Editorial

Jenny Friedrich-Freksa, Ausgabe III/2016, Das neue Italien



Italien ist das schönste Land der Welt. Die Italiener wissen das seit Langem, die meisten Menschen ahnen es – ich habe es verstanden, als ich einmal für ein paar Monate in Rom lebte. Alles, was man sich unter einem herrlichen Leben vorstellt, ist schon dort: il sole, i gladiatori, un aperitivo alle cinque.
Unsere letzten Länderhefte haben sich oft mit Staaten beschäftigt, in denen große Unruhe herrscht oder die in den internationalen Beziehungen für Aufruhr sorgen: Russland, Israel, Iran. Überhaupt ist derzeit so viel Furchtbares auf der Welt zu beobachten, dass man mit dem Berichten und Erzählen darüber kaum nachkommt. Wir sehnen uns mit dieser Ausgabe über Italien also auch ein bisschen nach dem Schönen zurück. Und schauen auf ein Land, dessen unzählige Kirchen, Säulen und Palazzi eine vielfältige Geschichte atmen, von den Etruskern über die Antike, die Renaissance und den Barock hin zum Futurismus des 20. Jahrhunderts und zum modernen italienischen Design.
Politisch ist Italien heute ein Land, das nach fast zwanzig Jahren Brot und Spielen unter Berlusconi seit 2014 von dem jungen Regierungschef Matteo Renzi regiert wird, der, nun ja, aufräumen will. Der Philosoph Antonio Negri und die Autorin Dacia Maraini diskutieren in dieser Ausgabe Renzis Reformpolitik: „Er ist überheblich, unbekümmert und setzt sich nicht mit seinen Kritikern auseinander“, sagt Maraini, aber auch: „Italien war reformunfähig und Renzi hat den Stillstand überwunden.“
Wir schauen auf das alte Italien, die Mafia und den Katholizismus, wir schauen auf die Sehnsucht nach dem Süden, die deutsche Dichter besingen, auf die herrliche italienische Küche, die uns die Köchin Rosanna Marziale erklärt, und auf das neue Italien, die Afroitaliener, die nicht ankommen dürfen in der Gesellschaft, auf die Flüchtlinge, die vor Italiens Küsten ertrinken und von denen sich die Fische im Mittelmeer ernähren, wie der Autor Erri De Luca es beschreibt.
Italien hat viele eigene Probleme, aber auch viele Sorgen, die die Sorgen aller Europäer sind. Insofern hoffen wir, dass der Aufbruch dieses europäischen Landes gelingt und dass das, wofür Italien steht – Schönheit, Kultur und  Zivilisation –, unsere nächsten Jahre in Europa bestimmen möge.

 

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