Schweigen im Walde

Tanja Kunesch, Ausgabe IV/2016, Ich und alle anderen



Die buddhistische Lehre ist in Thailand tief im Alltag verankert – aber auch Ausländer sind in vielen Klöstern willkommen von Tanja Kunesch

„Eigentlich wollte ich nur für sieben Tage ins Kloster gehen. Aber als ich dort meinen Frieden und wahres Glück gefunden habe, habe ich meine Meinung geändert“, erzählt Abt Luang Ta im Waldkloster Wat Pa Tam Wua im Norden Thailands. Er ist seit 43 Jahren Mönch. Wie für ihn vor vier Jahrzehnten, ist es auch heute noch für viele Thailänder üblich, an ihren freien Tagen in Kloster zu gehen, um zu meditieren und den Mönchen Essensgaben zu reichen. Im Waldkloster, das der heutige Abt Luang Ta 1993 gründete, leben derzeit zwölf Mönche. Bis zu sechzig Laien kommen auf Zeit hinzu. Hier lernt man Vipassana, die Einsichtsmeditation. Sie soll dabei helfen, den Geist zur Ruhe zu bringen und von schädlichen Gedanken zu reinigen. Die Besucher kommen aus dem Inland und der ganzen Welt: junge Backpacker aus dem Westen ebenso wie Menschen aus anderen asiatischen Staaten. 140 Länder sind im Gästebuch verzeichnet. Bei meinem Besuch treffe ich eine Chinesin, die nach dem Tod ihres Mannes bereits zum dritten Mal mit ihrer Tochter angereist ist. Sie versteht kein Wort Thai oder Englisch, aber es genügt, dass ihre Tochter ihr die wichtigsten Anweisungen ins Ohr flüstert.

Das Waldkloster ist auch für Meditationsanfänger wie mich geeignet: Man muss sich nicht im Voraus zu einem zehntägigen Kurs verpflichten, wie es sonst oft üblich ist, und die Regeln sind weder zu lasch noch zu strikt. Männer und Frauen sind beim Schlafen und Meditieren getrennt. Schweigen ist kein Muss, doch reden sollte man maßvoll. Am Ende des Aufenthalts bittet das Kloster lediglich um eine Spende.

Der Tag im Kloster beginnt morgens um 5 Uhr. Aufstehen, meditieren. Um 6:30 Uhr treffen sich alle Laien in der Haupthalle, um den Mönchen Reis für das Frühstück anzubieten, eine Tradition, die man in ganz Thailand morgens auf den Straßen sieht. Anschließend gibt es Reis und einen Curry-Eintopf. Nach dem Frühstück spricht einer der beiden Lehrmönche vom Dhamma, der Lehre Buddhas. Dann geht es im Gänsemarsch zu einer ­„Walking Meditation“ durch den Garten. Es folgt eine weitere Stunde Meditation im Sitzen und schließlich im Liegen. Um 10:30 Uhr reichen wir den Mönchen das Mittagessen und nehmen unsere letzte Mahlzeit des Tages ein. Wer hungrig ist, bekommt allerdings Snacks am Eingang des Klosters. Um 13 Uhr trifft man sich erneut zum Meditationsunterricht, danach wird geputzt. Um 18 Uhr kommen alle für das „Evening Chanting“ zusammen, bevor vor dem Schlafengehen noch einmal meditiert wird. „Meditation wird euren Geist glücklich machen“, sagt Abt Luang Ta und lächelt.

Tanja Kunesch ist freie Journalistin und lebt in Berlin.

 

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