„Erinnerungen sind unser Leben“

Eric Kandel, Kai Schnier, Ausgabe I/2016, Was bleibt?



Der US-amerikanische Neurowissenschaftler Eric Kandel untersucht seit Jahrzehnten, wie das Gedächtnis Erfahrungen speichert. Ein Gespräch

 

 



Herr Kandel, was sind Erinnerungen?
Erinnerungen sind das Gewebe, aus dem der Stoff unseres geistigen Lebens besteht. Wir sind, wer wir sind, weil wir etwas gelernt haben, an das wir uns erinnern. Ohne unsere Erinnerung würden wir ein bedeutungsloses Leben führen. Wir erinnern uns an die erste Liebesbegegnung, unsere Hochzeit, den Tag, an dem wir unser erstes Haus gekauft haben. Das ist unser Leben. Erinnerungen ermöglichen unser Leben.

Was passiert im Kopf, wenn eine Erinnerung entsteht?
Eine Erinnerung zu speichern, gleicht einer Lern-erfahrung. Kurzzeiterinnerungen müssen in Langzeiterinnerungen umgewandelt werden. Dabei wird unser Gehirn anatomisch verändert, also umgebaut. Wenn sich jemand einen Vortrag anhört und sich am nächsten Tag daran erinnert, dann hat diese Person ein anderes Gehirn als zuvor.

Das heißt, nach diesem Gespräch werden sich unsere Gehirne verändert haben?
Auf jeden Fall!

Können Sie das genauer erklären?
Das Neuron ist eine Nervenzelle und Grundbaustein des Gehirns mit Tausenden Verbindungen zu anderen Nervenzellen. Diese Region zwischen zwei Nervenzellen wird als Synapse bezeichnet und verändert sich bei der Gedächtnisspeicherung. Bei Kurzzeiterinnerungen wird die Synapse gestärkt. Bei der Umwandlung in eine Langzeiterinnerung, vergleichbar mit dauerhaftem Lernen, werden Gene, das sind Abschnitte der DNA, aktiviert, die chemische Botenstoffe aussenden, sodass die Zahl der synaptischen Verbindungen wächst.

Wo im Gehirn liegt unser Gedächtnis?
Wir wissen, dass bei der Gedächtnisspeicherung der Hippocampus, ein Bereich im Gehirn, der aussieht wie ein Seepferdchen, eine entscheidende Rolle spielt. Ohne ihn könnten wir uns nichts merken, da neue Inhalte hier zwischengespeichert werden, bevor sie an das Langzeitgedächtnis weitergegeben werden. Es gibt jedoch noch weitere wichtige Regionen im Gehirn, wie etwa verschiedene Bereiche der Hirnrinde, die für das Gedächtnis, die Gesamtheit unserer Erinnerungen, verantwortlich sind. Nicht ausreichend geklärt ist, wie diese Bereiche miteinander in Kontakt stehen. Das herauszufinden, wäre eine wichtige Entdeckung.

An welcher Entdeckung forschen Sie momentan?
Mich interessiert die Frage, wie wir uns ein ganzes Leben lang an unsere Kindheit oder erste Liebeserfahrung erinnern. Wie werden Erinnerungen verewigt? Dafür sind zwei Prozesse notwendig. Damit neue Inhalte in den Langzeitspeicher überführt werden können, muss die Ausbildung neuer synaptischer Verbindungen angeregt werden. Das geschieht, indem bestimmte Gene durch Proteine „eingeschaltet“ werden. Nach der Entstehung einer neuen synaptischen Verbindung muss auch dafür gesorgt werden, dass diese bestehen bleibt. Wie das funktioniert, daran forschen wir momentan.

Zu welchem Ergebnis sind Sie bisher gekommen?
Damit die synaptische Verbindung bewahrt wird, müssen Proteine dort ständig neu gebildet werden. Es existiert ein sehr interessanter Mechanismus: Es gibt ein Protein, das sich selbst erhalten und damit im Gegensatz zu einem normalen Protein beliebig lange in einer Synapse bleiben kann. Wir nennen es prionartiges Protein. Es könnte für den Fortbestand der lokalen Proteinsynthese, der Neubildung von Proteinen an der neuen synaptischen Endigung sorgen, die dadurch stabilisiert wird und dem Gedächtnis Dauer verleiht.

