Verschwende deine Stunden

Samson Kambalu, Ausgabe II/2015, Wir haben Zeit. Ein Heft über Langsamkeit



Zeit ist nicht der knappe Rohstoff, wie uns der Kapitalismus vorgaukelt. Sie ist im Überfluss vorhanden

Es gab zwei Arten von Menschen, die Dr. Hastings Banda, der in Malawi von 1964 bis 1994 an der Macht war, öffentlich kritisieren konnten, ohne im Gegenzug an die Krokodile im Shire-Fluss verfüttert zu werden – alte Frauen und die maskentragenden Mitglieder des Nyau-Bundes. Während Bandas Erntekontollrundgängen überhäuften Politiker landauf, landab den Präsidenten auf Lebenszeit mit Geschenken. Sie sagten ihm, dass es dank seiner weisen Führung überall reiche Ernten gäbe und sein ganzes Volk gut gekleidet sei und einen vollen Bauch hätte. Nur eine ältere Politikerin, Mai Manjankhosi, widersprach: „Diese Menschen lügen: Die Ernte ist mager und unsere Anführer teilen sie nicht mit uns. Wir sind am Verhungern!“ Ein vielsagendes Schweigen begleitete Mai Manjankhosis Rede vor dem Präsidenten. Sie führte lediglich das aus, was die Nyau-Masken mit ihrem „Großen Tanz“ („Gule Wamkulu“) bereits auf dem Höhepunkt der politische Großkundgebung angedeutet hatten: Die Kleidung Chadzundas, des Oberhaupts der Geisterwelt, war eine Parodie des Dreiteilers des Präsidenten – seine Jacke, Krawatte und Weste abgetragen, seine Hosen aus zusammengefügten Hühnerfedern. Während er tanzte – barfuß, eine rote Staubwolke aufwirbelnd, die die donnernden Trommler und eine ekstatische Tanzgruppe einhüllte –, flogen überall Federn herum. Ein weiterer Tänzer, Kapoli, mit einem verschmutzten Fußballoutfit und Staubwedelkopf sah wie ein Pudel aus. Er tat so, als ob er sich Stücke vom eigenen Körper abbiss und sie wegschleuderte – höchstwahrscheinlich um unsichtbare Krokodile zu füttern. Kapoli war die Dramatisierung eines politischen Opfers von Banda.

Doch warum ließ Banda die Kritik zu, in einem Land, in dem Redefreiheit verboten war? Weil alte Frauen und Nyau-Maskenträger Wächter der afrikanischen Zeit sind und daher Souveräne, die jenseits von Gut und Böse existieren. Derjenige, der eine Maske trägt, steht über dem Gesetz. Indem er sich selbst zum Präsidenten auf Lebenszeit ernannte, hatte Banda die Souveränität eines Zeitwächters eingenommen. „Gule Wamkulu“ und die Meinung älterer Frauen zu zensieren, hätte den Fetisch in seiner eigene Autorität untergraben. Die Masken waren auch Bewacher des „Chewa Potlatch“, des Fests des Schenkens, des Verschenkens von überschüssigem Vermögen und von Nyau – der überschüssigen Zeit. Wenn damals Nyau-Masken erschienen, wurden Moralvorstellungen gelockert. Sogar eine Maske zum Spaß auf einem Spielplatz zu tragen, war eine Lizenz für regelwidriges Verhalten. Mein Vater, ein angesehener Beamter, vollführte sein Nyau schon nach einem Schluck Bier ums Haus herum. Wir hatten Nyau in barackenähnlichen Kinos, wobei Fatty Arbuckle und Buster Keaton die beliebtesten waren. Das Nyau-Kino weitete sich auf die zentralen Medien aus: Bandas Propaganda-Wochenschauen wurden ebenso in raffiniert animierte Montagen geschnitten wie ausländische Filme – Bruce Lee war ohne jegliche Konversation in über zweistündigen Faustkämpfen mit seinen Gegnern zu sehen, wobei die spektakulärsten Stellen immer wieder aufs Neue widerholt wurden. Bei jedem Schlag rief das Publikum „Iwe!“ („Du!“). Nyau bot den Menschen einerseits Trost angesichts der Banalität des Alltags, aber vor allem war es die ultimative Zeitverschwendungsmaschine. Der Philosoph Georges Bataille betrachtet vorindustrielle Gesellschaften wie die Chewa in Malawi als auf der „allgemeinen Ökonomie“ beruhend – nämlich der intuitiven Idee, dass Zeit etwas im Überfluss Vorhandenes ist und dazu da, kreativ verschwendet zu werden anstatt ein knapper Rohstoff zu sein, der dazu dient, verkauft zu werden, wie der Spätkapitalismus uns glauben lassen will. Die verschiedenen Ausprägungen von Nyau in afrikanischen Städten sowie „Gule Wamkulu“ in den Dörfern bringen die afrikanischen Auffassung von Zeit als ein Geschenk auf den Punkt. Das nächste Mal, wenn Sie eine Verabredung in Afrika haben und jemand Sie warten lässt, betrachten Sie es als ein Geschenk. Das Leben besteht aus einer Menge überschüssiger Zeit und jeder, der Ihnen dabei hilft, sie zu verschwenden, ist ein wahrer Freund.

Aus dem Englischen von Sebastian Kubitschko

 

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