Für immer weg

Thomas Hummitzsch, Ausgabe III/2015, Russland



Elizabeth Kolbert zeigt in ihrem preisgekrönten Buch „Das sechste Sterben“, welche Rolle der Mensch beim Aussterben von Tierarten spielt

Gäbe es einen Naturgerichtshof, dann säßen dort, gemeinsam mit dem Menschen, ein Töpfchenpilz, eine Schnecke sowie eine Schlange auf der Anklagebank. Alle müssten sie sich wegen mehrfachen Völkermords verantworten: Der Chytridpilz löste das Massensterben der Stummelfußfrösche in Panama aus – der Klimawandel sorgt dort teilweise für ungewöhnlich niedrige Temperaturen, in denen sich der Pilz verbreiten kann. Die Rosige Wolfsschnecke wurde von Beamten des Landwirtschaftsministeriums auf Hawaii zur Bekämpfung der eingeschleppten Großen Achatschnecke eingesetzt, hat inzwischen aber 90 Prozent der hawaiianischen Schneckenarten vernichtet. Die Braune Nachtbaumnatter wiederum gelangte mutmaßlich im Zweiten Weltkrieg bei einem Militärtransport als blinder Passagier auf einem Frachtschiff von Papua-Neuguinea nach Guam. Alle Angehörigen der Singvogelart der Guam-Monarchen fielen dieser Natter zum Opfer.

Dies sind nur drei Beispiele, die den tagtäglichen Artenverlust illustrieren. Das Sterben von Spezies in relativ kurzer Zeit hat sich in der Erdgeschichte bislang fünf Mal ereignet. Am bekanntesten ist das Aussterben der Dinosaurier am Ende der Kreidezeit, als ein Meteorit die Erde traf. Mit diesem Ereignis vergleicht die amerikanische Wissenschaftsjournalistin Elizabeth Kolbert das massenhafte Verschwinden von Arten heute, das sie als „Das sechste Sterben“ bezeichnet. Ursächlich dafür zeichnet sie den modernen Menschen.

Mit dessen Auftauchen haben sich die „Spielregeln des Überlebens“ auf der Erde geändert, so Kolbert. Wie genau und zu wessen Nachteil sich die Regeln verändert haben, beschreibt sie in ihrem mit dem Pulitzer-Preis 2015 ausgezeichneten Buch. Grundlage dieses packenden Wissenschaftsberichts sind ihre Begegnungen mit Biologen, Geologen, Meeresforschern und Botanikern, mit denen sie durch Südamerikas Regenwälder zog, am Great Barrier Reef und im Mittelmeer tauchte oder in Nordamerikas Fledermaushöhlen stieg. Auf allen Stationen ihrer jahrelangen Reise wurde sie Zeugin des unwiederbringlichen Artenverlusts.

„Wie der Mensch Naturgeschichte schreibt“ lautet der klug übersetzte Untertitel. Er legt die falsche Fährte, die jeder gute Thriller braucht, denn der Mensch schreibt Naturgeschichte nicht im positiven Sinn. Kolberts Studie über das Abhängigkeitsverhältnis von Mensch und Natur schließt an die Lebenswerke der Pulitzer-Preisträger Jared Diamond und Edward O. Wilson an. Die beiden Biologen haben die Menschheitsgeschichte aus der evolutions- und soziobiologischen Perspektive entschlüsselt, die Journalistin zeigt nun mit ihrer Echtzeitdokumentation der Folgen menschlichen Handelns einen weiteren Ausschnitt der Kulturgeschichte des Homo sapiens.

Die rasante Zunahme des Kohlendioxidgehalts in der Luft seit der industriellen Revolution hat die Lebensbedingungen auf dem Planeten verändert. Die Ozonschicht schrumpft, die globalen Durchschnittstemperaturen steigen an, die Meere versauern, die Lebensräume wandeln sich. Einzeln und kombiniert befeuern diese Prozesse das Artensterben. So bedroht der Anstieg des pH-Werts der Ozeane und der Anstieg der Wassertemperaturen die „Unterwasserregenwälder“ aus Korallen. Mit ihnen sterben Arten aus, deren Lebensraum das Korallenriff ist. In den tropischen Regenwäldern hat die Erderwärmung zur Folge, dass die temperaturempfindliche Flora und Fauna zum Wandern gezwungen ist, um den steigenden Temperaturen auszuweichen. Die Arten, die weder zur Hyperaktivität neigen noch mit der Entwicklung ihrer Umgebung Schritt halten können, gehen unter. Auch die Mobilität des Menschen trägt zum Artenverlust bei. An Bord jedes Schiffs, Flugzeugs oder Autos reisen Spezies als blinde Passagiere. In neuen Lebensräumen fehlt ihnen oft der natürliche Feind, sie werden zu mörderischen Parasiten und Konkurrenten. Weltweit setzen sich wenige Arten auf Kosten anderer durch und reduzieren die biologische Vielfalt.

„Wenn die Welt sich schneller ändert, als Spezies sich anzupassen vermögen, fallen viele diesem Prozess zum Opfer. Und das gilt unabhängig davon, ob die treibende Kraft dieser Veränderung in einem Feuerstrahl vom Himmel fällt oder mit einem Honda zur Arbeit fährt“, schreibt Kolbert, nachdem sie den evolutionsbiologischen Fußabdruck des Menschen in 13 Kapiteln sachlich fundiert und ohne moralischen Impetus vermessen hat. Es ist der Abdruck eines Giganten, der hauptverantwortlich für das sechste Sterben ist. 

Thomas Hummitzsch bloggt auf www.intellectures.de und lebt in Berlin.

Das sechste Sterben. Wie der Mensch Naturgeschichte schreibt. Von Elizabeth Kolbert. Aus dem Englischen von Ulrike Bischoff. Suhrkamp, Berlin, 2015.

 

 

 

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