Gurken auf gebuttertem Weißbrot

Timothy W. Donohoe, Ausgabe I/2010, Großbritannien



Eine Liebeserklärung an die englische Küche

Jedes Mal, wenn ich eine Reise nach England plane, läuft mir schon beim Kofferpacken das Wasser im Mund zusammen. Ein herzhafter Teller mit bangers, mash and mushy peas (frittierten, weichen Würstchen, Kartoffelbrei und Stampferbsen), alle schwimmend in brauner Soße, bitte sehr! Oder Stücke von Red Leicester, Gloucester und Cheshire Käse, umrahmt von Sahnecrackern. Wahnsinn! Oder ein saftiger Lammbraten mit Minzgelee, Petersilienwurzel in Sahnesoße und leckeren Mehlklößen. Überwältigend!


Nach meiner Ankunft wähle ich ein komplettes fry-up (englisches Frühstück): Würstchen, reichlich umgeben von dicken Schinkenspeckscheiben, Blutwurst, Spiegeleiern und gegrillten Tomaten. Daneben ein Auflaufförmchen mit gebackenen Bohnen, ein Korb mit knusperdünnem Toast und kleinen Sauerteigfladen, darauf weiche Butter und Bitterorangenmarmelade mit großen Fruchtstücken. Herrlich, wie Eier, Bohnensoße und Tomatensaft ineinanderrinnen, sich mit den Würstchen vereinigen und so die perfekte Melange ergeben. Dazu trinke ich einen starken englischen Frühstückstee. Nach diesem Start bin ich bereit, ein Empire zu gründen.


In Großbritannien gibt es für jedes Magenknurren eine Mahlzeit. Die Elevenses, die dritte der Hobbit-Mahlzeiten aus J. R. Tolkiens „Herr der Ringe“, helfen am besten gegen den Vormittagshunger. In einer Konditorei nehme ich eine Portion scones, clotted cream, strawberry jam und Banburry Cakes (Hefegebäck, gekochte Sahne und Erdbeermarmelade sowie Kekse mit Johannisbeerfüllung).


Cricketpartien werden traditionell um 12.30 Uhr für eine Stunde Mittagspause unterbrochen. Genauso mache ich es. In einem Wirtshaus wähle ich eine traditionelle Pflüger-Platte, die knuspriges Graubrot, Stilton Käse, ein Solei in Essig, eingelegte Zwiebeln und Rote-Beete-Salat vereint. Köstlich! Ich lege William Langlands allegorische Dichtung „Piers der Pflüger“ neben mich, um zu sehen, ob die Bedienung den Wink kapiert. Ein Starkbier spült alles hinunter. Am Nachmittag packt mich die Lust auf Kartoffelchips und ein kaltes Dosengetränk. Ich bevorzuge die klassische Variante mit Salz und Malzessig und trinke dazu Apfelwein. Cheers! Um Punkt fünf Uhr esse ich Gurken auf gebuttertem Weißbrot wie Oscar Wildes Figur Lady Bracknell in „Bunbury“. Dazu genehmige ich mir Earl Grey aus einer feinen Porzellantasse und stelle mir vor, wie Oscar Wilde im Hintergrund kichert. Zum Abendessen gibt es Herzmuscheln als Gaumenkitzler. Ich denke an die Szene in Virginia Woolfs Roman „Orlando“, in der sie den Leser in ein kleines Muschelboot versetzt. Aal in Aspik unterbricht meinen Gedankenstrom, ein traditionelles Gericht der Londoner Arbeiterklasse, nach Belieben mit Chili-Essig zu würzen. 


Shakespeare scherzt in „Wie es euch gefällt“: „Ich bin ein großer Rindesser und ich glaube, dies schadet meinem Geist.“ Dennoch bin ich bei der Wahl des Hauptgerichts hin- und hergerissen. Rinderfilet mit Gänseleberpastete und Pilzfarce im Blätterteigmantel oder ein pikanter Teig-auflauf mit Rindersteak- und Nierenragoutfüllung? Be-ef Wellington trägt den Namen des Napoleon-Bezwingers, doch man munkelt, das Rezept sei den Franzosen entwendet worden. Also entschließe ich mich für den ehrwürdigen Auflauf. George Orwell beklagte in „Die Freuden der Kindheit“, dass ihm im Internat zu viel gekochte Lunge vorgesetzt wurde, aber für meine Begriffe verstehen die Engländer etwas von Innereien. Das Empire mag verblasst sein, aber das, was es wachsen ließ, ist noch zu finden.


Zum Auflauf bestelle ich einen Wrotham Pinot. Vor 2000 Jahren brachten die Römer den Weinstock auf die Insel, doch lange war das Getränk in England gleichbedeutend mit Holunderbeerfusel. Gleichwohl lässt der Dichter Geoffrey Chaucer in den „Canterbury Tales“ den Vogt für einen Viertel Roten hinnehmen, dass ein anderer Bursche bei seiner Gefährtin liegt. Zum Nachtisch wähle ich Mincemeat Pie, einen Kuchen mit trockenen Früchten, den schon Heinrich VIII zu Weihnachten genoss. 


Nach einer langen Nacht in der Stadt ist es Zeit für einen Mitternachtshappen. Die als Chipper bekannten englischen Bratfischläden wurden bereits in Charles Dickens’ „Oliver Twist“ erwähnt. Ich nehme cod and chips, extra knusprig, großzügig gesalzen und mit Malzessig besprenkelt. Kabeljau war schon immer der englische Lieblingsfisch. Sir Arthur Conan Doyles „Sherlock Holmes“ mag Tage ohne Essen ausgekommen sein, ich aber überlege schon, was es morgen Leckeres gibt. Vielleicht einen Fleischkuchen mit Kartoffelkruste? Oder Feldhase im Römertopf? Ich streiche zufrieden über meinen Bauch: Bei solcher Kochkunst wird es immer ein England geben. Cheerio!

Aus dem Englischen von Adina Mohr

 

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