Lohnt sich das?

Tobias Pforr, Ausgabe II/2016, Neuland



Die Frage, ob etwas wirtschaftlich ist, begegnet uns im Alltag ständig. Woher stammt dieses Effizienzdenken – und können wir es ändern?

Wir alle haben so etwas bereits erlebt: Ob im Gespräch mit Freunden oder der Familie, oder auch während einer Diskussion bei der Arbeit – die meisten von uns sind schon einmal mit dem Vorwurf der Unwirtschaftlichkeit konfrontiert worden. Bestimmte Vorgehensweisen sollten vermieden werden, da sie nicht der Vorstellung von Wirtschaftlichkeit entsprechen. Vielleicht ging es darum, noch einmal zum Supermarkt zu fahren, um eine vergessene Zutat einzukaufen, oder um die Frage, welcher der passende Mobilfunkvertrag  sei. Sicher kennen wir alle auch die Erfahrung, dass wir uns bei Erledigungen unwillkürlich beeilen, auch wenn uns am Ende eine Zeitersparnis nichts bringt. Oder dass wir ständig darauf achten, für den günstigsten Preis einzukaufen. All das zeigt, wie sehr wir selbst das Effizienzdenken verinnerlicht haben. Diskussionen über die Bedeutung und den letztendlichen Sinn wirtschaftlichen Handelns basieren oft auf Annahmen über das Wesen von Kosten, Effizienz und Optimierung. Dabei wird allerdings häufig vergessen, dass Begriffe wie Kosten und Effizienz nur im Zusammenhang mit einer unausgesprochen geteilten Normen- und Wertevorstellung, die durch verschiedenartigste Internalisierungs- und Sozialisierungprozesse erworben wurden, Sinn machen können. Anders formuliert: Wirtschaftliches Handeln ist ein Ausdruck davon, wer wir als Person sind und sein wollen. Da das exakte Wesen der Werte und Normen kontextabhängig ist und wir diesen Kontext zum größten Teil mit unserem sozialen Umfeld teilen, wird diese geteilte Wertegrundlage oft übergangen oder gar vergessen. Dieses Unter-den-Tisch-Kehren der sozialen Grundlagen des wirtschaftlichen Handelns kann zu bedauernswerten Konsequenzen führen. Meist hat es zur Folge, dass sich der Glaube an eine zwingend richtige wirtschaftliche Handlungsweise unabhängig von Kontext und Umständen verfestigt. Im größeren Maßstab birgt es die Gefahr, den Eindruck zu vermitteln, als funktioniere das gesamte Wirtschaftssystem nach einer ewigen unabänderlichen Logik.

Kehren wir noch einmal zu einem der eben genannten Beispiele zurück. Stellen Sie sich vor, Sie fahren zu einem nahe gelegenen Supermarkt. Dieser liegt rund zehn Kilometer enfernt. Sie wollen dort Zutaten kaufen, um Schokoladenpfannkuchen für sich und ein paar Freunde zuzubereiten. Als Sie aber Ihren Einkauf zu Hause auspacken, stellen Sie fest, dass Sie es versäumt haben, die Schokolade zu kaufen. Sie wissen, dass Sie immer noch Pfannkuchen ohne Schokolade zubereiten könnten, aber Sie überlegen, noch einmal zum Supermarkt zurückzukehren. Was wäre die wirtschaftlich richtige Handlungsweise? Lohnt es sich, die zwanzig Kilometer zu fahren, um eine zusätzliche Zutat zu besorgen? Dieses Beispiel zeigt, dass wirtschaftliches Handeln nur vor dem Hintergrund eines bestimmten Wertesystems verstanden werden kann. Es hängt alles von einer fast unendlichen Anzahl von Faktoren ab: Wie hoch schätzen Sie Schokoladenpfannkuchen gegenüber normalen Pfannkuchen ein? Wie wichtig ist es Ihnen, gerade solche Pfannkuchen für Ihre Freunde zuzubereiten? Oder wie relevant ist es für Sie, Ihre ursprünglichen Pläne nicht zu ändern? Es gibt schlicht keine einzig richtige Antwort. Wirtschaftliches Handeln kann nur angesichts des Wertes der Handlung für den Akteur und die Betroffenen beurteilt werden. Deshalb kann es sein, dass direkt entgegengesetze Handlungsweisen sich je nach dem Kontext, in dem Sie handeln, als wirtschaflich erweisen. In einer Situation, in der es um den Geburtstag eines Freundes geht, der Schokoladenpfannkuchen mehr als alles andere liebt und dem man eine spezielle Freude bereiten will, kann es durchaus sinnvoll sein, noch einmal zum Laden zurückzukehren. Wenn einem aber die Schokolade nicht wichtig ist, macht es keinen Sinn, extra zurückzufahren.

