Kulturgüter gehören nicht den Mächtigen

Burhan Sönmez, Ausgabe IV/2016, Ich und alle anderen



Nach dem vereitelten Militärputsch werden viele Künstler und Wissenschaftler in der Türkei verfolgt. Was bedeutet das für den Kulturdialog zwischen Europa und dem Land am Bosporus?



Seit dem gescheiterten Militärputsch Mitte Juli 2016 hat die Regierung in Ankara Dutzende türkische und kurdische Journalisten und Autoren verhaftet und viele Verlagshäuser und Zeitungen geschlossen. Europäische Schriftstellervereinigungen, die im internationalen PEN organisiert sind – darunter das deutsche, das englische und das dänische Zentrum, waren zusammen mit Reporter ohne Grenzen die ersten, die dagegen protestierten. So reagierte der PEN auch auf die Festnahme der türkischen Schriftstellerin Asli Erdogan und der Linguistin Necmiye Alpay in Istanbul. Ob es um politische oder unpolitische Themen geht, Organisationen wie der PEN knüpfen fortwährend Netzwerke zwischen verschiedenen Kulturen. In unserer Zeit ist es wichtig, immer wieder aufzuzeigen, dass Kultur mehr ist als nationale oder religiöse Identität.

In der Türkei ist der Begriff „interkultureller Dialog“ in den vergangenen Jahren missverständlich verwendet worden. Religiöse Gruppen haben ihn für sich vereinnahmt und meinten damit den interreligiösen Dialog. Aber es ist problematisch, die Kultur zur Domäne der Religion zu erklären. Das riesige Universum der Kultur ist nicht mehr sichtbar, wenn ihr reiches Potenzial derart eingeengt wird. Seit Anbeginn der Zivilisation befinden wir uns auf der gesamten Welt durch Literatur, Wissenschaft, Sport, Musik, Filme, Mode, Kochkunst und vieles mehr in interkulturellen Beziehungen. Vor einigen Jahren nahm ich an einer Veranstaltung in Cambridge teil, wo jeder von einer Erzählung aus seiner Kultur berichten sollte. Gleich mehrere Personen – darunter welche aus Indien, Iran und der Türkei – beanspruchten dabei Nasreddin Hoca für sich – einen weisen Narren, der oft mit Till Eulenspiegel verglichen wird.

Ein anderer Fehler, dem heutzutage viel öffentliche Aufmerksamkeit widerfährt, ist, die Kultur als nationale Identität zu begreifen. Staaten sind nicht beschränkt auf eine einzige, das ganze Volk einende Kultur, deshalb können Einflüsse von jenseits der eigenen Grenze auch nicht an einer solchen nationalen Kultur abprallen. Kulturen wandeln sich von Region zu Region, wie auch von Generation zu Generation. Wer würde behaupten wollen, dass Eltern und Kinder die gleiche Musik hören oder die gleichen Filme mögen?

Die kulturellen Beziehungen zwischen der Europäischen Union und der Türkei sind in Gefahr, weil sie von den politischen Interessen der Regierungen instrumentalisiert werden. Kulturgüter sind aber keine Besitztümer der politisch Mächtigen. Regierungen und Staatenverbünde sollten die Schaffung von Kulturgütern fördern und ihren Austausch unterstützen, statt Mauern zu errichten.
Es ist bekannt, dass nach dem Ende des Kalten Krieges der Kulturalismus zur neuen politischen Ideologie avancierte. Danach wird die Identität von Menschen nicht dadurch bestimmt, wie sie denken oder arbeiten oder welcher gesellschaftlichen Klasse sie angehören, sondern durch ihre ethnische Zugehörigkeit. Kultur definiert sich hier in erster Linie durch Herkunft.

Viele Staaten und Regierungen nutzen diese Ideologie heute als Werkzeug für ihre politischen Zwecke. Ein Beispiel dafür konnte man auf türkischer Seite Anfang September beobachten: Der türkische Ministerpräsident Binali Yildirim verkündete, dass die Theatersaison an den türkischen Staatsbühnen nur mit Stücken türkischer Autoren eröffnet werde. Durch die Aufführung von ausschließlich heimischen Stücken glaubt man wohl, die Liebe der Bürger zur Heimat steigern zu können.

In der Türkei ist diese Konzentration auf die eigene Kultur und Identität auf dem Vormarsch. Aber dieser Weg führt sowohl im Geiste als auch im echten Leben in die Isolation. Man sieht nicht, dass Kulturen nur durch den Austausch mit anderen existieren können. Sonst gäbe es keinen Fortschritt. Durch das Lesen der Werke des Engländers William Shakespeare, des Arabers Nagib Mahfuz oder auch des Türken Orhan Pamuk in anderen Ländern fließen die Kulturen und überwinden religiöse und politischen Grenzen.

Dies zeigt, wie wichtig die Funktion transnationaler Organisationen wie der des PEN und internationaler Buchmessen ist. Es sollte mehr interkulturelle Veranstaltungen und mehr Austausch über Kunst, Film und Theater geben. Auch der Sport spielt hier eine bedeutende Rolle. Hierfür sollten sich Einzelne und Gemeinden stärker einsetzen und die Regierungen sollen mehr finanzielle Mittel zur Verfügung stellen.



Aus dem Englischen von Karola Klatt

Burhan Sönmez, geboren 1965 in Zentralanatolien, ist ein türkisch-kurdischer Schriftsteller und Menschenrechtsanwalt. Er ist Gründungsmitglied des Writers Circle des PEN International und lebt in Cambridge und Istanbul.

 

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