Kulturelle Aufbauarbeit

Fabian Ebeling, Ausgabe II/2015, Wir haben Zeit. Ein Heft über Langsamkeit



Das Auswärtige Amt hat kürzlich einen fast einjährigen Review-Prozess abgeschlossen. Auch über die Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik wurde diskutiert

Zu Beginn seiner zweiten Amtszeit, im Dezember 2013, kündigte Außenminister Frank-Walter Steinmeier eine kritische Selbstbefragung des Auswärtigen Amts an, einen Review-Prozess. Er wollte herausfinden, was in der deutschen Außenpolitik falsch läuft, und was man besser machen könnte. Diese Fragen galten auch der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik. In öffentlichen Diskussionen und Blogbeiträgen auf der Website des Review-Prozesses schilderten Experten ihre Standpunkte und brachten Ideen ein. Im Februar 2015 wurde dieser Prozess vorerst abgeschlossen.

Steinmeier fasste in einer Rede zu diesem Anlass im Goethe-Zentrum in Berlin die Ergebnisse zur Außenkulturpolitik in fünf Punkten zusammen. Die wichtigste Erkenntnis sei demnach, was sie in Krisensituationen leisten könne. Wenn Menschen Gewalt ausgesetzt sind und vertrieben werden, seien „kulturelle Identitäten besonders bedroht“. Ihr Schutz sei die „Voraussetzung für Verständigung“. Zerstörung und Raub kultureller Güter in Irak und Syrien durch den „Islamischen Staat“ sind nur ein Beispiel für solche Probleme.

Das Deutsche Archäologische Institut entwickelt gemeinsam mit dem Museum für Islamische Kunst in Berlin und syrischen Kooperationspartnern ein Register zur Erfassung von Kulturgütern in Syrien. Diese Zusammenarbeit ist nicht nur eine Reaktion auf die Zerstörungen von Antiken durch den „Islamischen Staat“ im Februar. Sie ist auch Basis für die Zeit nach dem Konflikt, in der die Syrer auf dem Register aufbauen können. Vielleicht können sie sogar ihren Kollegen im Irak dabei helfen, ebenfalls ein solches Register zu entwickeln.

Die weiteren Punkte Steinmeiers bestätigen die Arbeit jener, die in Außenkulturpolitik involviert sind, bergen darüber hinaus aber wenig neue Erkenntnisse: Eine „kulturelle Intelligenz“ müsse entwickelt werden, so der Außenminister, also „die Fähigkeit zum Nachvollziehen der Denkmuster, Geschichtsbilder und Zukunftshoffnungen“. Das sei eine Wahrnehmung, die den „fremden Blick mit einbezieht und dadurch weiter greift“. Außerdem müsse Kulturpolitik über die reine Repräsentation Deutschlands im Ausland hinausgehen und auch die Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft müsse besser werden. Für all das brauche man Institutionen wie das Goethe-Institut.

Im Prinzip besann man sich in der Rückschau auf die Stärken der Außenkulturpolitik, die sich in Projekten der Mittlerorganisationen spiegeln. Der Deutsche Akademische Austauschdienst fördert seit 2009 das Projekt „Public Policy and Good Governance“. Hier werden Fach- und Führungskräfte aus Asien, Afrika und Lateinamerika ausgebildet, die sich für transparente demokratische Strukturen in ihren Heimatländern einsetzen. Die Vermittlung der deutschen Sprache hilft wiederum Menschen, die vor Krieg und Vertreibung flüchten und eine neue Heimat suchen. So plant das Goethe-Ins­titut, bis 2017 ungefähr 4.000 Menschen in den Flüchtlingslagern der Anrainerstaaten Syriens Deutschkenntnisse zu vermitteln. In diesen Beispielen zeigt sich die Nachhaltigkeit Auswärtiger Kultur- und Bildungspolitik – auch wenn sie nicht auf das Brändelöschen in den Krisenregionen der Welt reduziert werden kann. Die Projekte zeigen auch, dass mit einem breiten Kulturbegriff gearbeitet wird, der gesellschaftliches Miteinander als Kulturarbeit begreift und mehr meint als Kunst, Sprache, Theater, Filme, Museen, Bildung und Musik, die klassischen Kultursphären.

Wenn Normalbürger überhaupt etwas mit dem Begriff „Außenkulturpolitik“ verbinden, dann denken sie eher an Projekte aus diesen Sparten. Und auch der Sinn des altbekannten Künstleraustauschs ist nicht immer einfach nachzuvollziehen: Wie soll beispielsweise eine Künstlerresidenz, bei der zehn Künstler aus Deutschland für eine Weile in der Türkei arbeiten und nach ein paar Monaten wieder zurückkehren, dabei helfen, dass sich ein Dialog zwischen den Zivilgesellschaften Deutschlands und der Türkei einstellt? Für die Erfahrung der Beteiligten ist das eine gute Sache, doch wie erfährt man von ihnen, was sie erlebt haben? An dieser Stelle fehlt eine breitenwirksame Kommunikation dessen, was die Außenkulturpolitik leistet.

Der Austausch zwischen zwei Menschen kann schon reichen, ein Verständnis zwischen verschiedenen Kulturen zu ermöglichen. Auch diese Position sollte Kulturpolitik selbstbewusst vertreten.

„Kunst und Kultur machen gesellschaftliche Konflikte bewusst, können die Fähigkeiten verstärken konstruktiv mit Konflikten umzugehen“, schrieb Johannes Ebert, Generalsekretär des Goethe-Instituts, in einem Blogbeitrag auf der Website des Review-Prozesses 2014. Das stimmt natürlich, doch reichen heute wenige Klicks, um sich Konflikte bewusst zu machen. Schnell ging das Video der toten Iranerin Neda im Sommer 2009 um die Welt, die während einer Demonstration im Rahmen der Grünen Revolution in Iran getötet wurde. Das Internet ist schneller als jede Kunst und es ist bemerkenswert, dass Fragen zur Digitalisierung während des Review-Prozesses kaum gestellt wurden.

Auch die Mittelvergabe für die Mittlerorganisationen hätte man in einem solchen Prozess kritisch hinterfragen können. Im letzten Jahr wurden die Etats des Goethe-Instituts und des DAAD erhöht. Andere Einrichtungen wie das Deutsche Archäologische Institut oder das Institut für Auslandsbeziehungen gingen leer aus, obwohl auch sie dringend mehr Geld benötigen. Gute Kulturarbeit und Konfliktprävention kosten Geld. Auch abseits der Krisenherde laufen ständig Projekte und Kooperationen. Mitarbeiter mit höchster Expertise, Ausstellungen, Übersetzungen, Dialoginstrumente wie Zeitschriften, Blogs und Paneldiskussionen – all das will langfristig bezahlt sein, um Wirkung entfalten zu können.

 

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