Längst angekommen

Marian Burchardt, Ausgabe III/2015, Russland



Anders als islamkritische Bewegungen suggerieren, sind muslimische Einwanderer heute in Europa weitgehend integriert. Weshalb tun alle so, als müsse Integration erst noch erarbeitet werden?

Das islamistische Attentat auf die Charlie-Hebdo-Mitarbeiter in Paris offenbarte den Hass, der aus den Rissen der Einwanderungsgesellschaft aufsteigt. Und es zeigte, wie die Erfahrungen des politischen Umbruchs im Nahen Osten einerseits und europäischer „Parallelgesellschaften“ andererseits immer stärker einen transnationalen Aggressionsraum bilden. Mit Blick auf die Täter schien für viele schnell klar: ?Dies? ist die Fratze der gescheiterten Integration. Kaum zwei Monate nach dem Attentat verabschiedete ­Österreichs Regierung ein neues Islamgesetz. Einerseits untersagt das Gesetz die ausländische Finanzierung von Imamen und fordert deren Ausbildung vor Ort. Andererseits regelt es Ansprüche auf Seelsorge und Feiertage und führt damit die in Österreich ohnehin schon weit fortgeschrittene rechtliche Gleichstellung des Islam weiter. Damit stellt sich die Frage: Ist das nicht Integration? Während viele in der Einpassung von Einwanderinnen in den gesellschaftlichen Durchschnitt, ob bei Bildungsabschlüssen oder am Arbeitsmarkt, das Ideal sehen, kann Integration über Religion ja nur heißen: rechtliche Gleichstellung.

Tatsächlich erscheint in den Debatten in Deutschland und anderswo in Europa immer wieder das Bild, über Integration müsse man sich erst einig werden und sie müsse dann von allen Mitgliedern der Gesellschaft – den Hinzugekommenen, aber auch den Alteingesessenen – erarbeitet werden. Und wenn wir das Stadium der Integration erst einmal erreicht hätten, könnten wir es uns auf der Hollywoodschaukel wieder gemütlich machen, ohne uns Gedanken über das Andere jenseits der Hecke machen zu müssen.

Die Wirklichkeit hat diese Vorstellungen jedoch schon überholt. Tatsächlich sind Muslime in Europa weitgehend in das institutionelle Gefüge integriert. In fast allen europäischen Ländern sind die religiösen Rechte von Muslimen ausgeweitet worden. Dies vor allem, weil Gerichte – etwa der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg – immer häufiger auf Nichtdiskriminierung und Gleichheit pochen und die Politik zum Handeln zwingen. Es scheint also, dass medienwirksame und skandalträchtige Konflikte um Burka-Verbote in Frankreich oder Kopftücher an deutschen Schulen die Realität eher verschleiern als bezeugen. Integration ist also längst Wirklichkeit und als Leitlinie für zukünftiges Handeln und Zusammenleben überholt. Aber warum gehen wir überhaupt davon aus, dass „Muslime“ integriert werden müssen? Bis in die 1980er-Jahre hinein sprach man von Gastarbeitern, dann von ausländischen Arbeitnehmern und seit einiger Zeit von Menschen mit Migrationshintergrund. Und bis vor kurzem wurde unter Integration nicht nur kulturelle Anpassung, sondern auch die Schaffung gleicher Erwerbschancen und die Beseitigung von Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt verstanden. Wie sind also aus türkischen Gastarbeitern Musliminnen und Muslime geworden?

Seit einigen Jahren hat das Konzept der kulturellen Vielfalt einen enormen Siegeszug hingelegt. Verwaltungen von Städten und Regionen verschreiben sich der Förderung von Vielfalt, Firmen (und neuerdings auch Universitäten) leisten sich Aktivitäten und Strategien zum „Diversity Management“ und Kulturwissenschaftler erforschen die Ursachen und Folgen kultureller Vielfalt und verfolgen deren Ausdrucksformen bis in die hintersten Ecken der Welt. Vielfalt ist Mode und Norm. Während aber lange Zeit Vielfalt Kategorien wie Geschlecht, Behinderung und sexuelle Orientierung meinte, wird der Begriff heute breiter gefasst und bezeichnet nun auch kulturelle und vor allem: religiöse Vielfalt. Der Siegeszug der Vielfalt ist sicherlich kaum darauf zurückzuführen, dass inzwischen allgemein anerkannt ist, dass Diversität kulturell bereichernd und erfrischend sei, oder auf andere Klischees des mittlerweile als Multikulti-Folklore stigmatisierten deutschen Diskurses der vergangenen Jahrzehnte. Worum geht es also dann? Um dies zu verstehen, hilft ein Blick in die Niederungen der alltäglichen Politik.

