„Ein Atlas der Unfreiheit"

Kai Schnier, Ausgabe IV/2016, Ich und alle anderen



Halb verbrannte Fotos, Satellitenbilder, Illustrationen – der „Fluchtatlas“
der Studentinnen Laura Markert, Yvonne Moser und Lilli Scheuerlein vereint
persönliche Fluchtgeschichten mit Grafikdesign und Statistik.
Ein Gespräch

Wann haben Sie sich zum ersten Mal konkret mit dem Thema Flucht beschäftigt und wann kam Ihnen der Gedanke, dazu ein Buch zu veröffentlichen?
YVONNE MOSER: 2014 habe ich für ein Uni-Fotoprojekt Menschen auf der Straße angesprochen. Darunter war auch eine 16-jährige Somalierin. Im Fotostudio kamen wir ins Gespräch und sie erzählte, dass sie aus ihrer Heimat geflohen und erst seit zwei Monaten in Deutschland sei.
LAURA MARKERT: Ihre Geschichte hat uns alle sehr berührt. Wenig später begann dann die „Flüchtlingskrise“, und die Idee, ein Projekt zu dem Thema zu machen, wurde konkreter.

Herausgekommen ist kein simpler Fotoband, sondern ein Atlas. Wieso wählten Sie dieses Format?
LILLI SCHEUERLEIN: Wir studierten damals alle drei Kommunikationsdesign an der Universität Würzburg. Es war also klar, dass das Projekt etwas mit Grafik zu tun haben würde. Die Idee, einen „Fluchtatlas“ zu entwerfen, fiel dann aber aus inhaltlichen Gründen.
YVONNE MOSER: Für uns als Deutsche stehen Atlanten ja symbolisch für eine gewisse Freiheit. Wenn wir in einem Atlas blättern, dann ist es fast egal, wo wir mit dem Finger hinzeigen: An diesen Ort auf der Welt können wir reisen. Der „Fluchtatlas“ sollte diesen Gedanken umkehren. Was ist eigentlich mit denjenigen, die dieses Privileg nicht genießen? Für sie ist ein Atlas womöglich eine Erinnerung an all die Orte, an die sie gerne gehen würden, aber nicht können. Der „Fluchtatlas“ ist also in gewisser Weise ein Atlas der Unfreiheit.

Ihr Atlas enthält nicht nur Landkarten, sondern aucb Illustrationen, Porträtfotos und sogar Textausschnitte aus Gesprächen mit Geflüchteten. Was war die Idee dahinter?
LAURA MARKERT: Einerseits wollten wir den Statistiken, die uns ständig in den Medien begegnen, Gesichter geben, die Geflüchteten also nicht nur als anonyme Masse begreifen. Andererseits galt es, nicht zu persönlich zu werden. Geflüchtete erzählten uns bei der Recherche oft schockierende Geschichten ...
LILLI SCHEUERLEIN: ... Ein junger Afghane berichtete etwa davon, wie er eine schwangere Frau auf dem Rücken durch die Berge trug, als ihr Mann beim Klettern abrutschte und in den Tod stürzte. So einer persönlichen und tragischen Geschichte wollten wir kein Porträtbild zuordnen.

Wer den Atlas aufschlägt, stellt fest: Das Endprodukt ist ästhetisch ansprechend gestaltet – fast wie ein Designkatalog. Darf ein Buch zum Thema Flucht so „schön“ sein?

YVONNE MOSER: Die Frage hat uns durch die ganze Produktion begleitet. Natürlich ist uns als Gestalterinnen grundsätzlich am Design gelegen, aber die ersten Entwürfe sahen tatsächlich oft zu schön aus. Wir haben uns dann im Endeffekt für einen sehr minimalistischen Stil entschieden, haben einfache Schriftarten und Grafiken benutzt und versucht, ein Design zu finden, das weder den Zeigefinger hebt, noch zu bieder daherkommt. Ganz ohne Gestaltungselemente wollten wir dann aber auch nicht arbeiten. Am Ende des Tages soll der Atlas ja auch von Menschen gekauft und gelesen werden.



Das Interview führte Kai SchnierFluchtatlas. Gefangen in der Freiheit. Von Laura Markert, Yvonne Moser und Lilli Scheuerlein. Büchergilde, Frankfurt a. M., 2016.

 

 

 

 

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