Editorial

Jenny Friedrich-Freksa, Ausgabe I/2016, Was bleibt?



Irgendwo in sehr weiter Ferne liegen die kleinen und großen Dinge ?unserer Kindheit: die bunte Matratze im Gitterbettchen, der Grießbrei der Großmutter, in dem stets ein kleines Stück Zitronenschale versteckt ?war, oder das liebste Kuscheltier. Längst brauchen wir diese Dinge nicht mehr und dennoch erinnern wir uns an sie. Sie haben uns, mit vielen ?anderen Erlebnissen unseres Lebens zu denen gemacht, die wir heute sind.
Der Neurowissenschaftler und Medizin-Nobelpreisträger Eric Kandel, ?geboren 1929 in Wien, erinnert sich an den 7. November 1938, seinen ?9. Geburtstag, zu dem sein Vater ihm ein Spielzeugauto schenkte. Er weiß auch noch, wie dieses Auto zwei Tage später, während der Pogromnacht ?des 9. November, verschwand. Sein Leben lang hat Kandel das menschliche Gedächtnis erforscht: „Sich nicht an etwas erinnern zu können, bedeutet nicht grundsätzlich, eine Erinnerung verloren zu haben.“

Manche Erfahrungen sind vom Gedächtnis abrufbar, andere sind im ?Körper gespeichert, wie die Reittherapeutin Monika Mehlem weiß. Es bedarf eines Impulses von außen, um die Erinnerungen des Körpers zu wecken, sagt sie. Alle menschlichen Kulturen kennen Rituale des gemeinsamen Erinnerns ebenso wie die Sehnsucht nach Vergessen. Besonders ?offensichtlich zeigt sich die Frage danach, was bleiben darf, in der Architektur. So kopiert Indien derzeit in seinen Neubauten mit erstaunlicher ?Begeisterung den britischen Kolonialstil. Was geschieht, wenn große ?Bauwerke der Menschheitsgeschichte zerstört werden, erzählt der jemenitische Archäologe Mohanned Alsayani. Der Staudamm von Marib, eines der ersten hochentwickelten Bewässerungssysteme von Menschen, wurde im Mai vergangenen Jahres durch Bomben schwer beschädigt. Möglicherweise wird dieser Damm, der so viel Auskunft über Kultur und Wissen vergangener Zeiten geben konnte, die Gegenwart nicht überstehen.

In allen Zeiten ist mit den Erinnerungen der Völker Politik gemacht ?worden, Geschichtspolitik. Der chinesische Autor Yan Lianke schreibt: ?„Jedes autoritäre Regime sichert seine Macht, indem es die Erinnerungen der Menschen kontrolliert.“

Das eigene Gedächtnis, das der Familie sowie das bewahrte Wissen ?der Kultur, in der wir leben: All dies zusammen bildet ein Mosaik unseres ?Lebens. Viele Jahre lang kann man einzelne Steine herausnehmen oder neue hinzufügen. Das Gesamtbild wird nie das gleiche sein.



 

Ähnliche Artikel

Hmmm ... Liebe!

Ausgabe I/2009, Menschen von morgen, Victoria Ositadinma Anikwenwa

Victoria Ositadinma Anikwenwa aus Nigeria verkauft Kerosin auf dem Markt und trifft Jungs, die sie wirklich mögen

mehr


Sowjetschlüpfer

Ausgabe II/2010, Körper, Ekaterina Degot, Julia Demidenko

Was man so drunter trägt: In der Sowjetunion klafften Theorie und Wirklichkeit manchmal weit auseinander. Zwei Einblicke

mehr


Da war ich mir ganz sicher

Ausgabe I/2009, Menschen von morgen, Rupert Neudeck

Wie es ist, als 17-jähriger an nichts zu zweifeln

mehr


Editorial

Ausgabe II/2013, Was machst du? Wie Menschen weltweit arbeiten, Jenny Friedrich-Freksa

Es ist ungerecht: Die einen arbeiten zu viel und sind dauernd erschöpft. Die anderen haben keine oder zu wenig Arbeit und können deshalb oft nur eingeschränkt a... mehr


Internationale Kulturbeziehungen

Ausgabe II/2008, Heiße Zeiten. Wie uns das Klima verändert, Gudrun Czekalla

Ursprünglich an der Peripherie Westberlins in unmittelbarer Nähe zur Mauer gelegen, steht die Kongresshalle heute in der neuen Mitte Berlins, im Zentrum der Mac... mehr


Herausforderung Islam

Ausgabe I/2009, Menschen von morgen, Johannes Reissner

Stefan Weidner untersucht, nach welchen Mustern die Auseinandersetzung zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen abläuft

mehr