Man findet religiöse Vielfalt heute auf allen Ebenen. Die katalanische Provinzregierung in Barcelona hat etwa bereits seit 15 Jahren eine Stabsstelle für religiöse Angelegenheiten. Ihr Auftrag: Management und Förderung religiöser Vielfalt. Bereits vorher hatte auch die Stadt Barcelona eine „Agentur für religiöse Angelegenheiten“ eingerichtet. Ihr Mandat: die Unterstützung religiöser Gemeinschaften mit dem Ziel der Förderung religiöser Vielfalt. Es wurde deutlich, dass Migranten maßgeblich als Angehörige religiöser Gruppen wahrgenommen und behandelt werden. Als ich mich im Rahmen meiner Forschungen mit den Mitarbeitern der Agentur traf, fand ich an der Wand einen großen Kalender, in dem die Feiertage, Umzüge und religiösen Feste von lateinamerikanischen evangelikalen Christen, marokkanischen Muslimen, indischen ­Sikhs, rumänischen orthodoxen Christen und von Buddhisten eingetragen waren. Jeder dieser Termine wird von der Agentur begleitet und organisiert: Die Logistik muss geklärt und Straßen müssen gesperrt werden, Politiker treten auf. Noch wichtiger aber ist es, sicherzustellen, dass alle Gemeinschaften dauerhafte Kultstätten haben, mit denen sie zufrieden sind. Religiöse Kultstätten signalisieren Anerkennung und Rechte. Auch hier treten die Mitarbeiterinnen der Agentur in Erscheinung: Es geht um Lärmbeschwerden und fehlende Lärmschutzvorkehrungen, um Überschreitung der Nutzerobergrenzen der Gebäude und Menschenmassen, die sich nach besonders stark besuchten Veranstaltungen wie dem Freitagsgebet oder während des Ramadan auf Gehwege ergießen, also unangemeldete öffentliche Veranstaltungen; es geht um Parkplätze, Einhaltung der Hygienevorschriften, Brandschutz und Notausgänge – und um Beschwerden von Nachbarn. Weil ich wissen wollte, wie sich die Lage in kleineren Städten darstellte, bereiste ich mehr als zwanzig mehr oder weniger abgelegene Orte in der katalanischen Provinz. An einem Tag fuhr ich mit dem Bummelzug in die am Fuße der Pyrenäen gelegene kleine Stadt Cervera. Ich war mit lokalen Politikern und Beamten der Stadtverwaltung verabredet, um sie über den Umgang mit Einwanderung und kultureller Vielfalt in diesem scheinbar abgelegenen Winkel des europäischen Migrationsgeschehens zu befragen. Auf der verlassenen Hauptstraße, die zum Rathaus führte, kam mir ein afrikanischer Teenager entgegen, ein lateinamerikanischer Frisör war noch geschlossen und vor einem arabischen Internetcafé standen drei Jugendliche und rauchten. Im Gespräch mit den Beamten wurde schnell klar: Hier wie anderenorts werden Migranten als Angehörige religiöser Gemeinschaften wahrgenommen und religiöse Gemeinschaften wiederum als Hauptakteure in der Einwandererszene. Überall stieß ich auf dieselbe Beobachtung: Die „Integration“, Verwaltung und Einbindung von Migranten entfaltet sich entlang des Ordnungsprinzips religiöser Vielfalt.