Die Gedächtnisforschung begleitet Sie also bis heute. Haben Sie sich schon immer dafür interessiert?
Ursprünglich wollte ich Psychoanalytiker werden und fragte mich: Was ist die zentrale Frage der Psychoanalyse? Die Antwort lautete: Es ist das Gedächtnis. Denn in der Psychoanalyse werden schmerzhafte Erinnerungen in einem geschützten Umfeld aufgearbeitet und erneut durchlebt. Ab diesem Zeitpunkt, das war 1957, wusste ich, ich möchte mich mit dem Gedächtnis
befassen; also nicht gerade gestern. (lacht)

Was hat Ihr Interesse geweckt?
Durch die Erlebnisse meiner Kindheit in Wien habe ich mich gefragt, was Menschen zu dem macht, was sie sind und was verantwortlich für ihr Handeln ist. Als Hitler 1938 in Wien einmarschierte, erschienen bei seiner Ansprache auf dem Heldenplatz 200.000 Menschen, mehr als jemals zuvor. Wie kann eine kultivierte Gesellschaft wie die Wiener an einem Abend Mozart hören und einen Tag später den Juden etwas derart Schreckliches antun?

Können Sie sich gut an Ihre Kindheit in Wien erinnern?
Ich erinnere mich sehr gut daran. Am 7. November habe ich Geburtstag. Am 7. November 1938 erhielt ich von meinem Vater ein besonderes Geschenk: ein wunderschönes Spielzeugauto. Am 9. November war die Pogromnacht. Zwei Nazioffiziere kamen zu uns und sagten, wir sollten unsere Wohnung verlassen. Als wir wieder zurückkamen, war alles von Interesse weg, auch mein kleines Spielzeugauto. Damals war ich neun Jahre alt. Wie kann man ein solch furchtbares Erlebnis jemals vergessen?

Warum erinnern wir uns an gewisse Dinge ein Leben lang, aber an andere nicht?
Es gibt mehrere Gründe. Erinnerungen werden beispielsweise durch Gefühle bestärkt, wenn wir Geschehnissen und Erfahrungen viel Wert beimessen. Psychologisch gesehen sind manche Erlebnisse aber auch so schmerzhaft, dass wir sie unterdrücken.

Sind diese Erinnerungen damit verloren?
Sich nicht an etwas erinnern zu können, bedeutet nicht grundsätzlich, eine Erinnerung verloren zu haben. Man ist vermutlich nur nicht in der Lage, sie wieder hervorzurufen. Das Zurückrufen einer Erinnerung ist ein anderer Prozess des Gedächtnisses.

Welcher?
Hat man etwas gespeichert, muss es wieder aktiviert werden. Dabei kommt eine Erinnerung manchmal nur in gewissen Situationen zurück. Man vergisst einen Namen, aber unter anderen Umständen fällt er einem wieder ein. Er war die ganze Zeit im Gedächtnis. Eine Erinnerung „zurückzuholen“, kann etwa durch Müdigkeit oder Unaufmerksamkeit beeinflusst werden. Oder man steht unter Druck. In einem Moment spielt die Erinnerung eine Rolle, in einem anderen nicht. Die Prozesse des Erinnerns selbst gehören noch zu den großen Rätseln der Hirnforschung.

Auch Krankheiten beeinflussen, ob wir uns an etwas erinnern können, Alzheimer zum Beispiel. Kann man solchen Krankheiten wirksam entgegensteuern?

Krankheitsbilder, die das Gedächtnis betreffen, wie Alzheimer, sind ein großes Problem. Im Moment gibt es leider nichts, was sich als besonders wirksam erwiesen hat. Vielversprechend zeigen sich frühe Diagnosen. Es hat sich herausgestellt, dass bestimmte Behandlungen anschlagen würden, hätte man früh genug damit begonnen. Wenn ein Alzheimer-Patient zum Arzt kommt, dann trägt er die Krankheit meistens schon seit zehn Jahren in sich.

Auch wer nicht unter Alzheimer leidet, wird mit zunehmendem Alter vergesslicher.

Das nennt sich gutartige Altersvergesslichkeit. Sie ist eine leichte Gedächtnisbeeinträchtigung, bei der Menschen nur schwer Kurzzeiterinnerungen in Langzeiterinnerungen umwandeln können. Bis vor kurzem konnte sie nicht behandelt werden. In unserem Labor haben wir gezeigt, dass Altersvergesslichkeit etwas anderes ist als Alzheimer, da sie in unterschiedlichen Bereichen des Gehirns beginnen.

Warum ist diese Entdeckung wichtig?
Alzheimer beginnt im sogenannten entorhinalen Cortex, ein Teil des Gehirns und Hauptverbindung zum Hippocampus. Gutartige Altersvergesslichkeit beginnt an einer anderen Stelle, im Gyrus dentatus, einem Teil des Hippocampus. Der Unterschied ist wichtig, denn Ergebnisse von Studien legen den Schluss nahe, dass Altersvergesslichkeit damit im Gegensatz zu Alzheimer unter Umständen reversibel ist. Mittel, die bei Alzheimer nicht angeschlagen haben, können nun bei Altersvergesslichkeit getestet werden. Medikamente, die die Gedächtnisleistung erhöhen, Gedächtnispillen sozusagen, funktionieren bei Mäusen schon sehr gut und kehren den Effekt um. Das weckt Hoffnungen.