Daher sind Fragen zur Wirtschaftlichkeit in Wirklichkeit oft Aufforderungen zur Annahme von bestimmten Wertevorstellungen. Und hierin liegt die Krux. Wird ein Problem erst einmal bezüglich seiner wirtschaftlichen Aspekte eingerahmt, so scheint es, als ob es eine eindeutige Lösung dafür geben müsse, als ob eine Art des Handelns die überlegenere sei. Fragen zu Wertevorstellungen zeichnen sich aber durch eine Multidimensionalität aus, die eine eindeutige Beantwortbarkeit von Grund auf ausschließt. Wegen dieser Multidimensionalität unserer Wertesysteme fällt der Frage nach der Autorität eine bedeutende Rolle zu: Wessen Vorstellung zur Richtigkeit bestimmter Werte wird als wichtig und legitim eingestuft? Die Frage nach den richtigen Werten geht einher mit der Frage, welche Art von Person man selbst sein will. Unsere Handlungen reflektieren zu einem gewissen Teil, wer wir sind oder gerne sein wollen, allerdings natürlich nur unvollständig.

Diese persönlichste aller Fragen, die nach dem Selbst, hat gleichzeitig einen sozialen Ursprung und eine eigene Folgerichtigkeit. Die soziale Dimension tritt ins Bild, da die Werte, die wir uns meist unterbewusst zu eigen machen, nicht aus dem Nichts auftreten. Vielmehr stammen unsere Werte daher, dass wir bestimmte Arten des Seins, Denkens und Handelns, denen wir in unserem täglichen Leben begegnen, annehmen oder abweisen. Etwas förmlich ausgedrückt kann man sagen, dass unsere Werte aus einer Unzahl an Sozialierungs- und Internalisierungseinflüssen entstehen.

Eine der schönsten Veranschaulichungen dieses Sachverhalts findet sich in Thomas Manns Roman „Der Zauberberg“. Die Hauptfigur des Romans ist ein gewisser Hans Castorp, der seine Heimatstadt für einen Aufenhalt in einem Davoser Sanatorium verlässt. Castorp wächst Ende des 19. Jahrhunderts als Sohn einer bürgerlichen Hamburger Kaufmanns- und Senatorenfamilie auf. In Davos begegnen Castorp zum ersten Mal andere Arten des Seins, Denkens und Handelns, was zum einen mit der Tagesordnung im Sanatorium zusammenhängt, zum anderen an den Persönlichkeiten, die er kennenlernt, liegt. Seine Beziehungen zu dem italienischen Literaten Lodovico Settembrini, dem ehemaligen Jesuitenpater, der Naphta genannt wird, und dem ältereren malaiischen Kaffee-Magnaten Mynheer Peeperkorn sind dabei besonders wichtig. Auf einer Ebene legt die Entwicklung Hans Castorps ein sich stetig verminderndes Verlangen seinerseits dar, den seiner Erziehung und seiner sozialen Position zugrunde liegenden Wertevorstellungen weiter zu entsprechen. Castorp erlebt eine Umsozialisierung seiner Glaubensvorstellungen während seines Aufenthalts in Davos. Außerdem fällt auf, dass jeder der Persönlichkeiten versucht, Hans Castorp unterschiedliche Werte- und Glaubensmaximen zu vermitteln. Die persönliche Entwicklung des jungen Hamburgers kann als eine Navigation zwischen diesen verschiedenen Einflüssen gesehen werden. Es ist allerdings ausschlaggebend, dass die verschiedenen Charaktere nur pädagogischen Einfluss auf Castorp ausüben können, weil er ihre Autorität als legitim anerkennt.

So wie sich Hans Castorps Wertesystem über die Zeit hinweg verändert, so verändern sich auch Wirtschaftssysteme, und zwar deshalb, weil sie die Vorstellung davon, wessen Werte als maßgeblich und legitim betrachtet werden, verändern. Wie im Roman gibt es auch in der realen Welt stetig konkurrierende Vorstellungen darüber, welchen Werten wir, persönlich und gesellschaftlich, folgen sollten, und die Wahl dieser Wertevorstellungen trägt dazu bei, das Wesen der Wirtschaftssysteme zu prägen und neu zu erschaffen. Die genaue Art und Weise, in der die individuelle Auswahl von Werten ins allgemeine System eingeht, ist langsam und intransparent, aber das sollte nicht davon ablenken, dass das Wirtschaftssystem formbar ist und ständigen Umwandlungen und Veränderungen unterliegt. Unser eigenes Verhalten reflektiert nicht nur bestimmte systemische Tedenzen, sondern es trägt auch in kleinstmöglichen Schritten zur Fortsetzung und Umwandlung dieses Systems bei.