Vor mehr als vierzig Jahren schlug der französische Denker Michel Foucault vor, Praktiken des Benennens, des Klassifizierens und des Zuordnens von Individuen zu sozialen und kulturellen Kategorien als Formen des Regierens zu analysieren. Tatsächlich sind solche Zuordnungen ja keineswegs immer eindeutig und natürlich: Warum, so müssen wir fragen, hießen die gleichen Menschen vor dreißig Jahren Türkinnen und werden heute Muslimas genannt? Praktiken des Klassifizierens, so Foucault, sind Regierungstechniken, wenn sie mit Formen des Identifizierens und Identifiziertwerdens Hand in Hand gehen, wenn Macht und Subjektivität also miteinander verschränkt werden. Im Diskurs der religiösen Vielfalt spiegelt sich ein solches Klassifikationsregime, mit dem Migrantinnen erfasst und einem ordnenden Zugriff unterzogen werden. Dabei sind die Motive im Alltag oft pragmatisch: Häufig geht es darum, dass Städte Ansprechpartner in den Migrantengemeinschaften brauchen – und religiöse Gemeinden die am besten organisierten Akteure sind. Häufig spielt aber auch die Annahme mit, religiöse Gruppen hätten starken Einfluss und Autorität unter ihren Mitgliedern, die sie positiv einsetzen sollten. Seit Jahren engagieren spanische Städte beispielsweise Pfarrer aus „Gitano“-Gemeinschaften (eine Roma-Gruppe) als Sozialarbeiter mit dem Ziel, die Schulabbrecherquote zu senken.

Damit erscheint die Frage nach dem Siegeszug des Konzeptes religiöse Vielfalt in einem anderen Licht. Einerseits ist die Förderung religiöser Vielfalt ganz klar ein Ausdruck von Gleichberechtigung und Demokratie. Aber sie ist eben auch ein Regulierungsregime, mit dessen Hilfe Staaten religiöse Gruppen rekrutieren, um das prekäre gesellschaftliche Zusammenleben zu organisieren, indem sie deren soziale Bindungsenergien ausnutzen. Foucault ging davon aus, dass Bevölkerungen für Staaten wirre Texte sind, die sie kaum lesen können. Das Aufstellen und Anwenden von Kategoriensystemen in staatlichen Bürokratien ist eine zentrale Technik, die „Lesbarkeit“ von Bevölkerungen und Individuen zu erhöhen. Das Regime der religiösen Vielfalt macht genau das: Es ordnet zu, sortiert und fördert, in der Hoffnung auf positive Effekte für die Ordnung des Ganzen. Dabei ist die Verschiebung weg von ökonomischen Kategorien („Gastarbeiter“) hin zu religiösen Zugehörigkeiten Ausdruck einer Kulturalisierung der Statuskonflikte zwischen Neuankömmlingen und Alteingesessenen, die in jeder Einwanderungsgesellschaft ablaufen und unvermeidbar sind.

Für die türkischen Gastarbeiterfamilien in Deutschland und ihre Nachkommen hatte die Verschiebung von der Ökonomie zur Religion jedoch paradoxe Folgen: Je mehr sie von Politik und Öffentlichkeit als Muslime adressiert werden, umso mehr wird ihnen mangelnde Integration vorgeworfen, obwohl sie gerade als Muslime, in Bezug auf die Ausübung ihrer religiösen Rechte, besonders gut integriert sind. Die ökonomische Marginalisierung der Nachkommen der Einwanderer kommt damit kaum mehr in den Blick.

Und dennoch ist das Regime religiöser Vielfalt nicht nur eine staatliche und bürokratische Technologie der Macht, sondern hat auch enorme Bedeutung für den neoliberalen Kapitalismus. Diese Bedeutung wird aber erst dann offensichtlich, wenn man religiöse Vielfalt in Verbindung mit der Rolle der Mobilität untersucht. Spätestens seit den 1990er-Jahren entdeckten die Regierungen der EU-Mitgliedsländer in der Mobilität von Arbeitnehmern einen wesentlichen Schlüssel zur Erhöhung der globalen Wettbewerbsfähigkeit Europas. Ziel war es, Mobilitätsbeschränkungen abzubauen und das Zirkulieren von Arbeitskraft als „Brain Power“ gemäß den Marktgesetzen zu optimieren, um so europäische Unternehmen bei der Maximierung ihrer Profite zu unterstützen. Wenn Arbeitskräfte religiösen Traditionen anhängen und religiöse Bedürfnisse haben, bedeutet dies, dass auch diese berücksichtigt beziehungsweise „integriert“ werden müssen.

