hervor, dass der Pfizer-Konzern, der Tadalafil und andere Potenzmittel produziert, seine Lieferungen an den japanischen Vertreiber reduziert habe, da die Verkäufe deutlich niedriger seien als erwartet, und dies nicht, weil das Problem der Impotenz überwunden wäre: Ein Bericht des japanischen Gesundheitsministeriums enthüllt, dass es in einem Drittel der Ehen keinen Sex gibt.
In den 1990er-Jahren sprach man erstmals von virtueller Realität, und schnell zog das Internet Investitionen, Forschung und die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich. Inzwischen haben sich die immersiven Technologien, die es uns erlauben, immer tiefer in virtuelle Welten einzutauchen, enorm perfektioniert, und im Sommer 2016, während eine Welle von Selbstmordattentaten durch Europa rollte, lancierte der Nintendo-Konzern mit großem Medienrummel Pokémon Go. Der Hype um das Spiel gehört zu einem fortschreitenden Phänomen der Infantilisierung: Wie sich in vielen Ländern der Welt das Bürgertum in Gated Communities mit bewaffneten Wachen am Eingang zurückzieht, um der grassierenden Kriminalität zu entgehen, so erlauben uns auch die Technologien der Virtual Reality und der Augmented Reality das immer tiefere Eintauchen in fiktive Welten: Wir identifizieren uns immer stärker mit den Scheinwelten, ziehen uns schließlich in die Gated Community der Simulation zurück.
Die Worte, die Morpheus in der zentralen Szene des Films „Matrix“ an Neo richtet, scheinen vorwegzunehmen, was wir gerade erleben: „Die Matrix ist überall. Sie ist überall um uns herum, sogar jetzt in diesem Raum. Du kannst sie sehen, wenn du aus dem Fenster schaust oder wenn du das Fernsehen anmachst. Du kannst sie fühlen, wenn du zur Arbeit gehst, wenn du zur Kirche gehst, wenn du deine Steuern bezahlst. Es ist die Welt, die dir vor Augen geführt wurde, um dich für die Wahrheit blind zu machen.“



Franco „Bifo“ Berardi, geboren 1948 in Bologna, ist Schriftsteller und Philosoph. Während seines Studiums der Ästhetik an der Universität Bologna Ende der 1960er-Jahre schloss er sich der außerparlamentarischen Organisation Potere Operaio an.
1977 geht er nach Paris und arbeitet zusammen mit Félix Guattari im Feld der Schizolyse, einer alternativen Psychoanlayse. Er ist Gründer des Fernsehsenders Orfeo TV und Mitglied der Bewegung Demokratie in Europa 2025. Berardi lebt
in Bologna.

Aus dem Italienischen von Miriam Bitter

Veröffentlichungen von Franco Berardi:

Helden. Über Massenmord und Suizid (Matthes & Seitz, Berlin, 2016)

AND.Phenomenology of the End (Semiotext(e), Los Angeles, 2015)

Der Aufstand.  Über Poesie und Finanzwirtschaft (Matthes & Seitz, Berlin, 2015)

 

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