Was weiß Google über mich?

Jillian York, Ausgabe IV/2015, Ich und die Technik



Wer die Dienste der beliebtesten Suchmaschine der Welt benutzt, gibt viel von sich preis

 



Ein Blick auf mein Google-Werbeprofil (https://www.google.com/settings/ads) erinnert mich daran, wie viel Google über mich weiß. Die dort einsehbaren Daten werden „auf Basis Ihrer früheren Suchanfragen, der von Ihnen auf YouTube angesehenen Videos und anderer Informationen ausgewählt, die mit Ihrem Konto verknüpft sind“, erklärt das Unternehmen. Damit macht Google Umsatz: Es sammelt die Daten seiner Kunden. Diese Informationen zieht es zum Beispiel aus YouTube-Aufrufen oder Posts in Googles sozialem Netzwerk Google+ und richtet gezielt Werbung an seine Nutzer, die diese Anzeigen anklicken und dem Unternehmen Geld einbringen. Meine Altersgruppe wurde mit 25 bis 34 richtig geschätzt, mein Geschlecht erkannt. Die Liste meiner „Interessen“ ist weniger akkurat: Google nimmt an, dass ich mich für ostasiatische Musik (falsch), Politik (stimmt) sowie Musik und Literatur (wer tut das nicht?) interessiere. Die Funktion maßgeschneiderter Werbung kann ausgeschaltet werden.

Wir verwenden Googles Gmail, weil es unsere Kommunikation am besten organisiert. Google Maps hat bei den virtuellen Karten kaum Konkurrenz. Alle sind wir YouTube verfallen, sei es wegen der süßen Katzenvideos oder wegen der praktischen Tutorials, die uns zum Beispiel Softwareprogramme erklären. Zusehends verwenden wir diese Produkte auf den von Google entwickelten Android-Smartphones.

Diese Dienste erleichtern uns das Leben. Die Tatsache jedoch, dass sie alle demselben Unternehmen gehören, macht es Google und jedem Dritten, mit dem es unsere Daten teilt, einfacher, unser Leben nachzuzeichnen. Wenn wir Google Maps benutzen, werden unsere GPS-Daten, also unser Standort, automatisch erfasst. Maps ist außerdem mit Gmail verbunden. Wenn wir per E-Mail einen Treffpunkt ausmachen, werden auch die Daten dieses Treffpunkts gespeichert. Notiert man den Termin im Google Calendar, entsteht ein recht komplettes Bild unseres Verhaltens. Nutzer können übrigens auch die automatische Standorterfassung ausschalten.

Dennoch sind gespeicherte Daten für andere einsehbar, wie die Snowden-Enthüllungen gezeigt haben. Kommunikationsplattformen wie Google sind eine wichtige Quelle für Geheimdienste. Das Programm XKeyscore ermöglicht es Sicherheitsexperten der NSA, Abermilliarden gesammelter Daten aus Internetsuchen, Social-Media-Inhalten und privater Kommunikation der Nutzer abzufragen. Zwar bestreitet Google eine Komplizenschaft mit der NSA, doch die Daten, die auf den vielen Google-Plattformen geteilt oder gespeichert werden, sind vor den spionierenden Augen der US-Regierung nicht sicher.

Der Schlüssel zu einem konsequenten Schutz der eigenen Daten liegt darin, das eigene Bedrohungsmodell zu kennen und welche Maßnahmen man ergreifen kann, um Gefahren für die Privatsphäre abzuwehren. Es setzt sich aus dem Online- und Offline-Verhalten, was man beruflich tut, wo man lebt, wohin man reist und weiteren Faktoren zusammen.

Nehmen wir zum Beispiel Journalisten: Sie sollten sich überlegen, ob sie per Mail oder telefonisch Treffpunkte mit ihren Quellen ausmachen, ob sie GPS-Dienste nutzen, um ihr Ziel zu finden, denn dadurch könnten Quellen gefährdet werden. Zudem sollten sie sich im Klaren sein, ob die Behörden ihres Landes ihre Arbeit als Bedrohung empfinden. Hat man sein Bedrohungsmodell definiert, kann man sein Verhalten ändern. Man muss Google deswegen nicht aufgeben. Vielmehr sollten wir Programme, die uns viele private Daten abverlangen, durch solche ersetzen, die weniger von uns wissen wollen. Google Calendar lässt sich zum Beispiel durch einen Kalender ersetzen, der nur auf unserem Rechner liegt. Möchte man vermeiden, dass Werbekunden die Suche nachvollziehen, ist DuckDuckGo ein großartiger Ersatz.

Wir haben uns an den Komfort gewöhnt. Google aufzugeben, erscheint fast unmöglich. Wenn wir jedoch unser Nutzerverhalten hinterfragen und schrittweise kleine Veränderungen vornehmen, können wir die Datenmenge erheblich verringern, die wir in die Cloud der Onlinedienste sickern lassen und so eines unserer höchsten Güter schützen: unsere Privatsphäre.

Aus dem Englischen von Annalena Heber

 

 

 

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