Aus dieser Perspektive sind die Förderung religiöser Vielfalt und die Durchsetzung von Nichtdiskriminierung eben nicht nur ein legitimer Ausdruck liberal-demokratischer Werte, sondern zunächst ein Nebenprodukt der Transnationalisierung von Arbeitsmärkten. Ein Schweizer Kollege, der zu Migration und Vielfalt forscht, berichtete mir unlängst von einem Interview mit einem lokalen Wirtschaftsvertreter. Dieser betonte, dass es enorm wichtig sei, islamfeindliche Stimmungen und Initiativen zurückzudrängen, denn das schrecke muslimische Migranten ab. Mit Blick auf das Schweizer Lohnniveau sei es aber gerade wichtig, mehr Migranten ins Land zu holen und die Schweizer Arbeitnehmer „noch etwas aus der Reserve zu locken“. Seit auch in Deutschland die Löhne wieder steigen und Wirtschaftsverbände mehr Einwanderung fordern, herrscht unter Migrantenaktivistinnen ein schweigsames Unbehagen über die neuen „Freunde“ aus der Wirtschaft.

Was heißt all das aber nun für den gesellschaftlichen Zusammenhalt in den krisengeschüttelten Teilen Europas? Während wir auf dem steinigen Weg der Anerkennung kultureller Differenz zumindest auf institutioneller Ebene einigermaßen vorangekommen sind, werden Europas Gesellschaften von grassierender Armut und eskalierenden Unterschieden zwischen Arm und Reich zerrissen. Was bedeutet die Anerkennung religiöser Vielfalt und religiöser Identitäten, wenn Menschen durch massenhafte Arbeitslosigkeit verarmen und Gemeinden kaum noch in der Lage sind, einen Sprachkurs für Neuankömmlinge zu finanzieren?

Das Problem ist letztlich, dass Identitätspolitiken, die sich dem Aufstieg kulturell definierter Gruppen in der sozialen Hierarchie verschreiben, diese Hierarchie selbst nicht mehr infrage stellen. Die Anerkennung religiöser Rechte mag fromme Migranten in bestimmte Länder locken, aber sie vermittelt keinen kollektiven sozialen Aufstieg. Die Diskriminierung von Muslimen auf dem Arbeitsmarkt ist real. Aber religiöse Fairness allein macht die ­Märkte nicht fair. Für die sozialen Bewegungen muss es deshalb darum gehen, eine Vision zu formulieren, die die versprengten Identitätspolitiken wieder stärker zusammenführt. Schon den Anarchisten im Spanischen Bürgerkrieg war klar, dass die Revolution verloren war, als sie begannen, Kirchen und Klöster abzufackeln. Aber auch mit Blick auf die Vielfalt kultureller Selbstbeschreibungen sehen wir, wie das Beobachtungsschema religiöser Vielfalt an seine Grenzen stößt, wenn es „Kurden“, „Anatolier“, „Aramäer“ und „Istanbul-Hipster“ unter die Kategorie der „Muslime“ bringt: sichtbar etwa im Paradox, dass 2007 bekennende Nicht-Muslime als Vertreterinnen in die deutsche Islamkonferenz geladen wurden. Religiöse Vielfalt braucht – wie jede andere Form kultureller Vielfalt – Raum zum Ausdruck. Viele deutsche Alteingesessene hatten sich jedoch daran gewöhnt zu glauben, Religion sei wie Kegeln: Privatsache und Freizeitbeschäftigung mit dem Zweck der Geselligkeit. Dass manche Menschen – Einwanderinnen aus der Türkei, aber auch aus Polen und Russland – Religion mit mehr als lauwarmer Intensität verfolgen, befremdete sie. Religiöse Vielfalt braucht Anerkennung, aber wenn sie mehr als neoliberale Regierungstechnik sein soll, dürfen die sozialen Bewegungen nicht in Identitätskämpfen verharren. Die Fetischisierung von „postkolonial“, „fromm“, „queer“ und anderen Zugehörigkeitskategorien zerfasert den Widerstand im Neoliberalismus. Nur wenn kulturelle Räume als geteilte politische Räume verstanden werden, kann Diversität aus der Umarmung durch den Neoliberalismus befreit werden.

 

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