Allein mit dem Smartphone

Mojahed Akil, Ausgabe II/2016, Neuland



Etwa zwei Millionen syrische Geflüchtete befinden sich zurzeit in der Türkei. Die App „Gherbetna“ hilft ihnen sich zurechtzufinden

von Mojahed Akil

Vor drei Jahren bin ich aus Aleppo geflohen. Ich weiß aus eigener Erfahrung, welche Schwierigkeiten in der Türkei auf Flüchtlinge warten. Besonders die fremde Sprache ist ein Grund für Missverständnisse und Fehlinformationen. Weil ich in meiner Heimat bereits mehrere Jahre als Softwareentwickler und Programmierer gearbeitet habe, kam ich auf die Idee eine Smartphone-App zu entwickeln, um den Menschen bei ihren Problemen zu helfen.

Die App „Gherbetna“ (Arabisch für das Gefühl fremd, einsam, im Exil zu sein) vermittelt den Usern einfach und schnell viele nützliche Informationen. So bietet sie einen aktuellen Newsticker und klärt zusätzlich die Menschen in Syrien und im Irak über Aufenthaltsreglementarien in der Türkei auf. Hier im Land erklärt sie, wie man sich an Universitäten und öffentlichen Schulen einschreibt, und hilft bei der Wohnungs- und Jobsuche sowie dem Verständnis neuer Gesetze der Regierung. Bürokratische Vorgänge in der Türkei sind für syrische Flüchtlinge oft schwer verständlich. In der App werden diese mithilfe von Motion Graphics, also kurzen animierten Videoclips, in arabischer Sprache erläutert. So wurde vor kurzem ein neues Gesetz erlassen, das den Flüchtlingen vorschreibt, ihre in Syrien oder im Irak zugelassenen Fahrzeuge in der Türkei zu registrieren. Ein kurzes Video erklärt den Usern, welche Dokumente für die Registrierung gebraucht werden, wie der Prozess online abläuft und mit welchen Kosten sie rechnen müssen.

Auch posten jeden Tag türkische sowie von Syrern in der Türkei gegründete Firmen – von denen es inzwischen mehr als 10.000 gibt – neue Jobangebote auf der App. Mittlerweile haben mehr als 22.000 Personen unsere App heruntergeladen, die zugehörige Facebookseite hat 72.000 Likes. Mehr als 1.500 Unternehmen nutzen „Gherbetna“ bereits, um für ihre Dienste zu werben. So kann ich mittlerweile fünf Mitarbeiter beschäftigen.

Ich arbeite schon an meinem nächsten Projekt: einer App, die in Echtzeit bei der Übersetzung wichtiger Dokumente helfen soll. Mit dieser App können Dokumente im Amt abfotografiert und an einen Übersetzer gesendet werden, der sie direkt übersetzt und zurückschickt. Außerdem möchten wir unsere Dienste auch in anderen Ländern als der Türkei anbieten, um Flüchtlingen das Ankommen in ihren neuen Gesellschaften zu erleichtern.



Protokolliert von Erik Blasor

Mojahed Akil, geboren 1989 in Jeddah, Saudi-Arabien, arbeitete fünf Jahre als Programmierer in Aleppo, Syrien, bevor er vor vier Jahren in die Türkei floh. Dort gründete er das IT-Unternehmen "Namaa Solutions". Er lebt in Gaziantep.

 

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