„Selfies von Wanderarbeitern“

Michelle Proksell, Kai Schnier, Ausgabe III/2016, Das neue Italien



Das chinesische Internet ist trotz Staatsüberwachung quicklebendig. Die Künstlerin Michelle Proksell archiviert, was dort tagtäglich geteilt und gepostet wird

Frau Proksell, seit vier Jahren beschäftigen Sie sich beruflich und privat mit dem chinesischen Internet. Warum?

In erster Linie, weil mich die „westliche“ Internetkultur irgendwann gelangweilt hat. Ich wollte etwas Neues sehen, und als ich 2012 nach Peking zog, wurde mir schnell klar: Das hier ist der richtige Ort dafür.

Was macht das chinesische Netz denn so besonders?

Es ist einzigartig, weil es eine Art abgeschirmten digitalen Raum darstellt. Der Rest der Welt hält es für selbstverständlich, sich frei im Internet bewegen zu können. Als Deutscher können Sie problemlos auf französische oder amerikanische Homepages zugreifen, ohne dass Ihnen ­virtuelle Grenzen den Zugang versperren. In China ist das anders. Die „Great Firewall“, die aus staatlichen Zensur- und Sicherheitsprogrammen besteht, grenzt das chinesische Internet von der digitalen Außenwelt ab. Deswegen entwickeln sich dort ganz eigene Trends.

Sie dokumentieren diese Trends in Ihrem „Chinternet-Archiv“. Was genau hat es damit auf sich?

Mein Online-Archiv ist eine Art Speicher für das, was tagtäglich im chinesischen Internet passiert, ein digitaler Fußabdruck der nationalen Netzkultur sozusagen. Es fing damit an, dass ich für ein Kunstprojekt digitale Selbstportäts von chinesischen WeChat-Nutzern sammelte. WeChat ist eine mobile Chat-Applikation, vergleichbar mit WhatsApp. Ich schaute mir die Profile verschiedener Menschen an, kopierte ihre Fotos und speicherte sie auf meiner Homepage. Dabei fielen mir einige Regelmäßigkeiten auf.

Zum Beispiel?

Etwa, dass die Profilfotos oft völlig überladen waren mit verschiedenen Filtern, Sternchen und Herzen oder dass es eine unendliche Masse an Fotos gab, auf denen User ihr Essen fotografierten, oder dass es scheinbar eine Zeit lang angesagt war, sich mit Geldscheinen – manchmal ganzen Umzugskisten voll – abzulichten. Das war mir fremd und machte mich neugierig. Seitdem sammele ich alles Mögliche: Videos, Fotos, Memes. Mittlerweile habe ich mehr als 30.000 digitale Artefakte zusammengetragen.

Welche dieser „Artefakte“ waren für Sie die interessantesten?

Nicht die einzelnen Bilder, sondern die komplette Sammlung fasziniert mich immer wieder. Da gibt es Selfies von Wanderarbeitern genau wie von reichen Geschäftsmännern, die vor ihrem Privathubschrauber posieren. Hier schminkt sich ein Teenie in Peking, dort lichtet sich eine 80-jährige Frau beim Essen mit ihrer Familie ab.

Was erzählt uns das über die Menschen und das Leben in China?

Vor allem zeigt es, dass digitales und analoges Leben in China noch viel enger miteinander verbunden sind als anderswo. Was man hier beobachten kann, ist die Entstehung einer Art Web 3.0, die Zentralisierung aller Online-Aktivitäten in einigen wenigen mobilen Programmen. Auf WeChat kann man nicht nur chatten, sondern auch ein Taxi bestellen, seine Miete bezahlen, Nachrichten lesen und Sex kaufen. Es ist nicht die Sprachbarriere, die mich oft verwirrt zurücklässt, wenn ich hier surfe – dafür gibt es Übersetzungsapps –, sondern die Omnipotenz des chinesischen Netzes. Es penetriert jede Schicht des Lebens und ist so wild und chaotisch wie eine Pekinger Shoppingmall.

Liegt in diesem Chaos auch ein Stück Freiheit für chinesische Internetnutzer? Die schiere Masse geteilter Inhalte dürfte selbst für die staatlichen Behörden schwer zu zensieren sein.

Natürlich werden hier alle Netzwerke, von Weibo, dem chinesischen Pendant zu Twitter, über Youkou, dem Äquivalent zu YouTube, bis hin zu WeChat konstant überwacht. Erst in diesem Jahr wurden fünf Menschen verhaftet, weil sie in sozialen Netzwerken ein Sexvideo aus der Umkleidekabine eines Bekleidungsgeschäfts gepostet hatten. Sogar Unbeteiligte, die das Video geteilt hatten, wurden festgenommen. Trotzdem nehmen sich die Menschen ihre Freiräume. In meinem Archiv gibt es zum Beispiel Memes, die sich über Mao Zedong lustig machen. Gefährlich wird es erst dann, wenn Inhalte viral werden, also einen gewissen Grad an Bekanntheit erreichen.

Das Interview führte Kai Schnier

 

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