Eine Gedächtnispille gegen Altersvergesslichkeit, wie funktioniert das?
Altersvergesslichkeit geht unter anderem damit einher, dass das Level von zwei bestimmten Proteinen sinkt. Diese Proteine, CREB-1 und RbAp48, stehen in Wechselwirkung zueinander. CREB-1 ist ein Protein, das Gene aktiviert, die für die Bildung einer Langzeiterinnerung verantwortlich sind. Erhöht man deren Level mittels einer Pille, erhöht man die Lern- und Speicherleistung. Zusätzlich geben unsere Knochen ein Hormon namens Osteocalcin ab, das die Konzentration des Proteins RbAp48 erhöht. Wenn man älter wird, geht die Knochenmasse zurück. Mit Sport oder einer anderen Trainingsform kann man den altersbezogenen Gedächtnisdefekt jedoch verbessern, da sich die Menge des Hormons wieder erhöht.

Wie können wir unser Gedächtnis am besten trainieren?
Körperlich aktiv, interessiert und informiert bleiben, spazieren gehen, schwimmen, Tennis spielen, Neues lernen, Zeit mit der Familie genießen. Ich bin 86 Jahre und arbeite immer noch Vollzeit. Ich habe einen durchgeplanten Tag. Heute Abend gehen wir in eine Kunstausstellung. Ich versuche, geistig rege zu bleiben. Damit ermögliche ich meinen synaptischen Verbindungen zu wachsen. Das ist wie Blumen gießen.

Sind Sie vergesslich?
Selbstverständlich bin ich vergesslich. Ich weiß, dass ich nicht mehr das Erinnerungsvermögen habe, das ich mit 15 hatte. Aber ich funktioniere noch recht gut und erinnere mich an die meisten Dinge, an die ich mich erinnern sollte (lacht).

Wäre eine Gedächtnispille nicht nützlich?

Keiner kann alles im Kopf behalten und das würde ich auch nicht wollen. Ich möchte die Erinnerung insoweit verbessern, dass man als glückliche Person leben kann.

In Filmen und Büchern wird oft die Vision eines Superhirns und die von veränderten oder gelöschten Erinnerungen heraufbeschworen.
Die Idee, das Gedächtnis künstlich zu modifizieren, lehne ich grundsätzlich ab! Das ist sehr gefährlich. Ich möchte nicht den Charakter eines Menschen umformen. Ich habe schmerzhafte Erinnerungen an meine Kindheit in Wien. Es gibt Dinge, die helfen, den Schmerz zu mindern, aber verlieren oder verändern möchte ich diese Erinnerungen nicht. Sie haben mich zu dem gemacht, was ich bin.

Wird das in Zukunft möglich sein?
Mich interessiert nicht, ob es möglich ist. Dieses Gebiet ist es nicht wert, erforscht zu werden.

Wenn man die Gedächtnisforschung als Ganzes betrachtet, wie viel wissen wir bisher?
Als ich anfing, konnte man nicht genau sagen, was Erinnerungen sind. Manche dachten, es wäre eine Art elektrisches Feld. Mittlerweile sind wir bei einem recht guten Verständnis angelangt – wir wissen vielleicht dreißig oder vierzig Prozent von dem, was es zu wissen gibt.

Das ist schon recht viel …
Vielleicht bin ich heute großzügig gestimmt (lacht). Eines müssen wir begreifen: Lernen in Form der Gedächtnisspeicherung erzeugt den Reichtum unseres Lebens. Das Gedächtnis in seiner Gesamtheit zu verstehen, bedeutet, nahezu jedes wichtige Problem der menschlichen Psyche zu lösen. Das ist eine enorme Aufgabe.




Das Interview führten Marie Heinrichs und Kai Schnier


Veröffentlichungen von Eric Kandel:

Auf der Suche nach dem Gedächtnis. Die Entstehung einer neuen Wissenschaft des Geistes (Goldmann Verlag, München, 2014).

Das Zeitalter der Erkenntnis. Die Erforschung des Unbewussten in Kunst, Geist und Gehirn von der Wiener Moderne bis heute (Pantheon Verlag, München, 2014).


Über Eric Kandel:


Auf der Suche nach dem Gedächtnis. Der Hirnforscher Eric Kandel (DVD von Petra Seeger, absolut Medien, 2010).

 

 

 

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