Leider kann die Sozialisierung eines Individuums nur in groben Zügen verständlich gemacht werden. In der Medienwirkungsforschung gab es einmal die Hoffnung, individuell spezifische Aussagen darüber machen zu können, wie bestimmte Einflüsse auf Einzelpersonen oder gar bestimmte Gruppierungen wirken würden. Diese Hoffnung wurde durch das Hypodermic-Needle-Modell begründet. In der Vorstellung dieses Modells werden sozialisierende Einflüsse von jedem Mitglied der Gesellschaft nicht nur gleich wahrgenommen, sondern auch in derselben Weise in der Persönlichkeit verankert. So sollten Vorstellungen wie mit einer „hypodermic needle“, einer Injektionsnadel, direkt in den Verstand der Empfänger gelangen. Dieses Modell hat sich aber als unzureichend herausgestellt: Es ist nicht möglich und wird auch nicht möglich werden, ein kausal bedingtes deterministisches Modell zur Sozialierung der Einzelperson aufzustellen. Allerdings sollte die Unmöglichkeit eines solchen Vorhabens nicht dazu führen, dass wir den Versuch als überflüssig ansehen: Nur weil ein Phänomen keinen kausal bedingten Urspung hat, bedeutet das nicht, dass dieses Phänomen zu vernachlässigen ist. Um das Wesen der Sozialisierung und Internalisierung zu begreifen, muss man der Tendenz widerstehen, einzelne kulturelle Artefakte als notwendige und hinreichende Ursachen zu verstehen. Vielmehr muss man diese Artefakte als einzelne Einflüsse in einer komplizierten Gesamtsituation verstehen. Manche Einflüsse verstärken sich gegenseitig, andere heben sich gegenseitig auf, und wieder andere verändern ihre Wirkung.

Um nun die Sozialisierung als wirtschaftlicher Mensch zu verstehen, geht es darum, die Tendenzen verschiedener Einflüsse in ihrem Zusammenhang zu betrachten. Die Sozialisierung als wirtschaftlicher Mensch beginnt von Kindesbeinen an. So lernt man, dass man Dinge, die man in einem Geschäft sieht, zuerst bezahlen muss, bevor man sie mit nach Hause nimmt, und man lernt auch, ob, wann, und warum man mit anderen teilen muss. Im Laufe des Erwachsenwerdens und später als Erwachsene sind wir dann ständig weiteren Sozialisierungseinflüssen ausgesetzt: im Kindergarten, in der Schule, durch das Fernsehen, die Zeitung, Bücher, in der Arbeit, Universität und durch das Internet – kurzum: Ständig und überall begegnen wir Vorstellungen von wirtschaftlichem Handeln. Paradoxerweise sind viele dieser Einflüsse darauf ausgerichtet, den Glauben an eine einzig richtige Art des wirtschaftlichen Handelns zu festigen. Ein erster Schritt zur Veränderung des Wirtschaftssystems kann deshalb immer die Veränderung der eigenen Denk- und Handlungsweise sein. Natürlich gibt es bestimmte Personen wie Prominente, Politiker oder auch Schriftsteller, deren öffentliche Bekanntheit ihnen einen größeren Einfluss verschafft. Aber das sollte nicht davon ablenken, dass jeder von uns auf unser eigenes Umfeld auch einen Einfluss ausübt und diesen Einfluss dafür nutzen kann, sein Umfeld zu ändern. Das kann bedeuten, dass wir bestimmte Produkte nicht kaufen, obwohl sie billiger sind, bestimmte Jobs nicht annehmen, obwohl sie besser bezahlt sind, bestimmte Möglichkeiten nicht wahrnehmen, obwohl sie uns eröffnet wurden. Wir alle leisten einen kleinen Beitrag zur Aufrechterhaltung bestimmter wirtschaftlicher Vorstellungen. Obwohl eine Veränderung des eigenen Verhaltens dem sprichwörtlichen Tropfen auf dem heißen Stein gleichkommen mag, so ist sie doch der Grundbaustein für weitreichende gesellschaftliche Veränderungen.

 

 

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